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KI für Vermögensberater: Was Europa noch fehlt

Anthropic verbindet Claude mit Schwab, Addepar, Orion und weiteren Systemen für US-Finanzberater. Der Rollout funktioniert dort, weil der Beraterstack konzentriert ist. Er zeigt zugleich, welche Infrastruktur für KI-gestützte Vermögensberatung in Europa noch fehlt.

Digitale Silhouette eines Vermögensberaters vor einer vernetzten Europa-Karte – Symbolbild für KI-gestützte Vermögensberatung und fehlende Dateninfrastruktur in Europa (KI-generiert)
Symbolbild (KI-generiert): KI für Vermögensberater in Europa – die Dateninfrastruktur ist der entscheidende Engpass, nicht das Modell.

Was Anthropic angekündigt hat

Anthropic hat Mitte September Claude for Financial Advisors veröffentlicht – ein Angebot, das zeigt, wie Künstliche Intelligenz (KI) für Vermögensberater in der Praxis aussehen kann. Es besteht aus zwei Teilen: Konnektoren zu den Systemen, mit denen Berater in den USA täglich arbeiten, und Skills, die diese Daten für konkrete Arbeitsschritte nutzbar machen. Zu den Konnektoren zählen die Depotbank Charles Schwab, die Portfolioplattform Addepar, Orion mit dem CRM Redtail, Envestnet mit Tamarac und MoneyGuide, iCapital für Alternative Investments sowie Wealthbox und Wealth.com für CRM- und Nachlassdaten.

Berater erhalten damit einen Assistenten, der über den gesamten Software-Stack hinweg arbeitet, statt Informationen manuell aus einzelnen Systemen zusammenzutragen, etwa für Terminvorbereitung, Portfolio-Reviews oder Nachlass- und Steuer-Briefings. Anlageempfehlungen, Kundenkommunikation und Compliance-Entscheidungen bleiben laut Anthropic in jedem Fall der Freigabe durch den Berater unterstellt. Die Konnektoren liefern Kontext, nicht die Entscheidung.

Warum KI für Vermögensberater in den USA technisch funktioniert

 Die Einführung zeigt, wie konzentriert die Software-Landschaft von US-Beratern ist. Eine überschaubare Zahl an Depotbanken, eine überschaubare Zahl an Portfolio- und CRM-Systemen. Jedes davon hält bereits Daten, für die der Kunde seinem Berater Zugriff erteilt hat. Anthropic musste also keinen neuen Zugriffsweg auf Finanzdaten schaffen, sondern konnte an eine bestehende, vergleichsweise homogene Systemlandschaft andocken.

Das unterscheidet diese Veröffentlichung von ChatGPT Finance im Juli, bei dem OpenAI über eine Kooperation mit Plaid Kontodaten direkt in den Chat für Privatkunden holte. Hier verschiebt sich nicht die Kundenschnittstelle, sondern die Arbeitsumgebung des Beraters. Die Frage bleibt bei beiden Veröffentlichungen aber die gleiche: Lässt sich dieses Modell auf Europa übertragen?

Was in Europa strukturell fehlt

 In Europa gibt es diese Konzentration nicht. 27 Mitgliedstaaten, mehr als 4.500 Kreditinstitute sowie eine Vielzahl an Vermögensverwaltungssystemen und CRM-Lösungen pro Land. Ein einzelner Anbieter, der sich mit einer Handvoll Konnektoren an den europäischen Beraterstack anschließt, findet strukturell keine vergleichbare Ausgangslage vor.

Hinzu kommt die regulatorische Ausgangslage. PSD2 deckt Zahlungskonten ab, nicht aber Depots, Versicherungen oder Altersvorsorgeprodukte. Technisch ist der Zugriff auf Zahlungskonten inzwischen weitgehend harmonisiert, der Berlin-Group-Standard NextGenPSD2 wird nach Branchenschätzungen von mehr als 3.000 europäischen Banken genutzt. Am begrenzten Anwendungsbereich ändert das aber nichts. Erst die geplante FiDA-Regulierung würde den Datenzugang auf weite Teile des Vermögens ausweiten, ihr Inkrafttreten ist derzeit – wenn überhaupt  – nicht vor 2028 zu erwarten.

Auch die Strong Customer Authentication unter PSD2 verlangt eine wiederkehrende Kundenfreigabe, während US-Anbieter wie Plaid Zugriffe weitgehend kontinuierlich aufrechterhalten können. Ein KI-Assistent, der dauerhaft im Hintergrund auf Kundendaten zugreift, trifft in Europa damit auf andere strukturelle Vorgaben als in den USA.

Die eigentliche Verschiebung: reguliert trifft unreguliert

 Diese strukturellen Hürden verschwinden nicht kurzfristig. Das Muster hinter Claude for Financial Advisors betrifft die europäische Beratung aber unabhängig vom Zeitpunkt der Regulierung, denn es geht um mehr als schnelleren Datenzugriff für den Berater:

 Der Berater bekommt einen Assistenten, der ihm einen großen Teil seiner Routineaufgaben abnimmt. Der Kunde behält sein gewohntes Portal und nutzt daneben zunehmend eigenständig KI-Werkzeuge, die seine eigenen Fragen, Sorgen und Recherchen kennen. Diese beiden Welten laufen aktuell getrennt, was eine moderne und reibungslose Beratung verhindert. Wer die Welten verbindet, entscheidet mit darüber, wie der nächste Schritt für KI in der Vermögensberatung aussieht.

Diese Verbindung setzt eine Infrastrukturebene voraus, die regulierte Vermögensdaten standardisiert, geprüft und mit Kundeneinwilligung bereitstellt  – unabhängig davon, welches KI-Modell am anderen Ende der Schnittstelle steht. In Europa ist nicht das Modell knapp, sondern die Daten. Historische Portfolio- und Transaktionsdaten als Rohdaten gibt es nur, wo Institute eigene Schnittstellen bereitstellen. Sonst muss auf Scraping, CSV- oder PDF-Upload zurückgegriffen werden. Wer einen API-basierten und homogenisierten Zugang schafft, entscheidet, was eine KI für Berater und Kunden überhaupt kann.

Als Bafin-regulierter Kontoinformationsdienst bildet wealthAPI in Deutschland bereits heute diese Schicht ab: wealthAPI aggregiert institutsübergreifend Bank-, Broker- und Depotdaten über die reine Zahlungskontosicht hinaus und stellt sie strukturiert für Anwendungen Dritter bereit. Genau diese Datenschicht, und nicht das KI-Modell selbst, entscheidet darüber, wie schnell ein Modell wie Claude for Financial Advisors in Europa technisch überhaupt möglich wird. Das gilt auch für das Altersvorsorgedepot: Wer ab 2027 Kunden dazu beraten will, braucht den Gesamtblick über deren Depots, Verträge und freies Kapital – genau die Informationen, die KI-Assistenten in Europa heute noch fehlen.

Fazit

Kunden erwarten heute Beratung, die individualisiert, in Echtzeit und szenariobasiert erfolgt. Dies setzt den Einsatz von KI voraus, da die heutige, häufig manuelle und auf persönlichen Erfahrungen oder Vertriebsvorgaben basierte Beratung dies nicht mehr leisten kann. Das Risiko, dass Kunden direkt ihre Bank- und Depotverbindungen den KI-Modellen freigeben und somit der Berater obsolet wird, wächst. Banken und Vertriebe müssen also jetzt handeln, sich modern und datenbasiert aufstellen und ihr Asset der persönlichen Beratung ausspielen. Wie schnell ein vergleichbares und wettbewerbsfähiges Angebot für europäische Berater entsteht, hängt weniger vom Fortschritt der KI-Modelle ab als von der Dateninfrastruktur darunter. Solange der Datenzugang über Zahlungskonten hinaus nicht standardisiert und reguliert ist, bleibt jede Anbindung individuelle Verhandlungssache zwischen einzelnen Instituten und Anbietern. FiDA würde diese Lücke regulatorisch schließen.

Technisch sind die Datenanbindungen längst möglich, entweder mit hohem Eigenaufwand oder über Anbieter wie wealthAPI, die diese Daten bereits standardisieren. Die Frage, wie der Zugang zu Vermögensdaten vereinheitlicht und reguliert wird, entscheidet, wie schnell auch in Europa die nächste Schicht der KI-gestützten Vermögensberatung gebaut wird.

Autor

André Rabenstein
André Rabenstein

André Rabenstein ist Co-Gründer und CEO von wealthAPI. Er blickt auf mehr als 25 Jahre Erfahrung in der Finanzindustrie zurück, u.a. als Vertriebsdirektor im Deutsche-Bank-Konzern, und gründete vor wealthAPI bereits Rentablo.