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Vibecoding: Wie ein Prompt die Softwareentwicklung verändert

Manchmal bringt ein einzelnes Tool alles ins Wanken, was man über die eigene Arbeit zu wissen glaubte. KI frisst Jobs? Hold my beer.

Vibecoding: Wie ein Prompt die Softwareentwicklung verändert

Einen nicht unerheblichen Teil meiner Arbeit verbringe ich damit, Produktstrategie zu denken und in Folien zu kleben. So funktioniert ein großer Teil von Realität in unserer Branche: Idee, Storyline, Oberfläche, Kundenschnittstelle. Erst einmal als Folie, viele Folien. Mit KI habe ich jetzt aber plötzlich den Infinity-Stein gefunden. Denn ich muss Produktideen nicht mehr nur visualisieren, sondern kann sie mit Vibecoding in kürzester Zeit auf die Straße bringen. Genau darin liegt die eigentliche Wucht: Zwischen strategischem Denken und funktionierender App liegt auf einmal fast keine Übersetzung mehr.

Kurz: Softwareentwicklung, wie wir sie kennen, ist nicht tot. Aber sie hat sich radikal gewandelt. Und mit ihr die Frage, wem in Zukunft eigentlich die Kundenschnittstelle gehört.

Was ist Vibecoding?

Der Begriff stammt von Andrej Karpathy, einem der bekanntesten KI-Forscher und Mitgründer von OpenAI. Im Februar 2025 beschrieb er in einem Tweet eine neue Art des Programmierens: Er gebe der KI vor, was entstehen soll, akzeptiere den generierten Code, ohne ihn vollständig zu lesen, und bewerte nur das Ergebnis. „You fully give in to the vibes, embrace exponentials, and forget that the code even exists.“

Was damals nach einer Provokation klang, wird immer mehr zum Mainstream. Collins Dictionary kürte Vibe Coding zum Wort des Jahres 2025. 25 Prozent der Y-Combinator-Startups des Winters 2025 haben Codebasen, die zu 95 Prozent von KI generiert wurden. Google gibt an, dass mehr als ein Viertel seines neuen Codes von KI stammt. Cursor, das führende Vibecoding-Tool, wurde im Juni 2025 mit 9,9 Milliarden Dollar bewertet.

Vibecoding bedeutet im Kern: Statt Zeile für Zeile Code zu schreiben, beschreibt man in natürlicher Sprache (also dem Prompt), was die Software tun soll, wie sie aussehen soll, und welche Logik dahintersteckt. Die KI, Claude Code, OpenAI Codex, Cursor, Windsurf und viele andere, generieren den Code. Kurzum, man wird vom Handwerker zum Architekten. Auch wenn man zwei linke Hände hat.

Vibe Coding ist so was wie der Thermomix der Softwareentwicklung. Man gibt die Zutaten hinein, die Maschine übernimmt die Ausführung. Flexibel, oft gut genug für den Alltag. Und trotzdem gibt es den Thermomix auch in Sterne-Restaurants.

Vibecoding in der Praxis: simplebanking.de

Banking beschäftigt mich nicht nur von Berufs wegen, und „Überblick“ zu halten, ist nicht so meins. Das Problem der meisten Apps: Sie helfen nicht und sind für mich als Joe-Sixpack-User am Ende so etwas wie Excel in anders. Die verfügbaren PFM (Personal Finance Management) hören sich nicht nur nach BWL an, sondern sehen auch so aus. Da ich den ganzen Tag am Mac sitze, fehlte mir eine Lösung. Auch war ich in den letzten Jahren bei einigen User-Interviews dabei und kann sagen: Alleine bin ich nicht damit. Das war die Geburtsstunde von simplebanking.

Vor einigen Wochen war simplebanking.de nur eine Idee auf einem Blatt Papier. Heute ist es eine native macOS-Menüleisten-App, die genau ein Problem löst: Sie zeigt dir deinen Kontostand direkt in der Menüleiste deines Macs an, ohne dass du eine Banking-App öffnen musst. Die App nutzt die Open-Banking-Technologie von YAXI, um lesend auf nahezu alle deutschen Banken zuzugreifen. Und sie wurde fast vollständig durch Vibecoding entwickelt. Mit Claude Code und OpenAI entstand eine vollwertige, in reinem Swift geschriebene Anwendung. Die KI half dabei, komplexe APIs anzubinden und sensible Nutzerdaten sicher zu machen. Dinge, für die ich früher Monate und ein Entwicklungsteam gebraucht hätte. Und viel Geld.

Heute verzeichnet die App rund 1.000 Nutzer:innen täglich und gibt nicht nur Auskunft über den Kontostand, sondern auch wichtige Informationen über die eigene persönliche finanzielle Situation. Das ist kein Selbstlob. Das ist ein Datenpunkt. Denn was dabei passiert, ist strategisch relevant, auch und gerade für die Finanzindustrie.

Der eigentliche Paradigmenwechsel: Wer besitzt die Kundenschnittstelle?

Die meisten Unternehmen haben in den letzten Jahren viel in ihre Apps investiert. Und das war richtig und wichtig. Aber die Prämisse hinter dieser Investition, nämlich „der Kunde kommt zu meiner App, weil er muss”, ist brüchig.

Bisher war es aufwändig und teuer, ein eigenes Frontend zu bauen. Entwicklerteams, lange Zyklen, hohe Kosten. Das schützte die Unternehmens-App als Standard-Touchpoint.Mit Vibecoding entfällt dieser Schutzwall. Wenn jede:r auch ohne klassischen Entwickler:innen-Background in wenigen Wochen eine maßgeschneiderte, hochgradig personalisierte Anwendung bauen kann, verliert die Standard-App an Relevanz. Nutzer:innen interagieren nicht mehr zwingend mit dem Unternehmen, sondern mit der Plattform oder der Nischen-App, die spezifische Probleme am besten löst.

Simplebanking ist ein sehr kleines Beispiel. Aber es zeigt das Muster: Die Bank liefert Daten im Hintergrund, das Erlebnis und die tägliche Interaktion finden woanders statt.

Was das für die Finanzindustrie bedeutet. Und was nicht

An dieser Stelle wäre es einfach, auf die große Panikspirale umzuschalten. Das ist zu kurz gedacht und am Ende auch nicht richtig.

Vibecoding demokratisiert die Produktentwicklung, aber es löst keine Regulierungsfragen. Es ersetzt keine Banklizenz, keine Compliance-Infrastruktur, keine Haftung. Es macht keine Transaktionen sicherer oder vertrauenswürdiger.

Was es aber tut: Es senkt die Schwelle, um an die Kundenschnittstelle zu kommen.

Die strategische Antwort kann also nicht lauten, die eigene Lösungen noch mehr zu schützen. Sie muss lauten: Weg vom Kampf um Kund:innen-Schnittstellen, hin zur Vertrauensplattform. 

Das Stichwort ist Embedded Finance. Die Finanzindustrie muss zu unsichtbaren, aber unverzichtbaren Infrastrukturanbietern werden: über APIs wie PSD2/PSD3 oder in Zukunft Dora.  Es geht dabei darum, Sichtbarkeit zu schaffen, egal in welchem Interface Nutzer:innen gerade sind. Egal ob in einer selbstgebauten Menüleisten-App, in einer Neobroker-Oberfläche, oder bald in einem Agentic-Commerce-System, das autonom bezahlt.

Unternehmen, die in den nächsten zehn Jahren gewinnen, sind nicht die mit der schönsten App allein. Es sind die, die alels bieten: Schnittstellen und eigene Apps und Frontends.

Die Kehrseite: Was Vibecoding nicht kann

Fairness gebietet es, das zu sagen: Vibecoding hat echte Grenzen.

Studien zeigen, dass rund 45 Prozent von KI-generiertem Code Sicherheitslücken enthalten. 2025 wurden in Hunderten von Apps, die mit dem Vibecoding-Tool Lovable gebaut wurden, Schwachstellen gefunden, die persönliche Daten exponierten. Wer Vibecoding für Produktionssoftware nutzt, ohne menschliche Review, spielt Russisch Roulette mit Nutzer:innendaten.

Das sogenannte „Vibe Coding Hangover“ ist real: Teams bauen etwas, es funktioniert, alle feiern, und drei Monate später kann niemand erklären, wie der Code funktioniert. Die ursprünglichen Prompts sind weg, die Architektur ein Rätsel, jede Änderung bricht etwas anderes. 

Das bedeutet nicht, dass Vibecoding nicht funktioniert. Es bedeutet, dass es in der Softwareentwicklung weiterhin Sterne-Restaurants gibt und der Thermomix kein Koch-Diplom ersetzt.

Für finanzrelevante Software gilt das noch stärker: DSGVO, DORA, Einlagensicherung, AML-Anforderungen, das alles sind keine Prompts, das sind komplexe Systeme. Wer ernsthaft Open-Banking-APIs anbindet, braucht mehr als Vibecoding. 

Das eigentliche Signal

Wenn ich heute mit einem Prompt in wenigen Wochen eine App baue, die täglich 1.000 Nutzer:innen hat, dann sagt das etwas aus, das jeder Vorstand verstehen sollte:

Die Kundenschnittstelle ist nicht mehr zu verteidigen. Sie ist jetzt offen.

Die Frage ist nicht mehr, ob jemand kommt und eine alternative Oberfläche für deine Bankdaten baut. Die Frage ist, ob deine APIs bereit sind, wenn er es tut.Und ob du als Unternehmen lieber die unsichtbare Infrastruktur bist, das Frontend oder beides.

Wen das Thema interessiert: Am 23. Juni 2026 findet in Hamburg die KI Exchange statt.

Autor

Maik Klotz
Maik Klotz

Maik ist Strategieberater, Autor, Speaker und Podcaster mit 15+ Jahren in der Finanz- und Paymentbranche. Beim DSGV verantwortet er die Strategie für digitale Wallets. Gründer von Payment & Banking und Host von „AI in Finance".