Corona Commerce – Payment und Handel in Zeiten der Krise

FinTech Podcast #263

Wie geht’s dem Handel mit Corona? Brechen die Umsätze ein, zahlen die Kunden anders? Darüber haben wir mit vier Experten in unserem 5pm Club diskutiert und erfahren, warum der Krisengewinnler Blumenerde heißt…

Gerade einmal vier Monate ist es her, da standen wir engumschlungen auf der PEX, haben miteinander diskutiert und gefeiert. Desinfektionsmittel? Das war höchstens der abendliche Schnaps an der Bar. Wer hätte damals gedacht, dass die Welt inzwischen eine ganz andere ist? Dass der Handel, egal ob E-Commerce oder stationär, mit völlig neuen Herausforderungen zu kämpfen hat? Die Coronakrise hat viele Wirtschaftszweige zum Erliegen gebracht. Andere Branchen haben einen Ansturm erlebt, der kaum zu bewältigen war.

Um die vielen Meldungen, die seit Ausbruch der Krise durch die Medien geistern, einem Realitätscheck zu unterziehen, haben wir uns mit vier Payment-Spezialisten aus dem Handel unterhalten. In unserem nigelnagelneuen Format, dem 5pm Club. Denn frei nach dem Motto „Irgendwo auf der Welt ist es immer 17 Uhr“ sollt ihr euch natürlich auch während unserer Digital-Diskussionen gepflegt betrinken können.

Unsere Mitdiskutanten waren:

Corona Commerce – Payment und Handel in Zeiten der Krise - FinTech Podcast #263

Wer nicht live dabei war, kann unsere Diskussion im Podcast oder über Youtube nacherleben. Allen, die zwischen Homeoffice, Homeschooling und Hamsterkäufen keine Zeit dafür haben, liefern wir hier die wichtigsten Erkenntnisse.

Der Handel leidet – stimmt oder stimmt nicht?

Alle Teilnehmer waren sich einig: Der Schreck zu Beginn des Quasi-Lockdowns war groß. Vor allem die Händler mit stationärem Geschäft mussten rasch umdenken. Matthias von der Fashion-Plattform mybudapester berichtete, dass der Umsatz durch die Schließung der Läden zunächst um 20 Prozent eingebrochen sei. Ab April aber und spätestens zu Ostern begannen die Kunden, sich online einzudecken. Sein vorläufiges Fazit: Luxusgüter sind krisenfest – inzwischen sind die Verkaufszahlen fast besser als im Vorjahreszeitraum.

Auch Lukas von der Otto Group berichtete von spannenden ersten Wochen, in denen sich die Kunden erst einmal sortieren mussten. Anschließend beobachtete er eine deutliche Verschiebung im Konsumverhalten: Homeoffice-Einrichtung wurde extrem stark nachgefragt, ebenso Fitnessgeräte – ihr Absatz stieg nach Schließung der Fitnessstudios um 500 bis 600 Prozent. Ob der E-Commerce langfristig als Top-Gewinner aus der Krise geht, wie es viele prognostizieren, lässt sich laut Lukas noch nicht erahnen.  

In verräterisch guter Laune zeigte sich André von hagebau connect. Kein Wunder, steht doch die halbe Republik Schlange vor dem Baumarkt, um es im Homeoffice so nett wie möglich zu haben. Aber auch er beschrieb „zwei Seiten der Medaille“: In manchen Ländern wie Österreich mussten die Hagebau-Märkte komplett schließen. In Deutschland wiederum galten pro Bundesland eigene Regelungen – ganz auf, ganz zu, nur zehn Kunden auf einmal, nur für B2B geöffnet… Eine große Herausforderung für den Konzern. Das beliebteste Produkt der letzten Wochen war übrigens, man höre und staune, Blumenerde in 20-Kilo-Säcken. Die Säcke sind laut André „wie bekloppt gelaufen“ und waren zwischenzeitlich ausverkauft. Auch unser PaB-Kollege Jochen Siegert outete sich in den Live-Kommentaren als Blumenerde-Hamsterkäufer.

Vincent vom Schuheinlagen-Spezialisten GetSteps berichtete von Akquisekosten, die zunächst „durch die Decke“ geschossen seien. Inzwischen lägen sie um 50% niedriger als vor der Krise. Auch er beobachtete ein geändertes Konsumverhalten: Viel mehr Leute kauften plötzlich Sporteinlagen (den Neu-Joggern sei Dank), während sich andere Kunden den Weg zum Orthopäden sparten und ohne Rezept direkt bestellten.

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Besondere Zeiten erfordern besondere Maßnahmen

In den meisten Branchen wirkt die Krise als Beschleuniger, so auch im Handel. Ein gutes Beispiel: Die Corona-Sonderaktion von mybudapester. Die Plattform hatte schnell und unbürokratisch verschiedene Läden „huckepack genommen“, die keinen eigenen Online-Shop hatten. Ihre Waren werden jetzt über mybudapester verkauft. Ohnehin sei es erstaunlich, sagte Matthias, wie viele Händler bisher nicht online waren und wie schnell sich das gerade ändert: „Wenn der Einbruch so groß ist, dass man gar keine Umsätze mehr hat, dann sieht man, wie die Leute umschwenken, doch sehr lernfähig sind und Chancen offenherzig annehmen.“ Zum Thema „Sondermaßnahmen“ hatte auch Lukas von der Otto Group einiges beizusteuern, zum Beispiel erzählte er vom Tochterunternehmen Hermes, das in Windeseile die „kontaktlose Paketübergabe“ konzipieren und umsetzen musste. Oder von About You, das schnell reagierte und Schutzmasken zum Produktionspreis mit ins Angebot nahm.

Wie bezahlen wir in der Krise?

Besonders spannend für uns Payment-Nerds: Wie bezahlen die Kunden in der Krise? Der offensichtlichste Shift passierte am POS, wo die Kunden angehalten wurden, nicht mehr mit Bargeld zu zahlen. Die jahrelangen Diskussionen um Deutschlands liebstes Zahlungsmittel – auf einen Virus-Schlag beendet?

Interessant in diesem Zusammenhang ist natürlich die Frage, inwiefern die Verbraucher künftig auch im E-Commerce häufiger zur Karte oder Mobile Payments greifen werden. Oder im Geschäft nach Zahlungsarten verlangen, die sie aus dem Online-Shop kennen. Bricht hier ein neues Cross-Channel-Zeitalter an?

André beobachtete bei hagebau.de einen großen Shift hin zu Direktzahlarten wie PayPal und vermutete dahinter den Wunsch nach einem schnellen Checkout. Bei Zahlungsarten wie dem Rechnungskauf sind Kunden länger mit der Dateneingabe beschäftigt. Auch Lukas von der Otto Group sieht in einzelnen Zweigen deutliche Verschiebungen, wusste allerdings noch nicht genau, woran das liegt – eventuell am Neukundengeschäft und neuen Zahlungspräferenzen? Die Zahlarten-Champions bei mybudapester heißen Rechnung und Rate. Im Hochpreis-Segment dürfte der Sicherheitsfaktor für viele Kunden wichtiger sein als ein schneller Checkout.

Ein weiteres Thema unserer Diskussionsrunde war Fraud – Lukas erzählte von Chargebacks bei Kreditkartenzahlungen im Event-Bereich und von der Herausforderung, bei der kontaktlosen Paketübergabe sicherzustellen, dass das Paket auch wirklich den Besteller erreicht. Auch über Payment-Dienstleister haben wir gesprochen: Alle Teilnehmer erwarteten, dass sich so mancher Dienstleister nach der Krise breiter aufstellen wird, um die Abhängigkeit von einer Branche oder einem Verkaufskanal zu reduzieren.

Fromme Wünsche für die Zukunft

Am Ende unserer Digital-Diskussion durfte jeder Teilnehmer einen Wunsch für die Zukunft äußern. Vincent von GetSteps wünscht sich als Folge der Krise die schnellere Digitalisierung des Gesundheitswesens mit angepasster Regulatorik, Stichwort E-Rezept. Matthias von mybudapester hofft, dass die Angst vor der Digitalisierung verschwindet und alle Menschen gestärkt aus der Krise gehen – frei nach dem Motto „Jetzt kann uns auch nichts mehr schocken“. Lukas von der Otto Group schätzt die offenen Einblicke in fremde Wohnzimmer und wünscht sich, dass diese persönlichere, offenere Form des Dialogs auch nach der Krise  beibehalten wird, gerade zwischen Händlern und Dienstleistern. André richtete mahnende Worte an die Geschäftsführer in der Runde und wünscht sich, dass das Arbeiten im Homeoffice künftig anerkannter ist – und dass wir alle in Zukunft besser auf Krisen vorbereitet sind.

Dazu sagen wir „Amen!“ und freuen uns auf unseren nächsten 5pm Club, bei dem ihr hoffentlich alle dabei seid.

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Hier findet ihr die ganze Diskussion auf Youtube:

Und hier als Podcast:   

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Autor
Nicole Nitsche
Geboren 1982 im damals noch „sozialistischen” Rumänien, früh gereift unter der Höhensonne der bundesrepublikanischen Mittelschicht, lebt Nicole nach Umwegen über Marburg und Hamburg und jede Menge Abstechern im Ausland wieder in ihrer ursprünglichen Heimat Siegen. Nach diversen beruflichen Umwegen im... mehr

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