„Das Leben ist ein Strom unendlicher Komplexität. KI ein Werkzeug, um sie zu verstehen“
Interview mit dem schwedischen Zukunftsforscher Magnus Lindkvist zur Zukunft des Payments und welche Rolle Agentic Commerce dabei spielt
Wie „prognostizieren“ Sie die Zukunft? Wie unterscheiden Sie zwischen Hype und Realität?
Die Anführungszeichen in Ihrer Frage verraten die Skepsis, mit der wir das P-Wort behandeln. Wir sollten es ernster nehmen. Demografie ist, wie es heißt, Schicksal. Wir können ungefähr vorhersagen, wie viele Dreißigjährige es in einem Jahrzehnt geben wird, denn sie sind bereits da - sie sind zwanzig. Es ist ein Irrtum zu glauben, weil manche Dinge unvorhersehbar seien, sei alles unvorhersehbar.
Wenn ich über die Zukunft nachdenke, folge ich drei Pfaden durch die Zeit.
Erstens gibt es langsame und stetige Kräfte wie Demografie, wirtschaftliche Entwicklung und Klimadaten. Ich nenne sie Elefantentrends. Wir können sie beobachten, vorhersagen und auf sie reagieren, auch wenn wir meist nichts tun, bevor der Elefant auf uns sitzt.
Zweitens gibt es Modezyklen. Auch Geschäftsideen kommen und gehen aus der Mode. Vor einem Jahrzehnt wollte jeder das Silicon Valley kopieren. Heute sind KI und Geopolitik die angesagten Themen. Wie Coco Chanel angeblich sagte: „Mode wird gemacht, um unmodern zu werden.“
Und drittens arbeite ich mit dem, was ich Realitätsimpulse nenne: Momente, die unsere Annahmen darüber, was möglich ist, kurzzeitig ins Wanken bringen.
Einen humanoiden Roboter bei Aufgaben zu beobachten, die vor wenigen Jahren unmöglich schienen, ist ein Realitätsimpuls. Dasselbe gilt, wenn KI überzeugende Bewegtbilder ohne Kamera oder Team erzeugt.
Alle drei Ebenen prägen unser Verständnis der Zukunft. Mode und Realitätsimpulse machen mehr Lärm. Elefantentrends erzeugen das tiefere Grollen.

Wie wird KI langfristig die Art verändern, wie Menschen einkaufen, bezahlen und mit Handel interagieren?
Transformative Technologien treten irgendwann in den Hintergrund.
Die langfristige Wirkung von KI wird nicht darin bestehen, dass wir sie überall wahrnehmen. Sie wird darin bestehen, dass wir sie gar nicht mehr wahrnehmen. Elektrizität hat denselben Weg genommen. Was einst ein Spektakel war, wurde Infrastruktur. KI wird wahrscheinlich dasselbe tun.
Ein Teil des Handels ist das Grundrauschen: Dinge, die wir kaufen, abonnieren und bezahlen, ohne viel darüber nachzudenken. Agentische KI wird ermöglichen, dass mehr dieser Aktivitäten unter der Oberfläche stattfinden. Ein Agent könnte Ausgaben überwachen, Alternativen vergleichen, Verschwendung erkennen und innerhalb eines Mandats handeln.
Der spannendere Teil des Handels ist jedoch das Abenteuer. Menschen befinden sich in einem fortwährenden Prozess des Werdens. Wir kaufen Bücher, um anders zu denken, und reisen, um etwas anderes zu erleben als einen weiteren Dienstagnachmittag.
Kurzfristig wird KI zu einem Empfehlungsalgorithmus auf Steroiden. Langfristig wird sie zum Guide, Designer und Regisseur und hilft dabei, Erlebnisse zu schaffen, die heute noch etwas absurd klingen.

Welches ist das größte Missverständnis darüber, was „Agentic Commerce“ wirklich bedeutet?
Die wahre Kraft des Internets wurde erst mit dem Smartphone entfesselt. Davor war das Internet ein Ort, den wir aufsuchten. Das Smartphone machte es zu etwas, das uns durch die Welt begleiten konnte. KI fehlt möglicherweise noch ihr prägendes, natives Gerät. Das ist ein Grund, warum Agenten wie etwas eloquentere Chatbots aussehen können. Das Missverständnis besteht darin, dass ein Agent lediglich ein besserer Chatbot sei. Ein Chatbot gibt Ratschläge. Ein Agent kann handeln. Dieser Unterschied verändert alles.
Stellen Sie sich einen Agenten vor, der Sie durch den ganzen Tag begleitet. Er versteht Ihre Ziele, Vorlieben und Umstände und hilft Ihnen, Entscheidungen in Echtzeit zu treffen. Doch Beratung allein ist kein Agentic Commerce. Der Agent braucht ein Mandat: Was darf er kaufen, wie viel darf er ausgeben und wann muss er um Erlaubnis bitten? Andernfalls wird er zu einem digitalen Teenager mit Kreditkarte. Das künftige Gerät könnte ein kleiner Block ohne Bildschirm und Tasten sein, verborgen in Ihrer Tasche. Oder eine schöne Halskette, die man mit Stolz trägt.

Abseits der großen Schlagzeilen: Wie wird Agentic Commerce den Alltag der Menschen verändern? Welche ganz gewöhnliche Routine wird es Ihrer Meinung nach zuerst verändern?
Das Mikroskop ermöglichte uns, sehr kleine Dinge zu sehen. Das Teleskop erlaubte uns, Dinge in großer Ferne zu sehen. KI ist ein Makroskop: ein Werkzeug, um das unendlich Komplexe zu verstehen. Das Leben - und alle damit verbundenen Transaktionen - ist ein Strom unendlicher Komplexität.
Die erste Alltagsroutine, die Agentic Commerce vermutlich verändern wird, ist die monatliche finanzielle Autopsie: „Wo ist mein ganzes Geld geblieben?“ Ein Agent könnte Abfolge, Kontext und Absicht verstehen. Er könnte ein vergessenes Abonnement oder eine doppelte Belastung erkennen, einen Liquiditätsengpass vorhersehen oder zeigen, wie eine Reihe kleiner Gewohnheiten still und leise das Budget für eine Italienreise aufzehrt.
Der erste große Aha-Moment von Agentic Commerce könnte daher ein verständlicher Überblick über Ihr Leben sein - nicht noch eine weitere Gelegenheit, etwas zu kaufen. Sein wahrer Wert könnte darin liegen, Menschen mit weniger Aufwand zu besseren Entscheidungen zu verhelfen und ihnen zugleich die Kontrolle über die wichtigen Entscheidungen zu lassen.

Was ist eine Entwicklung in der Zukunft des Geldes, die Sie für sehr wahrscheinlich halten, obwohl niemand sie mit Sicherheit kennen kann?
Geld wird eine Biografie bekommen. Bargeld ist wunderbar gedächtnislos. Ein Euro verrät nicht, ob er durch das Unterrichten von Kindern oder den Verkauf von Waffen verdient wurde. Ökonomen nennen das Fungibilität: Ein Euro ist unabhängig von seiner Geschichte gegen einen anderen austauschbar. Digitales Geld eröffnet eine neue Möglichkeit. Eine Zahlung kann überprüfbare Informationen über Herkunft, Eigentum und Autorisierung mitführen. Das schafft einen heiklen Ausgleich. Privatsphäre ohne Herkunftsnachweis kann Unrechtmäßigkeit schützen. Herkunftsnachweis ohne Privatsphäre kann zur Überwachung werden. Die Zukunft des Geldes muss beides miteinander vereinbaren.
Welche Annahme über die Zukunft des Handels könnten Menschen völlig falsch einschätzen?
Dass Handel zwangsläufig mit zerstörerischem Konsum verbunden ist. Ich bin ein rationaler Optimist, was Handel angeht. Wenn Gesellschaften wohlhabender werden, verlangen sie oft bessere Produkte und eine sauberere Umwelt.
Das bedeutet nicht, dass Konsum automatisch nachhaltig wird. Wohlstand kann den Ressourcenverbrauch steigern, während sauberere Technologien weiterhin Regeln, Anreize und Infrastruktur benötigen. Die Geschichte verläuft jedoch nicht nur von Reinheit zu Verschmutzung. Sie kann auch von Armut und Verschmutzung zu Wohlstand und Wiederherstellung führen.
Agentic Commerce könnte helfen, unsere Werte umsetzbar zu machen. Statt nachhaltige Produkte nur vage zu bevorzugen, könnten wir einen Agenten anweisen, Reparierbarkeit, Lebenszykluskosten, Herkunft oder geringere Emissionen zu priorisieren - und ihn auffordern, zu belegen, was diese Begriffe bedeuten. Wir sollten Handel als ein Mittel sehen, das uns verbessern kann und das wir im Gegenzug verbessern können.
Welche Rolle werden Banken und Finanzinstitute in einer Welt spielen, in der KI-Agenten einen größeren Teil der Customer Journey übernehmen und Vertrauen zunehmend von Maschine zu Maschine funktionieren muss?
Eine Zahlung teleportiert einen Handschlag durch den Raum. Käufer und Verkäufer können auf unterschiedlichen Seiten der Welt leben, verschiedene Banken nutzen und sich niemals begegnen. Agentic Commerce beginnt, wenn der Handschlag weiterhin zählt, aber keine der beiden Hände zwingend menschlich ist.
Wenn KI-Agenten zu aktiven Teilnehmern des Handels werden, helfen Banken und Zahlungsnetzwerke dabei, menschliche Absicht in maschinenlesbares Vertrauen zu übersetzen. KYC, Know Your Customer, bekommt ein Geschwister: Know Your Agent. Welcher Agent handelt in Ihrem Auftrag? Wer hat ihn geschaffen? Wozu ist er berechtigt - worauf darf er zugreifen, was darf er entscheiden und wofür darf er Geld ausgeben? Kann man ihm diese Befugnis wieder entziehen? Die Herausforderung besteht nicht nur darin, Agenten zu überprüfen. Vertrauen darf nicht beim Agenten enden. Es muss jede Übergabe überstehen. Vertrauen von Maschine zu Maschine klingt, als hätten Menschen den Raum verlassen. Doch wenn etwas schief läuft, muss noch immer jemand ans Telefon gehen.
Welche Chancen ergeben sich für Händler, die KI-gestützten Handel frühzeitig annehmen?
Entscheidend ist nicht, der Erste zu sein, sondern schnell zu lernen. Schnelles Lernen erfordert einen frühen Start, aber kein blindes Skalieren. Die Frühgeschichte fast jeder Technologie ist übersät mit vergessenen Pionieren. Die Unternehmen, die gewinnen, sind oft jene, die aus ihren Fehlern lernen und dann eintreffen, wenn die Technologie und das umgebende System bereit sind.
Händler sollten KI-gestützten Handel daher als eine Sammlung von Experimenten betrachten. Ein Experiment könnte den Kundenservice verbessern oder finanzielle Leitplanken einführen. Ein anderes könnte Loyalität neu erfinden, indem es Kunden hilft, auf dem Weg zu der Person voranzukommen, die sie werden möchten. Händler profitieren außerdem davon, ihre Produkte für KI-Agenten verständlich zu machen. Preis und Verfügbarkeit sind einfach. Haltbarkeit, Herkunft, Reparierbarkeit und Servicequalität sind schwieriger. Wenn eine Maschine diese Eigenschaften nicht lesen kann, könnte ein Agent jede Wahl auf Preis und Lieferzeit reduzieren.
Über Magnus Lindkvist
Magnus Lindkvist ist ein schwedischer Trendforscher und „Futurologe“, der die Zukunft wie ein Seismograph analysiert. Statt auf trockene Daten setzt er auf provokante Denkanstöße und gilt weltweit als einer der spannendsten Redner zu den Themen Innovation und Wandel.
Seine Kernbotschaft: Die Zukunft lässt sich nicht fehlerfrei vorhersagen, aber wir können uns aktiv auf sie vorbereiten. Lindkvist warnt vor der „kognitiven Trägheit“ - der Tendenz von Unternehmen und Menschen, das Gestern einfach fortzuschreiben. Er fordert dazu auf, den Blick vom alltäglichen Rauschen zu lösen und stattdessen nach den tiefen, oft unsichtbaren Strömungen (den „Megatrends“) zu suchen.
Für ihn entsteht echte Innovation nicht durch Optimierung des Bestehenden, sondern durch das bewusste Brechen von Regeln und das Zulassen von Experimenten. Kurz: Er ermutigt uns, die Angst vor dem Unbekannten zu verlieren und den Wandel als kreativen Gestaltungsraum zu begreifen.