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Warum Trade Republic ein kostenloses Altersvorsorgedepot anbietet

Der Neobroker landet mal wieder einen Marketing-Coup. Aber auch strategisch scheint es sinnvoll, ein kostenloses Altersvorsorgedepot anzubieten. Zumindest anfangs. Denn ob sich das langfristig rechnet, ist unklar.

Christian Hecker, Gründer von Trade Republic, über das kostenlose Altersvorsorgedepot und die Strategie dahinter
Christian Hecker, Gründer von Trade Republic, kündigt das kostenlose Altersvorsorgedepot an – aber steckt dahinter wirklich Altruismus oder das klassische Hot-Dog-Prinzip?

Beim Neobroker Trade Republic sind sie nie um eine guten Marketing-Kniff verlegen. Die Gratisaktie für Neukund*innen hat bei den Berlinern schon Tradition, sehr erfolgreich war auch die Ankündigung, gestiegene EZB-Zinsen eins zu eins an die Kunden weiterzugeben. Auch jetzt hat man sich bei Trade Republic was einfallen lassen: Das neue Altersvorsorgedepot, das die Deutschen ab 2027 an die Kapitalmärkte locken soll, gibt es beim Anbieter komplett umsonst. „Deutschland gehört mit dem neuen Altersvorsorgedepot weltweit zur Spitze bei der geförderten privaten Altersvorsorge“, sagt Trade-Republic-Gründer Christian Hecker. Entscheidend sei jetzt, dass diese Förderung auch wirklich bei den Menschen ankommt und nicht in hohen Gebühren bei Banken und Versicherungen hängenbleibt. 

Verzichtet Trade Republic hier tatsächlich auf den großen Reibach, um die deutsche Rentenlücke zu schließen? Es dürfte niemanden überraschen, dass die Antwort darauf eher „Nein“ lautet. Denn mit dem Altersvorsorgedepot, davon geht die Finanzszene aktuell aus, dürfte sich ohnehin kaum Geld verdienen lassen. Immerhin wird das Depot einen Effektivkostendeckel haben, der bei einem Prozent liegt. Das zeigt sich auch in den Ergebnissen des Altersvorsorgedepot-Barometers, das die DWP Bank gemeinsam mit dem Fintech Lemon Markets veröffentlicht. 52 Prozent der befragten Finanzdienstleister sind skeptisch, ob sich das Produkt am Ende rechnet. 28 Prozent halten es sogar explizit für schwer oder kaum wirtschaftlich tragfähig.

Das Hot-Dog-Prinzip

Trade Republic verzichtet also – wenn überhaupt – auf Minimalerträge, die das Altersvorsorgedepot mit sich bringt und scheint zu hoffen, dass der Werbeeffekt des Gratisdepots am Ende wertvoller ist.

Das könnte sich vor allem dann bewahrheiten, wenn das Depot die strategische Rolle erfüllt, den ihm viele Finanzinstitute zuschreiben. Die Hoffnung der Banken und Broker: Sind die Menschen einmal Kunden dank des Depots, kaufen sie vielleicht weitere Wertpapiere, die dann auch den Anbietern Rendite bringen. Es ist das Loss-Leader- bzw. Lockvogelprinzip – also dasselbe Prinzip, das auch Ikea dazu bringt, seine Hot Dogs für Kleckerbeträge anzubieten, damit die Menschen hoffentlich auch noch ein paar neue Lampen kaufen, wenn sie schon mal im Laden sind. Dass das die Hoffnung vieler Unternehmen ist, bestätigt auch das AVD-Barometer der DWP Bank. 88 Prozent der dort Befragten erhoffen sich neue Anlegergruppen.

Die Skepsis beim Altersvorsorgedepot bleibt

Allerdings ist noch längst nicht ausgemacht, dass diese Strategie aufgeht. Auch andere Anbieter haben bereits ein kostenloses Altersvorsorgedepot angekündigt, etwa Scalable Capital und Smartbroker. Damit ist der Lockvogeleffekt überschaubar. Und selbst wenn er funktioniert, ist noch längst nicht gesagt, dass die neu gewonnenen Kunden tatsächlich anfangen, fleißig weitere Wertpapiere zu kaufen und über das kostenlose Depot und seine fest gedeckelte Fördersumme hinaus investieren. In Anbetracht der Tatsache, dass die meisten Deutschen den Kapitalmarkt meiden wie der Teufel das Weihwasser, ist hier zumindest Skepsis geboten.

Und vielleicht noch ein Blick auf das gescheiterte Vorgängerkonzept Riester: Zahlen des Bundesfinanzministeriums aus dem Jahr 2022 zeigten, dass gerade einmal die Hälfte der Riester-Zulageempfänger die Förderung voll ausschöpften. Wenn sich also Menschen schon nicht davon überzeugen lassen, den Förderrahmen eines Altersvorsorgeproduktes voll auszunutzen, wie hoch ist die Wahrscheinlichkeit, dass sie dann noch anderweitig Geld in Wertpapiere investieren?

Autor

Lars-Thorben Niggehoff
Lars-Thorben Niggehoff

Lars-Thorben Niggehoff ist freier Journalist und Gründer des Büros dreimaldrei. Er schreibt über Finanzthemen, Mittelstand und Immobilien – u. a. für Payment & Banking, Brand Eins, Capital, Welt und Wirtschaftswoche.