„Wir sind genau zum richtigen Zeitpunkt nach Deutschland gekommen“

Ein Interview mit Oscar Jazdowski von der Silicon Valley Bank

Oscar Jazdowski ist Deutschlandchef der Silicon Valley Bank (SVB). Die auf die Förderung von Startups und High-Tech-Unternehmen spezialisierte Bank wurde 1983 in den USA gegründet und ist seit Mai 2018 in Deutschland (Frankfurt am Main) vertreten. Jazdowski arbeitet seit mehr als 30 Jahren auf Banken- und Investorenseite im Bereich Startup-Finanzierung, 2002 kam er zur SVB, deren China-Ableger er zuletzt mit aufbaute.

Oscar Jazdowski Porträt

Seit über einem Jahr ist die Silicon Valley Bank nun schon in Deutschland aktiv. Was waren die ersten Erfahrungen mit dem deutschen Startup-Ökosystem?

Ich bin seit vielen Jahren in vielen Ländern der Branche tätig. In allen Ländern stellen sich Unternehmer die gleichen Fragen – auch in Deutschland. Dazu gehören Fragen wie beispielsweise nach der Suche nach Talenten, nach Expansionszielen, nach Skalierbarkeit und so weiter. Meiner Erfahrung nach gibt es mehr Ähnlichkeiten als Unterschiede. Dennoch ist es interessant zu erfahren, woher die jeweiligen Gründer kommen, was sie sind oder auch, wovon sie angetrieben werden.

Sehen Sie also doch globale Unterschiede im unternehmerischen Denken?

Gründer aus den USA sehen sehr schnell ihre Chance, eine Branche zu disruptieren. Sie identifizieren schnell Ineffizienzen und bauen ein erfolgreiches Unternehmen auf und verdienen ein Vermögen. Das ist in China ähnlich. Gründer in Deutschland haben natürlich auch ein Interesse daran, Geld zu verdienen, aber gleichzeitig wollen sie auch einen Wert schaffen.

Zum Glück hat sich auch in Deutschland das Verhältnis zum Unternehmertum verändert. Gründer werden mittlerweile stärker akzeptiert, obwohl ihre Eltern häufig Zeit ihres Lebens für große mittelständige oder große deutsche Unternehmen gearbeitet haben. Ein deutscher Gründer will sich wohlfühlen, um ein erfolgreiches Unternehmen aufzubauen, doch anders als die “alte Generation” wird es doch vermutlich doch irgendwann verkaufen. Auch hier ändert sich etwas in der Mentalität.

Ein Jahr im Rückblick: Was hat Sie am Ökosystem in Deutschland am meisten überrascht?

Es war ein tolles erstes Jahr! Eine sehr angenehme Überraschung war, wie hervorragend hierzulande der Zugang zu Talenten ist. Das war mir im Vorfeld gar nicht so klar. Deutschland hat viele gut ausgebildete Talente und durch den Zugang von Osteuropa einen enormen strategischen Vorteil. Er ermöglicht den Unternehmen, großartige Technologie zu entwickeln. Früher wäre der polnische Softwareentwickler vielleicht nach London gegangen, um dort zu arbeiten. Das muss er jetzt gar nicht mehr, denn Berlin hat eine so enorme Strahlkraft entwickelt, so dass der Software-entwickler einfach bleibt.

Hinzu kommt: Die Unsicherheiten rund um den Brexit, insbesondere bei Fragen rund um die Einwanderung, kommen dem deutschen Ökosystem zugute. Hier muss London bzw. Großbritannien aufpassen! Dennoch wird London als Technologiezentrum eine starke Konkurrenz bleiben. Da bin ich als Brite optimistisch. Aber London wird in manchen Branchen kreativ werden müssen, um weiterhin Talente anzuziehen!

Sie sprechen immer von den vielen Talenten in Berlin. Aber die Silicon Valley Bank hat sich letztes Jahr Frankfurt als Standort ausgesucht. Wäre Berlin Ihren Schilderungen nach nicht viel spannender gewesen?

„Wir sind genau zum richtigen Zeitpunkt nach Deutschland gekommen“ – Oscar Jazdowski von der Silicon Valley Bank

Das stimmt, aber es war eine bewusste Entscheidung. Wir setzen auf Wachstum in der Frühphase, auf große Technologie-unternehmen und wir lieben das frühe Stadium von Unternehmen. Aber wir sind eben auch eine Bank. Da passte Frankfurt als Standort für den Start in Deutschland besser. Wir sind auch für eine Vielzahl von Risikokapital- sowie Private Equity-Gesellschaften tätig und haben eine fremdfinanzierte Buyout-Finanzierung. Wir sprechen hier also von Fusions- und Übernahme-finanzierung. Wir vergeben viel Kredit an Risikokapital- und Private-Equity-Firmen. Wir pendeln viel zwischen Frankfurt, Berlin und München, um so an den verschiedenen Hotspots präsent zu sein. Außer-dem waren wir keine Fremden, als wir nach Deutschland kamen. Allerdings waren wir im deutschen Ökosystem noch nicht so bekannt.

Die Silicon Valley Bank gibt es seit fast vier Jahrzehnten. Bereut ihr es, erst so spät nach Deutschland gekommen zu sein. 

Nein, ich denke, wir sind genau zur richtigen Zeit gekommen. Deutschland befindet sich derzeit an einem Wendepunkt und mein Eindruck ist, dass Deutschland mit Frankreich und Großbritannien konkurriert.

Also keine Bedenken, dass Deutschlands Ökosystem zurückfällt? Immerhin ist London nach wie vor sehr aktiv und auch Frankreich hat aktuell sehr viel Geld zur Unterstützung der Technologiefirmen locker gemacht ….

Nein, auf gar keinen Fall! Wo stand das deutsche Technologie- und Risikokapital-Ökosystem vor fünf Jahren war? Nirgendwo! Wo steht es heute? Was für eine Entwicklung. Und stellen Sie sich vor, was in den nächsten fünf Jahren passieren wird. Deshalb sind wir nach Deutschland gekommen. Frankreich ist ein wunderbares Land, aber mehr noch als in Frankreich arbeiten in deutschen Startups unzählige Nationalitäten miteinander. Diese Multinationalität spricht internationale Talente an. Deutschland ist viel offener!

Welche Lücke schließt ihr hierzulande?

Wir vergeben Kredite an Frühphasen-Unternehmen. Traditionelle Geschäftsbanken tun das nicht, weil sie dies als riskant ansehen. Natürlich gibt es mittlerweile eine Reihe von Risikokapitalfonds, die mit uns konkurrieren, aber das sind eben keine Kreditgeber, sondern Investoren. Wir wollen allerdings nicht Schuldengeber sein, sondern Partner unserer Kunden.

„Wir sind genau zum richtigen Zeitpunkt nach Deutschland gekommen“ – Oscar Jazdowski von der Silicon Valley Bank

Mittlerweile haben wir Beziehungen zu großen Unternehmen aufgebaut und haben viel Zeit damit verbracht, große Unternehmen mit einigen unserer Unternehmen im Frühstadium zu verbinden. Das ist für beide Seiten ein Gewinn.

Warum schafft es die Silicon Valley Bank Unternehmen Kredite zu geben und ins Risiko zu gehen? Immerhin lassen große Banken davon eher die Finger, da sie kaum Gegenwert haben. Welche Mechanismen greifen da und welche Form von Krediten gibt es hierfür?

Für unsere Frühphasen-Unternehmen legen wir großen Wert auf die Qualität der Investoren, die Eigenkapital in das Unternehmen eingebracht haben. Das bedeutet nicht, dass wir blind in jedes Unternehmen investieren werden, das von VCs unterstützt wird, aber es ist die Grundlage, auf der wir unser Geschäft in den letzten 38 Jahren aufgebaut haben. Da wir mit so vielen Risikokapitalgesellschaften zusammenarbeiten, haben wir eine sehr enge und symbiotische Beziehung aufgebaut.

Wir stehen in engem Kontakt und es besteht ein hohes Maß an Vertrauen zwischen uns und den VCs. Daher sehen sie uns wirklich als Partner bei der Bereitstellung von Fremdkapital für ihre Unternehmen und nicht nur als Drittbank.

Wann werden die etablierten deutschen Banken auf den Zug auf-springen und das Modell der SVB kopieren?

Wir sind der festen Überzeugung, dass weltweit mehr Banken in den Finanzierungssektor für technologische Innovationen einsteigen müssen. Es handelt sich um einen großen, schnell wachsenden Sektor, der mehr Zugang zu Fremdkapital benötigt. In vielerlei Hinsicht ermutigen wir daher deutsche Banken, sich stärker zu engagieren. Weltweit haben wir gesehen, dass viele Banken in Richtung Technologie-/Innovationsfinanzierungssektor schwenken.

„Wir sind der Überzeugung, dass weltweit mehr Banken in den Finanzierungssektor für technologische Innovationen einsteigen müssen.“

Sie wollen künftig auch mehr und mehr an den deutschen Mittelstand herantreten. Was ist daran so schwierig?

Der Mittelstand pflegt lokal enge Beziehungen, doch auch er ist auf der Suche nach neuen Technologien und Digitalisierung. Gleichzeitig ist er jedoch besorgt, dass diese sein Unternehmen zerstören könnten. Hier wollen wir mit Erfahrung und Netzwerken helfen.

Wir arbeiten mit allen zusammen – auch mit Wettbewerbern hier auf dem Markt, um zum Wachstum des Ökosystems beizutragen. Denn schlussendlich braucht das Ökosystem mehr Kapital, mehr Innovation und mehr Vernetzung. Diesen Mehrwert wollen wir global anbieten.

Was sind Ihrer Meinung die interessantesten Branchen der Zukunft in Deutschland?

Mit seiner Historie in der Automobilindustrie wird in Deutschland künftig noch mehr Fokus auf dem Thema autonomes Fahren liegen. Die Vernetzung der Mobilität wird zu einem Schlüsselfaktor und Deutschland wird dabei eine große Rolle spielen. Man muss sich keine Sorgen machen wegen der Technologien aus den USA und China. In Deutschland wird viel passieren.

Autor
Christina Cassala ist freie Wirtschaftsjournalistin aus Berlin und treibt sich dort seit vielen Jahren in der Gründerszene rum. Sie schreibt vor allem über Themen aus den Bereichen Private Equity, Finanzierungen, Start-ups und Fintech-Themen. mehr

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