Corona- Die wirtschaftliche Betrachtung: Fintechs in Zeiten der Krise (1/2)

Durch fehlende Investitionen und Liquiditätsverlust werden viele Start-ups und auch andere Unternehmen sterben.

R.E.M. wussten es: It’s the end of the world as we know it. Die Corona Pandemie ist eine globale Herausforderung, die der Wirtschaft und der Gesellschaft in den kommenden Jahren viel abverlangen wird. Auch und gerade die Welt des Bankwesens und der Finanzindustrie ist nicht immun gegen das Virus.

Immer mehr Konferenzen werden abgesagt, Home Office Regelungen zum Schutz der Mitarbeiter eingeführt, viele Banken, Fintechs und Techniker arbeiten schon seit einiger Zeit aus der Ferne, Einschränkungen durch Reiseverbote und sämtliche Vorsichtsmaßnahmen von oberster Stelle und aus Eigenverantwortung. Die Börsenkurse befindet sich im freien Fall, manche Industriezweige stellen gar ihre Produktion komplett ein, der Ruf nach Mindestlohn ist lauter denn je und viele Arbeitgeber beantragen Kurzarbeitergeld, um Lohnausfälle zu minimieren.

Kurzum: Wir befinden uns in einer Situation, die es so noch nicht gab.

Jede Art der Einschätzung erscheint komisch, da nun versucht wird, etwas nie Erlebtes zu analysieren. Doch natürlich ist es nahe immer auf 9/11 und die Finanzkrise 2008 zu schauen, da es Momente waren, die alle haben innehalten lassen und die (Geschäfts-) Welt dauerhaft verändert haben.

Wie bewerten die Payment & Banking-Experten die aktuelle Situation? Wer könnte innerhalb der Branche zu den Verlierern der Krise gehören, wer jedoch könnte gar gestärkt auch der aktuellen Lage hervorgehen und welche Maßnahmen sind zu treffen?

Im ersten Teil antworten heute: Miriam Wohlfarth, André M. Bajorat und Jochen Siegert
Im zweiten Teil folgen morgen die Einschätzungen von Nicole Nitsche, Kilian Thalhammer und Maik Klotz.

Identitätskrise: warum es keine digitale Identität made in Germany geben wird?

André M. Bajorat

Jede Art der Einschätzung erscheint mir komisch, da wir etwas nie erlebtes versuchen zu analysieren. Das kann eigentlich nur schiefgehen. Natürlich liegt es nahe immer auf 9/11 und die Finanzkrise 2008 zu schauen, da diese Momente uns auch haben innehalten lassen und die (Geschäfts-) Welt dauerhaft verändert haben.

Als sehr alltags- und systemrelevante Szene ist die Payment- und Bankingszene voll involviert. Das merken wir allein daran, dass Bankenöffnungszeiten, das Thema Bargeld und sofort Kredite Teil der offiziellen Krisenkommunikation sind.

Als Verlierer könnten diejenigen aus der Krise kommen, deren Model bis heute noch keine Robustheit aufbauen konnte. Sei es bezogen auf die Diversität an Kunden (Klumpen-Risiko) oder generell im Business Model. Zudem diejenigen, deren Run-Rate sich in den kommenden Monaten dem Ende neigt. Der bis vor wenigen Wochen geltende Satz – “cash ist ausreichend im Markt” – gilt aktuell nicht mehr.

Was wir wohl erleben ist eine Dynamisierung der Auslese und der Verstärkung des Wandels. Wer sich bis vor kurzem noch auf “Stupid-Money” hoffen konnte, wird eher Probleme bekommen. Zudem wird der Trend der Digitalisierung verschärft und bestehende Modelle noch weiter in die Enge treiben.

Wie immer steckt daher natürlich auch in jeder Krise eine Chance. Verlässliche und vertrauensvolle Player, welche die Krise nicht für kurzfristige Effekte nutzen, sondern dabei helfen so schnell wie möglich aus selbiger herauszukommen, werden gestärkt aus der Krise kommen. Das wird viel mit Krediten und “erweiterten Linien” verbunden sein – hier werden die einen Vorteil haben, die ihre Kunden und deren Daten kennen und analysieren können und aus diesen Erkenntnissen mutig und nach vorn gerichtet handeln und unterstützen können.

Mit Empfehlungen an Investoren halte ich mich zurück – für mich selber kann ich nur sagen, dass ich die Augen in Richtung meines Portfolios geschlossen halte und zudem dauerhafte Sparpläne bewusst nicht ausgesetzt habe. Darin kann sicher auch eine Chance für die Branche liegen, eine breitere Menge an Menschen von langfristigen Anlagestrategien zu überzeugen – mag in der aktuellen Lage crazy wirken, bin ich aber von überzeugt.

Eine große Chance für Fintechs sehe ich darin, dass wie oben beschrieben Trends auf denen viele Unternehmen aufsetzen aktuell dynamisiert werden. Dies zu nutzen und die aktuellen Probleme bewusst zu analysieren und daraus passende Produkte zu schaffen, darin liegt für mich eine Chance. Es werden in den kommenden Wochen und Monaten noch eine Reihe an Gaps auftauchen – diese zu schließen, da setze ich auf junge Unternehmen.

Corona- Die wirtschaftliche Betrachtung: Fintechs in Zeiten der Krise

Ich selber sitze seit einigen Tagen im Home-Office und kann dort genauso arbeiten wie zuvor. Natürlich fehlen persönliche Kontakte an einem Ort, aber Video und Telefon ersetzen eine Reihe. Allerdings ist diese Art der Arbeit für mich nichts Neues, sondern eher schon immer Teil meiner Welt. Anders sieht es in der Familie aus, wo die aktuelle Situation aktuell komplett andere Modi erfordert.

Ich für meinen Teil bin inzwischen nach Tagen, in denen ich sehr nachdenklich war wieder positiver gestimmt. Ja, wir werden noch weitere Einschnitte in unser Privatleben erleben, ja, wir werden wirtschaftlich in eine harte Zeit rutschen, aber mir macht unsere Handlungsfähigkeit in Berlin und die große Solidarität große Hoffnung.

Miriam Wohlfarth

Durch fehlende Fundings und Liquiditätsverlust werden viele Start-ups und auch andere Unternehmen sterben. Die Krise wird dazu führen, dass Unternehmen, die kein nachhaltiges Geschäftsmodell haben nur schwer überleben. Sie wird aber auch dazu führen, dass neue Innovationen entstehen Ganz konkret kann man sehen, dass mobiles Bezahlen gerade extrem wächst, da Bargeld deutlich unbeliebter wird. Ohne Corona würde diese Form der Digitalisierung nur viel langsamer vorangehen.
In Deutschland wird es den Rettungsschirm der Bundesregierung geben. Die Banken alleine haben aber wahrscheinlich gar nicht die Kapazitäten alle benötigten Kredite auszugeben. Hier können FinTechs helfen. Die Politik wird in der Corona-Krise digitale Lösungen für das Finanzsystem pushen müssen. Das schafft Raum für Neues. Die Krise kann sich hier als extremer Katalysator erweisen.

Als CEO, Geschäftsführer und Manager werden wir jetzt gezwungen, jeden Euro mindestens doppelt umzudrehen, um unsere Unternehmen durch die Krise zu führen. Das Coronavirus zwingt Unternehmen neu zu denken und ihre Mitarbeiter ins Homeoffice zu schicken. Das ist gar nicht so einfach in einem Land, in dem Präsenzkultur noch sehr verankert ist. Start-ups tun sich da einfacher.

Corona- Die wirtschaftliche Betrachtung: Fintechs in Zeiten der Krise

Bei RatePAY haben wir übrigens die Mitarbeiter ins Mobile Home Office geschickt und die Teilnahme an externen Meetings, Workshops und Events untersagt. Wir nutzen Microsoft Teams, um den Arbeitsalltag relativ normal weiterlaufen zu lassen, nur eben virtuell.

Jochen Siegert

Wir können aktuell nur sehr stark “auf Sicht” analysieren bis sich der “Rauch” gelegt hat. Ich persönlich glaube, dass die kurzfristige Betrachtung mit zu viel Panik belastet ist, aber die mittel- und langfristige Betrachtung noch deutlich zu rosig gesehen wird. Wir werden sehen, ob ein Rebound schnell kommt, oder eben nicht. Die Welt nach dem externen Corona-Schock wird sicherlich deutlich anders, und vor allem viel digitaler, aussehen. Corona führt zu einer harten Zwangsdigitalisierung von einem Tag auf den anderen. Prozesse, die heute noch nicht digital sind, bleiben erst einmal liegen. Das ist für ein paar Tage OK, aber wird nach spätestens 2 Wochen zu einem Problem.

Je länger der Corona-Lock-Down dauert, desto mehr spitzt sich diese Situation zu. Die noch nicht online affinen Endkunden in Quarantäne/Ausgangssperre werden ihr Verhalten pro online deutlich schneller anpassen als unter Normalbedingungen. Das spielt den Online- und Digitalplayern extrem in die Hände und lässt sich längst bei den börsengelisteten Techkonzernen und deren viel geringeren Abschlägen der Kurse ablesen. Gibt es gar eine Korrelation zwischen dem Verfall der Marktkapitalisierung und der digitalen “Readyness”? Für FinTechs ist aber trotzdem nicht alles rosig.

Es gibt es dort sowohl Gewinner als auch Verlierer der Krise, wenn man das operative Geschäft anschaut – je nachdem in welchem Segment ein FinTech aktiv ist und wie die eigene Kundenstruktur von der Krise beeinflusst ist. Auch wird der Zugang zu Kapital zum Wachstum sicherlich deutlich schwieriger, was zu einer Auslese führen wird.

Aber eine Krise bietet eben auch Chancen. Viele der schnell geplatzten E-Commerce-Träume des Dotcom-Crashs der Jahrtausendwende sind später so 1: 1 gekommen und haben sich sogar noch viel größer etabliert als selbst die kühnsten Optimisten damals schätzten. So wird es auch mit den digitalen Finanzangeboten werden. Wohl denen, die sich schnell auf veränderte Bedingungen anpassen können, sie werden zu den Profiteuren des Corona-Schocks gehören.

Autor
Christina Cassala ist freie Wirtschaftsjournalistin aus Berlin und treibt sich dort seit vielen Jahren in der Gründerszene rum. Sie schreibt vor allem über Themen aus den Bereichen Private Equity, Finanzierungen, Start-ups und Fintech-Themen. mehr

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