Wir feiern Innovation als Fortschritt – nur wer finanziert sie? Das Silicon Valley wurde mit Militärgeldern großgezogen und viele Tech-„Neuerungen“ dienen eher zur Kontrolle als gesellschaftlicher Verbesserung. Das gilt auch für den Finanzsektor.
Jedes neue KI-Tool, jede bahnbrechende App, jede Automatisierung wird als Zeichen des Fortschritts bejubelt. Doch ein genauerer Blick zeigt: Das Silicon Valley ist keine neutrale Spielwiese für Innovation.
Während wir uns von der Erzählung der rebellischen Start-up-Gründer blenden lassen, die in Garagen das nächste große Ding entwickeln, zeigt die Realität: Das Valley wurde nicht von visionären Tüftlern großgezogen – sondern mit Geld aus dem Verteidigungssektor. Viele der Unternehmen, die heute unsere digitale Welt prägen, stehen auf den Schultern militärischer Forschung, finanziert von Institutionen, die nicht gerade für gesellschaftlichen Fortschritt bekannt sind. Tech-Unternehmen agieren oft wie spezialisierte Einheiten in einem größeren Feldzug – mit klaren Prioritäten: Kontrolle, Sicherheit, Überwachung. Aber sicher nicht Gerechtigkeit.
Von der Waffenschmiede zum Tech-Giganten
Schauen wir zurück: In den 1950er-Jahren floss ein großer Teil der amerikanischen Forschungsgelder direkt ins Militär. Unternehmen wie Lockheed Martin und Fairchild Semiconductor arbeiteten damals an Verteidigungsprojekten – Kommunikationssatelliten, Raketensteuerungen, Waffensystemen. Ohne diese massiven Investitionen hätte es viele der heutigen Tech-Errungenschaften nicht gegeben. Das Internet? Entwickelt aus einem militärischen Projekt. GPS? Ursprünglich ein Navigationssystem für das Militär.
Das Silicon Valley war nie der naive Tüftler-Spielplatz, als den wir es gern romantisieren. Es war von Anfang an eine militärisch geförderte Innovationsmaschine. Und das prägt seine Werte bis heute.
Milliarden für Tech-Giganten: Wer zahlt, bestimmt die Richtung
Bis heute sind die Verbindungen zwischen Big Tech und dem Verteidigungssektor enger als vielen bewusst ist. seit 2004 flossen mindestens 40 Milliarden US-Dollar von US-Militär- und Geheimdienstbehörden an Unternehmen wie Amazon, Microsoft und Google. Wofür? Sicher nicht für soziale Gerechtigkeit. Vielmehr floss es in KI-gestützte Drohnentechnologie, Überwachungssoftware und Spionagesysteme.
Dazu kommt: Zwischen 2021 und 2023 erhielten Verteidigungstechnologie-Start-ups über 100 Milliarden US-Dollar Risikokapital. Und wer das Geld gibt, setzt die Agenda. Statt ethischer KI und inklusiver digitaler Räume stehen Sicherheits- und Kontrolltechnologien im Fokus.
Ein Beispiel: Palantir, ein Unternehmen, das sich mit Datenanalyse für Regierungen, Geheimdiensten und Militärs einen Namen gemacht hat, wird vom Pentagon und der CIA mit Millionen finanziert. Der ehemalige CEO sagte einmal, dass Palantir nur Kunden mit „richtigen Werten“ beliefert. Die „richtigen Werte“? Ein konservatives, auf Überwachung und Kontrolle basiertes Weltbild.
Dass Silicon Valley-CEOs wie Musk, Thiel oder Zuckerberg immer offener reaktionäre Werte vertreten, überrascht da wenig – sie sind das Produkt eines Systems, das mit konservativen Geldern großgezogen wurde.
Technologie ist nicht gleich Fortschritt
Hier liegt das Problem: Wir setzen oft technologischen Fortschritt mit gesellschaftlichem Fortschritt gleich. Doch nur weil sich etwas weiterentwickelt, heißt das nicht, dass es automatisch allen zugutekommt.
- Gesichtserkennungssysteme diskriminieren marginalisierte Gruppen – weil sie mit verzerrten Datensätzen trainiert wurden.
- KI-Algorithmen in Bewerbungsprozessen sortieren Frauen und People of Color systematisch aus – weil sie bestehende Diskriminierungen einfach kopieren.
- Die Gig Economy beutet Arbeiter*innen aus – unter dem Deckmantel von Flexibilität und digitaler Innovation.
Fintech: Fortschritt oder Rückschritt?
Auch im Finanzsektor gilt: Nicht jede Innovation dient dem gesellschaftlichen Wohl. Ein aktuelles Beispiel ist die Einführung von Bezahlkarten für Asylbewerber in Deutschland. Ursprünglich gedacht, um den Verwaltungsaufwand zu reduzieren und Missbrauch von Leistungen zu verhindern, zeigen sich in der Praxis erhebliche Nachteile:
- Einschränkungen im Alltag: Viele Geschäfte, insbesondere kleinere Läden oder Second-Hand-Shops, akzeptieren die Bezahlkarte nicht. Das erschwert den Alltag der Betroffenen erheblich.
- Diskriminierung und Stigmatisierung: Die Karte limitiert Bargeldabhebungen und Überweisungen, was die finanzielle Autonomie der Asylbewerber*innen einschränkt und sie weiter marginalisiert.
- Verwaltungsaufwand statt -vereinfachung: Trotz gegenteiliger Behauptungen führt die Einführung der Bezahlkarte zu mehr Bürokratie und erhöhtem Verwaltungsaufwand.
Und das ist kein Einzelfall: Viele Fintech-Innovationen sorgen nicht für mehr Gerechtigkeit, sondern verstärken bestehende Ungleichheiten.
- Algorithmische Kreditvergabe benachteiligt Frauen und marginalisierte Gruppen, weil sie sich auf historische Daten stützt, die systemische Diskriminierung enthalten.
- Neobanken und digitale Finanzprodukte richten sich oft an bereits gut vernetzte, wohlhabende Nutzer*innen – während finanziell prekäre Gruppen schlechteren Zugang zu Bankdienstleistungen haben.
Tech menschlicher denken
Für eine gerechtere digitale Zukunft müssen wir aufhören, unkritisch jede Innovation zu feiern. Es geht nicht darum, Technologie zu verteufeln, sondern ihre Wurzeln und Ausrichtungen zu hinterfragen. Wer hat den größten Einfluss auf technologische Entwicklungen? Wer profitiert? Und wer bleibt auf der Strecke?
Technologie kann ein Werkzeug für echten gesellschaftlichen Fortschritt sein – aber nur, wenn wir sie nicht den alten Machtstrukturen überlassen.