Die Gesichter der FinTech Branche: Thorsten Seeger

Das Arbeiten in der FinTech Branche gleicht einem Kommen und Gehen, setzt ein hohes Maß an Professionalität in einem durchaus lockeren Arbeitsumfeld voraus und ist vor allem geprägt von Innovationen sowie guten, klugen und zukunftsorientierten Ideen, so der weitverbreitete Konsens. Doch wer sind eigentlich die Köpfe und Macher hinter diesen kreativen Denkprozessen, an der Schnittstelle zwischen Finanzen, digitalen Technologien und Gründertum? In unserer Reihe Die Gesichter der FinTech Branche stellen wir regelmäßig einer Person aus der Payment- und Banking-Industrie die gleichen zehn Fragen. Diesmal beantwortet Thorsten Seeger, Geschäftsführer des FinTech Funding Circle, unsere Fragen.

Was waren Deine ersten Berührungen mit der Payment- und Banking-Industrie?

Ich war zu Beginn meiner beruflichen Laufbahn mehrere Jahre in der Financial Services Beratung. In London bin ich dann so richtig ins Bankgeschäft eingestiegen und habe von 2007 bis 2017 im klassischen Banking gearbeitet, erst bei Barclays und dann als Leiter des Zins- und Währungsgeschäfts bei Lloyds. .

“do less, but that really well!”

Wann hast Du das Wort FinTech das erste Mal wahrgenommen?

Das muss in den Jahren 2010 und 2011 in London gewesen sein, als die Finanzkrise auf ihrem Höhepunkt war. Da las man plötzlich in den britischen Medien vermehrt über FinTechs, die eine Alternative zu den Banken darstellten. Das war die Zeit von Unternehmen wie Klarna, Braintree und Kickstarter. Auch Funding Circle ist ja im Nachgang der Krise in dieser Zeit gegründet worden. Es war eine intensive Zeit für Banker in London, da bleibt so etwas natürlich hängen.

Wie definierst Du FinTech?

Grob erst einmal als Firmen, die Technologie nutzen, um eine Finanzdienstleistung zu erbringen. Das geht häufig mit einem viel stärkeren Fokus auf den Kunden einher als bei traditionellen Finanzinstituten. Anstatt sehr viele Dienste mittelmäßig zu machen, wird sich auf einen kleinen Teil der gesamten Wertschöpfungskette konzentriert, wo man einen vergleichsweise größeren Mehrwert für den Kunden schaffen kann. Nach dem Motto “do less, but that really well!”.
Eigentlich mag ich den Begriff aber nicht, weil er so unklar ist. Sobald du als Unternehmen im Finanzgeschäft tätig bist und digitale Technologien nutzt, ohne eine Bank zu sein, bist du automatisch ein FinTech. Dabei wird unter diesem Oberbegriff von NFC-Technologie bis Crypto-Assets alles zusammengefasst. Die Branche ist aber mittlerweile so groß und so divers, dass der Erklärungswert des Begriffs langsam schwindet.

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Was glaubst Du machen etablierte Unternehmen besser als FinTechs?

Ich glaube nicht daran, dass etablierte Unternehmen prinzipiell etwas besser machen als FinTechs. Sie haben mehr Erfahrung in ihrem Markt, das ist das eine. Und dadurch haben sie auch einen Vertrauensvorschuss beim Kunden. Für mich ist dies der gewichtigere Aspekt. Allerdings kann man Erfahrungen sammeln und Vertrauen aufbauen. Bei Innovationskraft ist das etwas Anderes und die haben FinTechs in der Regel reichlich.

Was kann man von FinTechs lernen?

Entscheidungen basieren in den meisten FinTechs vermehrt auf der Analyse von Daten und nicht nur auf einem Bauchgefühl. Das ist kein Prozess, den man erst im Nachhinein ins Geschäft integriert hat, sondern gehört sozusagen zur DNA des Unternehmens. Daraus leitet sich noch etwas Anderes ab: die Bereitwilligkeit Entscheidungen in Frage zu stellen und die Richtung zu ändern, wenn die Daten einem sagen, das hier läuft nicht so, wie wir uns das vorgestellt haben. Frei nach der Devise: “Try fast, fail fast, pivot”.

Wieso tun sich etablierte (große) Unternehmen bei der Digitalisierung eigentlich so schwer?

Wahrscheinlich aus genau dem Grund, den ich oben genannt habe. Veränderung ist eben nicht Teil der Unternehmenskultur. Im Gegenteil, häufig ist die ganze Unternehmensarchitektur auf Beständigkeit ausgelegt. Zudem machen Legacy-Systeme es nicht einfacher Veränderungen umzusetzen, selbst, wenn das gewünscht ist. Häufig versteht das Top-Management die Notwendigkeit, Prozesse zu digitalisieren und die jüngeren Mitarbeiter hätten dazu auch Lust. Aber die Blockade in der Umsetzung ist das mittlere Management, das diese Initiativen versickern lässt. Es fehlt für diese Führungsschicht oft schlicht der Anreiz Digitalisierungsprojekte voranzutreiben.

Was würdest Du beruflich machen, wenn Du nicht in der Payment- und Banking-Industrie arbeiten würdest?

Ich habe mein ganzes Berufsleben bei Finanzdienstleistern verbracht. Während es für manche vielleicht schwierig ist, sich für Finanzprodukte zu begeistern, ist es für mich sehr befriedigend zu sehen, was man mit einem guten Angebot bewegen kann – wenn man es richtig macht! Unser Produkt hat direkte Auswirkungen auf unsere Kunden und Firmenkredite haben einen klaren volkswirtschaftlichen Nutzen. Es ist ein gutes Gefühl, Unternehmen bei ihren Vorhaben zu unterstützen und dabei Arbeitsplätze vor Ort zu schaffen. Wenn ich das eines Tages nicht mehr täte, würde ich vielleicht meiner Frau dabei helfen, eine Schule für Chinesische Sprache aufzubauen.

Bei welchem Unternehmen würdest Du gerne mal einen Tag arbeiten?

Bei SpaceX. Ich finde die Suche nach der “Next Frontier” einfach faszinierend.

Ich finde die Suche nach der “Next Frontier” einfach faszinierend

Mit wem würdest Du gerne ein Bier trinken?

Am Ende des Tages bei SpaceX mit meinem Chef Elon Musk. Der nimmt kein Blatt vor den Mund und das schätze ich!

Autor
Maik Klotz
Maik Klotz ist selbständiger Berater, Sprecher und Autor zu den Themen Banking, Payment und Retail. Seit vielen Jahren berät Maik Unternehmen zu kundenzentrierten Innovationsmethoden und der Fokussierung auf den Nutzer. mehr
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