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Bankautomaten als Revolution? Jetzt hört aber auf

Revolut stellt jetzt Bankautomaten auf, bei denen man nicht einmal Bargeld einzahlen kann und verkauft das als Neuerfindung.

Portrait Nils Heck mit seiner Kolumne Nils nörgelt
Portrait Nils Heck mit seiner Kolumne Nils nörgelt

Revolut stellt jetzt Bankautomaten auf, bei denen man nicht einmal Bargeld einzahlen kann und verkauft das als Neuerfindung. Das ist selbst für ein Fintech lächerlich. Die neue Folge von „Nils nörgelt.”

Die Payment and Banking-Szene ist unzweifelhaft niemals langweilig. Kein Monat vergeht, ohne dass neue Produkte, Banken, Fintechs und Payment-Lösungen auf den Markt kommen. Aber wer braucht das eigentlich alles und muss man das alles gut finden? Unser Autor Nils Heck beleuchtet in seiner Kolumne „Nils nörgelt“ monatlich ein Produkt, Thema oder eben den „letzten heißen Scheiß“. Etwas zu meckern gibt es schließlich (fast) immer.

In meinen vergangenen Kolumnen habe ich ganz oft die wirklich wichtigen Themen besprochen. Die Diskussion um Bargeld (gelebte Steuerhinterziehung) durfte da ebenso wenig fehlen wie die Versuche rund um Wero oder sogar das Altersvorsorgedepot. Bei alldem gab es auf die ein oder andere Art und Weise etwas zu nörgeln und das ist auch die Idee dieser Kolumne. Doch was bei meinen Wutausbrüchen in letzter Zeit deutlich zu kurz gekommen ist, sind Produkte und eben der letzte heiße Scheiß. So wie Ihr es jeden Monat in dem kleinen, kursiven Text lest. Ich freue mich also heute besonders, dass ich das endlich nachholen kann. Denn Fintech-Europa hat es tatsächlich geschafft, etwas so stupides als Innovation zu verkaufen, dass es mich tatsächlich noch mehr auf die Palme gebracht hat als hölzerne Kreditkarten. Die Rede ist von nichts Geringerem als einem gottverdammten Geldautomaten.

Holzkarten, Aufrunden für die Rente, Apple-Brille: Schnapsideen gab es zuletzt genug

An dieser Stelle sei einmal eingeschoben: Nein, das ist kein Witz, es geht gleich wirklich um einen Geldautomaten, der mir als große neue Innovation verkauft werden soll. Als eine völlig neue, digitale Erfahrung – und dabei kann der nicht einmal das, was der Automat der Sparkasse im Vorort meiner Eltern seit 30 Jahren konstant kann. Damit ist selbst für die alles überverkaufende Fintech-Bubble eine gewisse Grenze erreicht, von der ich niemals dachte, dass wir sie erreichen.

Und wir hatten schon viele falsche Versprechen und große Revolutionen, die am Ende eher Revolutiönchen waren. Wenn überhaupt. Da war beispielsweise schon 2020 der völlig alberne Trend hin zur hölzernen Karte, der sich zum Glück wieder gelegt hat. Dann gab es da mal ein Fintech, das allein mit Aufrunden bei jeder Zahlung die gottverdammte Rentenlücke schließen wollte, was erkennbar nicht geklappt hat. Zusätzlich gab es irgendwelche Verrückten, die glaubten, In-Car-Payments würden der neue heiße Scheiß werden, was – Stand heute – nichts wurde. Vor knapp einem Jahr dann brachte Apple die VisionPro auf den Markt, die das Banking auf den Kopf stellen sollte – was ebenfalls nicht funktionierte.

Das Highlight der Überverkaufe: Ein Geldautomat, der kein Geld annimmt

Keine einzige (!) dieser Ideen war aber so banal und wurde zugleich so aufgebauscht wie das neue Produkt vom sonstigen Fintech-Überflieger Revolut. Die Briten nämlich bringen allen Ernstes dieser Tage mehrere Geldautomaten nach Spanien. Nein, liebe Leser:innen, sie müssen ihre Brille nicht putzen und das dritte Glas Barolo war auch nicht schlecht. Es steht dort tatsächlich: Die Briten wollen jetzt Geldautomaten aufstellen. Und das wirklich Verrückte: Sie bewerben es so, als hätten sie gerade das Rad neu erfunden. Immerhin heißt es in der zugehörigen Mitteilung, das Unternehmen „erfindet eines der am meisten übersehenen Elemente der Finanzinfrastruktur neu.” Bitte, was?!

Das klingt so hochtrabend, dass ich mir natürlich direkt einmal angeschaut habe, was das Ding so können soll, und siehe da: Das sind ja wirklich verrückte Dinge (bitte ironisch lesen). Da wäre beispielsweise die kostenlose Abholung für Kunden (revolutionär!), bessere Wechselkurse als bei Konkurrenzbanken (spektakulär!), Unterstützung mehrere Sprachen (ich dreh ab!) und sonst: ja, sonst nicht wirklich viel. Im Gegenteil: Sogar noch deutlich weniger als die altertümlichen Teile in meiner Nachbarschaft. Denn da kann ich immerhin Geld einzahlen. Das geht bei Revolut nicht. Ist das dann eigentlich auch schon eine Neuerfindung – oder ist das Kunst?

Kontostand in XXL? Das neue Design ist nicht neu, sondern einfach ziemlich wild

Besonders merkwürdig aber mutet das Design an. Das Display auf den Werbefotos sieht nicht eingebaut aus, wie wir es von den kleinen bunkerartigen Automaten kennen, sondern groß wie ein Spiegel und absolut offen für alle einsehbar. „Tap to start“ steht da drauf. Und ja, man möge mich korrigieren, wenn ich da was übersehen habe: Aber wie genau soll ich da mal meinen Kontostand checken, ohne das halb Tokio mitliest? Oder passiert das gar nicht auf dem riesigen Display sondern irgendwo versteckt im bunkerartigen Geldautomaten, wie – naja – wir ihn seit jeher kennen? Das einzig sinnvolle Feature, wobei ich da sehr auf die Umsetzung gespannt bin, ist die Ausgabe von Karten, wenn man seine verloren hat. Aber das, meine Damen und Herren, ist nun wirklich keine „Neuerfindung der Finanzinfrastruktur”. Bei aller Liebe nicht.

Anyways, wie der Brite sagt. Revolut katapultiert sich mit dieser absoluten Nicht-Erfindung auf jeden Fall an die Spitze der diesjährigen „Unnütz”-Awards und das extrem zielsicher schon Anfang Juni. Dafür natürlich meinen vollen Respekt. Ich gehe aber gern so weit, dass ich dem genialen Erfinderteam dahinter gerne noch ein paar Pichtes präsentieren möchte. Falls Ihr also nicht zu beschäftigt seid, bringt doch mal eine Karte raus, mit der man Geld abheben kann. Oder eine App, in der ich meinen Kontostand checken könnte. Oder ganz verrückt: ein kostenloses Girokonto. Ich sag euch: Auf sowas ist noch niemand gekommen. Wenn ihr dann noch ein paar Features außen vorlasst, ist die Neuerfindung bald perfekt.

Autor

Nils Heck
Nils Heck

Nils Heck ist Gründer des Journalistenbüros dreimaldrei, Buchautor und seit März 2024 Redaktionsleiter bei Payment and Banking. In seiner Kolumne „Nils nörgelt“ kommentiert er kritisch die Branche. Nebenbei jongliert er professionell.