Marko Wenthin: Wer Banktechnologie nicht erneuert, bleibt zurück
SAP-Fioneeer-Manager Marko Wenthin spricht im Interview über Echtzeitbanken, KI und die nächste Generation der Kernbankensysteme.
Marko Wenthin ist ein bekanntes Gesicht in der Bankingszene. Nach Stationen bei der Deutschen Bank, Solaris und Penta ist er nun bei SAP Fioneer damit betraut, Banksysteme fit für den Einsatz von KI und digitalen Assets zu machen. Warum das spannend ist?
Das verrät Marko Wenthin hier im Interview.
Wer bist Du und was machst Du?
Ich bin zwar gelernter Banker, habe aber früh gemerkt, dass ich am liebsten unternehmerisch arbeite. 2005 habe ich deshalb meinenJob bei der Deutschen Bank aufgegeben, um zu gründen. Trotz schlafloser Nächte und einiger Misserfolge würde ich das wieder so tun, weil mir ein enges Corporate-Korsett nicht die „künstlerische Freiheit“ gibt, die ich mir einbilde zu brauchen.
Inhaltlich zieht sich bei mir ein roter Faden durch: Meine Diplomarbeit drehte sich um Change-Management in Banken. Dazu kommt das notwendige tiefe Verständnis des Bankgeschäfts von Aktiv- und Passivseite über Transaktion, Risiko, Compliance, Kunden und Markt bis hin zur Technologie. Genau diese Kombination treibt mich an.Seit Ende 2025 arbeite ich bei SAP Fioneer genau an diesen Themen: Finanzinstitute dabei zu unterstützen, ihre Systeme und Prozesse zu modernisieren – mit einer Plattform für Skalierung, Regulierung und den Einsatz von KI.
Du hast 60 Sekunden im Aufzug mit dem wichtigsten Menschen Deiner Karriere. Was sagst Du und wer ist das?
Das ist zweifelsohne mein guter Freund, Mentor und „Superhirn“ Friedhelm.Ich würde zu ihm sagen: „Lieber Friedhelm, ohne pathetisch zu sein, danke ich Dir für Deine Unterstützung, bewundere das, was Du in mir gesehen hast, als Du mich in Argentinien unter deine Fittiche genommen hast und bis heute tust. Du hast mir beigebracht, schnell einen Überblick zu gewinnen, aber dann auch die Details zu kennen und immer einen Schritt voraus zu sein.“
Die wenigsten träumen als Kind davon, im Payment oder Banking zu landen. Erzähl uns Deinen Weg – inklusive der Umwege.
Als Kind wollte ich wie viele andere Tierarzt werden, habe mich später aber auf Architektur fokussiert und sogar einen begehrten Studienplatz an der Bauhaus-Uni Weimar bekommen. Dann fiel die Mauer – und mit ihr viele Pläne. Wenige Wochen vor der Wiedervereinigung sind in kurzer Zeit mein Vater und drei weitere mir sehr nahestehende Personen gestorben. Meine Mutter verlor ihren Job, und ich war plötzlich derjenige, auf den sich die Familie stützte. Ich habe mich daraufhin bei Volksbank, Sparkasse und Deutscher Bank um eine Ausbildung beworben. Mein Leben bekam dadurch eine Richtung, die ich vorher nie gedacht hätte.
Nach der Ausbildung ging es erst direkt zum Bund und anschließend für die Deutsche Bank nach Argentinien und Polen. Dort habe ich mich um alles gekümmert, was nach Maschinenraum aussah: IT, Operations, Cash Management, außerdem der Aufbau von Compliance und Operational Risk Management, bevor ich Vorstand wurde. Irgendwann stand erneut die Rückkehrfrage im Raum. Mit Frankfurt konnte ich mich nicht anfreunden, so endete meine Zeit bei der Deutschen Bank.Mit Mitte 30 hab ich das erste Mal selbst gegründet. Nach Ausflügen in Logistik-Tech und PropTech, hat es mich zurück zu Banking und Fintech verschlagen. So kam ich trotz mehrerer „Ausbruchsversuche“ immer wieder zurück.
Wie möchtest Du den Payment- und Banking-Bereich verändern?
Mit der Fintech-Welle hat die technologiebasierte, am Kundennutzen ausgerichtete Erneuerung deutlich an Geschwindigkeit gewonnen. Mit Machine Learning und KI werden die Innovationszyklen noch kürzer. Genau hier kommt das zum Tragen, was ich seit vielen Jahren verfolge: eine durchgehende Architektur, die vor allem auf Echtzeitdaten basiert.
Wer jetzt nicht die Basis schafft, Banktechnologie grundsätzlich zu erneuern und damit das Geschäftsmodell der Zukunft zu unterstützen, wird zurückbleiben. Die Schere bei Entwicklungsgeschwindigkeit und Cost-Income-Ratio wird weiter aufgehen, weil die Kosten des Nicht- oder Nicht-ausreichend-Tuns überproportional steigen.
Hinzu kommt: Mit „always on“-Clearing, digitalem Zentralbankgeld (CBDC), Stablecoins und Digital Assets wird auch die Bankbilanz und die 24/7/365-Verarbeitung ganz andere Anforderungen stellen. Das betrifft nicht nur die Kundeninteraktion. Banksteuerung wird nicht mehr an Arbeitszeiten gekoppelt sein, wenn rund um die Uhr Transaktionen rein- und rauslaufen. Risiko- und Compliance-Modelle müssen neu gedacht und umgesetzt werden. KI wird Bankprozesse und Entscheidungen nicht ersetzen, aber anreichern und beschleunigen. All das setzt eine End-to-End-Prozesssicht voraus und die funktioniert nicht, wenn hunderte Systeme und Instanzen nicht in Echtzeit miteinander kommunizieren können.
Fintechs haben viel versprochen. Was hat die Welt wirklich verändert und wo haben wir uns alle etwas vorgemacht?
Fintech war und ist ein Katalysator. Gründungen „auf der grünen Wiese“ und das Infragestellen bestehender Prozesse haben eine Entwicklung angestoßen, die der Trägheit vieler Banken entgegenlief. Natürlich wurden dabei Themen wie Regulatorik, Compliance, Risiko und technische Resilienz nicht immer ernst genug genommen. Das ist aber nicht ausschließlich negativ, denn es hat gezeigt, dass viele Hürden selbstgemacht waren.
Vor allem aber hat sich der Kundennutzen auf vielen Ebenen dramatisch verbessert: mehr Transparenz im Versicherungs- und Kontenumfeld, schnellere Transaktionen, Wertpapierhandel, Kreditvergleich und beschleunigte Abschlüsse. Ohne Ident- und digitale Signaturverfahren müssten wir für vieles noch immer in eine Filiale oder zur Post. Kurz: Ja, die Welt hat sich deutlich verändert, weil Fintech-Konkurrenz und die Umsetzung von Ideen die Modernisierung beschleunigt haben.Und in dieser Zeit ist auch SAP Fioneer entstanden. Die Kombination der Skalierungsfähigkeit und Resilienz einer SAP gepaart mit dem Wissen und der Agilität eines Spezialanbieters für Finanzdienstleister, kurz: das Beste aus zwei Welten.
Welche Regulierung würdest Du sofort abschaffen und warum?
Eine pauschale Antwort maße ich mir nicht an, denn Regulatorik ist gut und wichtig. Sie ist allerdings oft „hintendran“, selten wirklich vorwärtsgerichtet und häufig nicht praktikabel. Die Finanzkrise 2008 hat Schwächen im System klar aufgezeigt, nur wurden diese nicht mit wirksamen Maßnahmen bekämpft. Deshalb gehört aus meiner Sicht jede einzelne Regulierung und vor allem ihre Umsetzung auf den Prüfstand.
Welches Unternehmen in Payment oder Banking beobachtest Du gerade am meisten und warum?
Mehrere sogar, die Namen unten sind ganz sicher keine abschließende Liste:um Beispiel Upvest, die geschafft haben, was wir damals mit der Solaris begonnen hatten: Sie haben den „aaS“-Gedanken in Richtung Banking weitergeführt und damit einen Weg eingeschlagen, der in puncto Nachhaltigkeit des Geschäftsmodells anders trägt, als sich „nur“ auf Fintechs zu konzentrieren. Auch Revolut hat gezeigt, dass man in der traditionellen Bankenwelt ankommen kann, ohne träge zu werden. Dann gibt es noch Akteure wie Bridge im Bereich der Stablecoin-Infrastruktur, die den Sprung von der reinen Krypto-Story hin zu echter Infrastruktur geschafft haben. Und schließlich ist da Pliant, die es geschafft haben, vom Produktanbieter zur Karteninfrastruktur zu werden. Mein Hang zur Infrastruktur ist vermutlich nicht zu übersehen.
Hinkt Europa im Payment wirklich hinterher oder haben wir einfach andere Prioritäten?
Ja – und das hat neben Regulierung auch viel mit Mindset zu tun.Während in den USA und China größer und schneller gedacht und umgesetzt wird, verlieren wir uns oft in Detaildiskussionen und stehen uns selbst im Weg. Das bremst Innovation und Skalierung.
Welche Entscheidung in Deiner Karriere würdest Du heute anders treffen und was hat sie Dich gelehrt?
Diese Frage stellt sich wahrscheinlich jeder irgendwann. Vielleicht hätte ich die sichere Karriere in der Deutschen Bank früher beenden sollen, um schon in meinen Zwanzigern zu gründen. Oder ich hätte bleiben sollen, aus mir hätte vielleicht sogar „was werden können“. Am Ende ist der Weg, wie ich ihn gegangen bin, für mich stimmig.
Was machst Du in deiner Freizeit, das so gar nicht zu Deinem Berufsbild passt?
Ich spiele weder Golf noch Tennis, stehe dafür aber gerne am Grill oder in der Küche. Ich gehe immer noch sehr gerne auf das Eis und bin natürlich Eisbären-Fan, auch wenn ich es leider viel zu selten in die Arena schaffe.
Auf der KI Exchange in Hamburg diskutiert die Branche die Zukunft der KI. Welches Problem möchtest Du dort ansprechen?
In unserer Branche beschäftigt sich inzwischen jedes Unternehmen mit KI. Die entscheidende Frage ist dabei: Wird das Thema ernsthaft betrieben oder passiert gerade etwas Ähnliches wie zu Beginn der Fintech-Phase, als viele Banken Labs aufgebaut, die Krawatte abgelegt und Sneaker angezogen haben, in der Annahme, damit sei der Wandel geschafft? Ich glaube, wir müssen deutlich kritischer hinterfragen, ob wir wirklich verstanden haben, wie tiefgreifend KI nicht nur Prozesse, sondern auch Geschäftsmodelle verändern wird. Anders als bei der Fintech-Welle geht es nicht nur um Kundenschnittstellen oder Infrastruktur, sondern um die grundlegende Frage: Wie sieht die Bank der Zukunft aus?