Frankfurter Notizen: FFM verändert sich. Und wir?
Im Wandel der Stadt spiegeln sich die Veränderungen in der Finanzbranche wider. Von Messen über die Bankentürme bis zu Innovationslaboren. Was verspricht uns Frankfurt für die Zukunft?
Es gibt Städte, in denen die Zeit langsam läuft und der Wandel kaum sichtbar ist. Und es gibt Frankfurt. Wer hier lange genug lebt oder arbeitet, der merkt, wie sich diese Stadt ständig verändert. Nicht immer schön. Nicht immer geplant. Aber doch spürbar.
Am deutlichsten sieht man den Wandel vermutlich in der Skyline. Wer nach Frankfurt fliegt, bekommt das Weltstädtische auf der großen Bühne aufgeführt. Auf den kleinen Bühnen der Stadt zeigt sich der Wandel dezenter. Früher war Frankfurt weniger lieblich, weniger zugänglich, weniger ein Ort, bei dem Fremde in Verzückung gerieten oder wenigstens sagten: „Was, so etwas habt ihr in Frankfurt?
Ich bin mit einem gewissen Argwohn von Besuchern aufgewachsen, was die Schönheit und Lebenswertigkeit dieser Stadt angeht. Dieser Argwohn ist nicht ganz verschwunden. Aber er ist kleiner geworden. Man muss sich diese Stadt ein wenig erarbeiten. Über die Jahre scheint sich der Blick auf die Stadt aber zu verändern.
Systeme pflegen, statt Neues probieren
Frankfurt ist seit Jahrhunderten eng mit dem Banking verwoben. Der Römer war früher nicht zuerst ein Ort für Trauungen oder den Weihnachtsmarkt, sondern ein Ort der Messen, darunter auch der Buchmesse. Wo Händler, Waren und Zahlungsmittel aus verschiedenen Regionen zusammenkamen, entstanden Wechselstuben, Zahlungsverkehr und irgendwann auch der Bedarf, Erlöse sicher aufzubewahren. Lange bevor moderne Banktürme das Bild der Stadt prägten, war Frankfurt also schon ein Ort, an dem Geld, Vertrauen und Geschäft nah beieinander lagen.
Wenn ich mich an meine ersten Jahre in der Finanzindustrie erinnere und daran, wie ich zum ersten Mal einen modernen Bankenturm betrat, sehe ich noch die langen Flure mit dickem Teppich vor mir. Stille auf den Gängen, geschlossene Bürotüren, Räume, in denen teilweise noch geraucht werden durfte. Technologie spielte sich längst nicht mehr nur auf Magnetbändern im Rechenzentrum ab, sondern auch auf Internetseiten, Servern und in ersten digitalen Anwendungen. Überall wurde technologischer Nachwuchs gesucht. Neue Produkte entstanden, manche aus Innovationssicht weit vor ihrer Zeit.
Was damals sichtbar war und es in anderer Form bis heute ist: Auf der einen Seite erfanden die Jünger von Java und Webprodukten die Zukunft des Bankgeschäfts. Auf der anderen Seite war ein großer Teil der Organisation damit beschäftigt, bestehende Systeme zu pflegen, die Stabilität der laufenden Geschäfte sicherzustellen und in eingespielten Prozessen zu arbeiten. Zu dieser Zeit sprach man über Daten noch nicht als Rohstoff für KI oder neue Geschäftsmodelle. Daten waren große Listen, die der Druckerpool jeden Morgen zuverlässig ausspuckte, als Ergebnis nächtlicher Verarbeitungsläufe.
Frankfurt kann Innovation nicht outsourcen
Das war nicht schlecht. Es funktionierte. Und genau das machte die Sache kompliziert. Neue Produkte mussten nicht nur technisch überzeugen. Sie mussten sich gegen eine Gegenwart behaupten, die zuverlässig lief.
Mit der Welle der Start-ups und Technologieunternehmen kamen dann neue Produkte, neue Begriffe, neue Versprechen. Dinge sollten nicht mehr nur im eigenen Haus entwickelt werden. Nun war da die Rede von Vernetzung, von Partnerschaften, von Schnittstellen. Wir fuhren nach Berlin oder München zu Hackathons und Meetups, weil man dort die Zukunft vermutete: die neue Arbeitskultur, die Innovation, den anderen Blick auf Technologie. Frankfurt stand damals eher für die zäh anmutende Gegenwart. Für den Betrieb. Für das, was schon da war.
Doch irgendwann drehte sich der Wind wieder. Man merkte, dass man für viele neue Ideen und Partnerschaften doch die alten Systeme brauchte, die Anbindungen, die Daten, die Erfahrung mit Regulierung und Stabilität. Vielleicht merkte Frankfurt auch, dass man Innovation nicht einfach outsourcen kann.
Im TechQuartier entsteht Großes
Und die nächste Entwicklung? Im Frankfurt von morgen wird vermutlich nicht mehr nur mit Produkten gearbeitet, sondern vor allem mit Daten, Automatisierung und KI. Neue Themen prägen die Landschaft: DORA, AMLA, der digitale Euro. Das klingt nach Regulierung, nach Pflichtprogramm, nach großen Projekten. Aber dahinter steht wieder dieselbe Frage: Welche neuen Angebote entstehen daraus für Kundinnen und Kunden? Und welche Rolle kann Frankfurt dabei spielen?
Ein Ort, an dem man diesen Wandel beobachten kann, ist das TechQuartier. Es steht seit Jahren für Austausch, Lernen und Ausprobieren. Als Raum, in dem Neues und Bekanntes aufeinandertreffen. Weniger bunte Post-its, mehr geduldige Arbeit an gemeinsamen Fragen. Mit der ersten Sandbox Deutschlands entsteht dort ein Spielfeld für Ideen und Prototypen. Ein Ort, an dem man testen kann, bevor aus einer Idee gleich ein großes Entwicklungsbudget wird.
Das ist vielleicht wichtiger, als es auf den ersten Blick klingt. Denn die Veränderung der Finanzbranche passiert selten in einem großen Sprung. Sie passiert in kleinen Schritten. In Gesprächen. In Projekten. In der Art, wie Menschen aus Banken, Technologie, Regulierung und Beratung lernen, miteinander zu arbeiten.
Genau darin liegt die Aufgabe. Systeme, die funktionieren, Prozesse, die man kennt, Zuständigkeiten, die Sicherheit geben: All das hat diese Branche lange getragen. Aber es darf nicht der Grund werden, stehen zu bleiben.
Frankfurt zeigt, dass Veränderung nicht immer laut sein muss. Diese Stadt verändert sich nicht auf einmal. Sie bleibt manchmal spröde, manchmal praktisch, manchmal erstaunlich unsentimental. Aber sie bleibt nicht stehen. Wer hier arbeitet, sollte es ihr gleichtun: nicht die alte Welt verwalten, bis sie zu eng wird, sondern rechtzeitig anfangen, die nächste mitzubauen.