Das Einhorn aus Amsterdam

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Finanzdienstleister ADYEN

Das niederländische Technologieunternehmen Adyen gilt als eine der wertvollsten Gründungen in Europa. Die Firma will den Zahlungsverkehr weltweit revolutionieren – und hat auch Mark Zuckerberg als Geldgeber.

Ein Artikel von Johannes Steger zuerst erschienen im Handelsblatt

Finanzdienstleister Adyen - Das Einhorn aus Amsterdam
Photo credit: illustir via Visualhun

Amsterdam. Den Niederländern wird spätestens seit dem Ökonomen Max Weber eine protestantische Arbeitsethik nachgesagt: fleißig, diszipliniert und zurückhaltend. Beim Amsterdamer Unternehmen Adyen wird ebenfalls betriebsam eine Umsatzverdopplung nach der nächsten erwirtschaftet. Nur bei der Bescheidenheit hapert es: Kein Besucher kommt an der Zurschaustellung der prominenten Kunden vorbei. Aufgehängt an einer meterlangen Bilderwand reiht sich ein großer Name an den anderen: von Facebook über Netflix bis hin zu Vodafone und der Fluggesellschaft KLM.

2006 von den Niederländern Pieter van der Does und Arnout Schuijff ins Leben gerufen, gehört das Unternehmen heute zu einer der wertvollsten Gründungen in Europa in jüngster Zeit. Adyens Wert taxieren Experten auf rund 2,3 Milliarden Euro. Das Unternehmen hat eine Technologie entwickelt, die mehrere Bezahlwege in einer Lösung vereint. Seit diesem Jahr besitzt Adyen sogar eine eigene Banklizenz – und greift damit auch klassische Zahlungsanbieter an. Neben einer Vielzahl umsatzstarker Kunden kann das Unternehmen dabei auch auf einen prominenten und verschwiegenen Investorenkreis aus dem Silicon Valley bauen.

Das deutsche Wort „Bankenschreck“ kennt Adyen-Vertriebschef Roelant Prins nicht, muss bei der Beschreibung dann aber doch ein wenig lachen. Schließlich propagiert sein Chef van der Does gerne einmal, dass er den etablierten Finanzinstituten die Kundschaft abspenstig machen will. Adyen lockt dabei mit einem Rundumpaket: Wollen Händler beispielsweise verschiedene Zahlungsmöglichkeiten anbieten, etwa über Kreditkarte und den Internetdienst Paypal, müssen sie mit jedem Anbieter einen Vertrag abschließen und die Funktionen jeweils einzeln in ihre Shopsysteme integrieren. Adyen will das vereinfachen und bietet für viele Zahlungsvorgänge weltweit ein System. Zudem kann man mit der Lösung auch im stationären Handel, also direkt im Laden bezahlen.

Banken werden es schwer haben, mit Adyens Lösung zu konkurrieren, zeigt sich Manager Prins selbstbewusst: „Das System wurde für eine andere Zeit und Anforderung geschaffen.“ Man müsse heutzutage unterschiedliche Zahlungsmethoden in unterschiedlichen Währungen zum selben Zeitpunkt anbieten und konstant das eigene System an Entwicklungen überall auf der Welt anpassen können, erklärt er: „Die alten Systeme können das nicht.“ Zudem sei Adyen in der Lage, neue Zahlungsmethoden sehr schnell in das System zu integrieren, so der Manager: „Viele Luxushändler baten uns, zum Beispiel Alipay oder WeChat Pay für ihre chinesischen Kunden in unsere Lösung aufzunehmen, also haben wir das getan.“

Durch die eigene Banklizenz sei Adyen in der Lage, einen noch besseren Service zu bieten, sagt Prins; das Geld könne zum Beispiel viel schneller auf die Konten der Kunden transferiert werden, weil man nicht mehr abhängig von der Abstimmung mit den Banken sei: „Und wir können jetzt neue Services wie Vorfinanzierung anbieten – das ist der nächste Schritt.“ Am eigentlichen Geschäftsmodell hat das allerdings nichts geändert: Ein Finanzinstitut im klassischen Sinne will Adyen nicht sein: „Wir sind keine Bank, wir sind ein Technologieunternehmen mit einer Banklizenz.“

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Photo credit: r.g-s via Visualhunt

Prominente Kunden

Kunden wie Netflix, Facebook, Uber oder Mango scheint das Angebot zu überzeugen: Für das Geschäftsjahr 2016 gab Adyen einen Umsatz von 659 Millionen Euro bekannt. Verglichen mit dem Vorjahr sei das nahezu eine erneute Verdopplung, hieß es. Seit 2011 arbeite man profitabel, sagt Vertriebschef Prins. Mehr als 4 500 Unternehmen zählt Adyen heute als Kunden. In Deutschland gehören der Zulieferer Bosch oder Flixbus dazu.

Vor den großen Kunden kam aber die Aufbauarbeit: Gerade zu Beginn wäre es hart gewesen, sagt Prins, der kurz nach Gründung zu seinen ehemaligen Kollegen van der Does und Schuijff stieß. Gemeinsam hatten sie zuvor beim Online-Zahlungsanbieter Bibit zusammengearbeitet. „Wenn man mit dem Geld anderer Leute arbeitet, muss man ziemlich überzeugend sein und Vertrauen aufbauen.“

Adyens erster Kunde war ein deutscher Anbieter für Onlinespiele, erzählt Prins von den Anfängen: „Es handelte sich um ein neu gegründetes Unternehmen, das sich nicht daran störte, dass wir auch eins waren.“ Die Lösung von Adyen versetzte den Spieleanbieter in die Lage, seinen Kunden Zahlungen innerhalb des jeweiligen Spiels anzubieten, ohne dass diese es verlassen mussten, erklärt der Manager. „Früher bedeutete Onlinebezahlen, dass man durch drei oder vier unterschiedliche Seiten geleitet wurde, jede Menge Leute haben deswegen den Vorgang abgebrochen.“ Adyen habe sich darauf konzentriert, den ganzen Ablauf nahtloser und damit kundenfreundlicher zu machen, und zwar mit einer einzelnen Webseite. Mit genau dieser Lösung sei man in der Branche berühmt geworden und davon ausgehend gewachsen, so Prins.

Es war dann aber fast ein Zufall, dass Adyen auf einmal auch für Kunden wie Netflix oder Vodafone interessant wurde. Im Jahr 2009 arbeitete das Unternehmen für das Start-up Mycitydeal, das schließlich von Groupon übernommen wurde: „Plötzlich arbeiteten wir für einen internationalen Player“, erzählt Prins. „Das half dabei, andere internationale Player zu überzeugen.“

Tatsächlich verfolgte Adyen zu Anfang eine besondere Strategie, sagt Fintech-Berater Kilian Thalhammer, ein Experte im Bereich Payment.

„Zu Beginn haben sie verstärkt auf Start-ups gesetzt und darauf gebaut, dass aus denen mal erfolgreiche Unternehmen werden.“ Bei der Industrie habe man sich erst einmal zurückgehalten – weil man genau wusste, dass man die Schwergewichte der Branche nur mit den richtigen Referenzen überzeugen könne. Der Ansatz „keine Angst vor Start-ups“ hat sich ausgezahlt, findet Thalhammer rückblickend.

„Selbst wenn ein paar gescheitert sind, konnten sie so ihr Portfolio konstant erweitern und mit den Start-ups wachsen.“ Zudem sei Adyen sehr verkaufsorientiert. „Sie setzen einen Mitarbeiter auf ein Unternehmen, und der arbeitet sich so lange daran ab, bis er es von der Lösung überzeugt hat.“ Diese Fokussierung habe dazu geführt, dass man große Namen als Kunden gewonnen habe, die anderen fehlten. Denn neben Adyen kämpfen auch andere Anbieter wie zum Beispiel Stripe, ConCardis oder Wirecard um Marktanteile, weiß Thalhammer. „Am Ende geht es dann oft gar nicht darum, wer die bessere Lösung hat, denn die sind sich ähnlich. Oft entscheiden die richtigen Referenzen und der optimale Kundenansatz.“

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Photo credit: Joachim S. Müller via VisualHunt.com

Geld von Zuck & Friends“

Zudem hat Adyen auch aufseiten der Investoren viel Prominenz zu bieten: 2014 startete das Unternehmen eine große Finanzierungsrunde, das Interesse war groß. 2015 schließlich steckte auch Iconiq Capital Geld in das Amsterdamer Unternehmen und ließ damit den Wert laut Experten von 1,5 auf 2,3 Milliarden Euro steigen. Dieser Investor wird gerne auch einmal als „Zuck & Friends“ beschrieben. In den Fonds investieren nämlich Silicon-Valley-Größen wie Facebook-Gründer Mark Zuckerberg, seine Kollegin Sheryl Sandberg oder Twitter-Gründer Jack Dorsey. Das verspricht Prestige. Es sei die richtige Entscheidung gewesen, Iconiq als Investor zu gewinnen, meint Prins: „Wir profitieren sehr von ihrem Netzwerk. Selbst traditionelle Firmen schauen auf Iconiq.“ Eine Aufnahme in deren Portfolio käme einem Ritterschlag gleich. Danach sei auch die sogenannte „High Street“, also etablierte Unternehmen, auf Adyen zugekommen.

Die Referenz war natürlich nicht der einzige Grund, Geld von Iconiq zu nehmen. Obwohl Adyen profitabel arbeitet, half das zusätzliche Geld auch bei der Verwirklichung großer Ziele. So sollte der Lizenzerwerb auch für die USA oder etwa Brasilien gelten. Wer mit globalen Unternehmen arbeitet, muss auch auf der ganzen Welt vertreten sein.

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