Agentic AI im Banking: Warum KI-Agenten die Finanzbranche verändern
Stephan Paxmann zeigt, wie KI-Agenten zur neuen Infrastruktur für Zahlungen und Finanzdienstleistungen werden. Eine Diskussion über Agent Commerce, Verantwortung und die Zukunft des Bankings.
Stephan, ich freue mich sehr, dass du als Speaker auf unserer KEX-Premiere dabei bist. Du drehst in deinem geplanten Vortrag eine Grundannahme um: KI sitzt nicht mehr als Schicht über den Prozessen, sondern Agenten werden selbst zur Infrastruktur, über die Zahlungen ausgelöst und abgewickelt werden. Wann war für dich der Moment, an dem klar wurde, dass die Assistenten-Logik der letzten Jahre nicht mehr trägt – und was hat ihn ausgelöst?
Für mich ist der entscheidende Punkt: KI bleibt nicht im Dialogfenster. Solange sie Texte formuliert, Informationen sucht oder Analysen vorbereitet, sprechen wir im Kern über Assistenz. In dem Moment, in dem ein System ein Ziel versteht, Handlungsoptionen bewertet, Berechtigungen berücksichtigt und eine Transaktion vorbereitet oder ausführt, verändert sich die Logik.
Dann geht es nicht mehr nur um Produktivität. Dann geht es um Ausführung. Und im Finanzsektor ist Ausführung immer mit Vertrauen, Verantwortung, Nachvollziehbarkeit und Risiko verbunden.
Deshalb ist Agentic AI aus meiner Sicht mehr als die nächste technische Entwicklungsstufe. Sie zwingt uns, grundsätzlicher über Finanzdienstleistungen nachzudenken: Wer handelt? Auf welcher Grundlage? Mit welchem Mandat? Und wer trägt Verantwortung, wenn aus einer Empfehlung eine wirtschaftliche Handlung wird?
Du sagst, wir müssten künftig „in Agenten und weniger in Apps denken“. Für die meisten Banken ist die App heute aber das einzige sichtbare Produkt. Was heißt diese Verschiebung für das, was eine Bank überhaupt nach außen ist, wenn Kunden nicht mehr klicken, sondern delegieren?
Die App bleibt ein wichtiger Zugangspunkt. Sie ist heute für viele Kundinnen und Kunden der Ort, an dem Bankbeziehung sichtbar und erlebbar wird. Aber digitale Bankbeziehung wird nicht dauerhaft nur über App-Oberflächen definiert. Es wird klar vielschichtiger und verteilter!
Wenn Aufgaben stärker vom Kunden an einen Agenten delegiert werden, verschiebt sich die entscheidende Frage. Dann geht es nicht mehr nur darum, welche App besonders einfach zu bedienen ist. Es geht darum, an welcher Stelle eine Auswahl und Entscheidung benötigt wird, sichtbar und nicht sichtbar. Wem ich dafür ein Mandat erteile, wer in meinem Interesse handelt, wer Risiken begrenzt und wer eine Handlung nachvollziehbar ausführt.
Das ist eine sehr grundsätzliche Verschiebung. Denn Vertrauen, Identität, Berechtigung, Risiko und Abwicklung sind keine Randthemen des Bankgeschäfts. Sie gehören zum Kern. In einer agentischen Welt wird dieser Kern nicht weniger relevant, sondern anders sichtbar.
Du formulierst eine Schlüsselfrage gerne so: Nicht „Wie nutzen wir Agenten in unserem Workflow?“, sondern „Wie sieht die Organisation aus, wenn nur Agenten den Workflow durchführen?“ Die meisten Unternehmen beantworten noch die erste Frage. Was ändert sich strukturell, wenn man ehrlich von der zweiten ausgeht?
Die zweite Frage ist bewusst radikal formuliert. Sie ist kein Zielbild im Sinne von: Morgen arbeiten nur noch Agenten. Aber sie ist ein gutes Gedankenexperiment, weil sie sichtbar macht, welche Voraussetzungen wirklich tragend sind.
Wenn man Prozesse aus dieser Perspektive betrachtet, rücken andere Fragen in den Vordergrund: Welche Entscheidungen dürfen vorbereitet werden? Welche Handlungen dürfen ausgeführt werden? Welche Daten und Systeme dürfen genutzt werden? Wo braucht es menschliches Urteil? Und wie lässt sich jederzeit nachvollziehen, was passiert ist?
Für ein reguliertes Institut ist dabei weniger die einzelne Automatisierung entscheidend als die Fähigkeit, solche Systeme kontrolliert in bestehende Verantwortungsstrukturen einzubetten.
Agentic AI wird erst dann relevant für den produktiven Einsatz, wenn neben der fachlichen Exzellenz auch Mandate, Berechtigungen, Kontrollpunkte und Nachweise sauber zusammenspielen.
Eine deiner Thesen: Banken werden ihre Prozessketten in einzelne Schritte zerlegen, an Agenten übergeben und diese neu miteinander verknüpfen. Was bleibt bei diesem Umbau überhaupt noch als zusammenhängender „Prozess“ erkennbar und was wird dann nur noch Orchestrierungsaufgabe?
Der Prozess verschwindet nicht. Aber seine Form verändert sich. Heute denken wir Prozesse oft als lineare Ketten: ein Schritt nach dem anderen, mit klaren Übergaben. Agentische Systeme können daraus eher einzelne Fähigkeiten machen, die je nach Ziel und Kontext neu kombiniert werden können. Wir müssen vielmehr vom erwarteten Ziel und Ergebnis agentische Aufgaben aufsetzen.
Orchestrierung bedeutet in diesem Zusammenhang nicht, Dinge einfach laufen zu lassen. Orchestrierung heißt, Agenten, Daten, Systeme, Kontrollpunkte und menschliche Entscheidungen so zusammenzuführen, dass ein Ergebnis fachlich, regulatorisch und operativ belastbar ist.
Wenn die Abwicklung selbst intelligent wird und Agenten Prozessschritte autonom übernehmen: Was ist der unverzichtbare menschliche Restbestand im Operating Model einer Bank? Und wie groß ist der in, sagen wir mal, fünf Jahren noch?
Ich würde nicht vom menschlichen Restbestand sprechen, sondern vom menschlichen Kern. Der bleibt entscheidend! Systeme können analysieren, vorbereiten, ausführen und dokumentieren. Aber Risikoappetit, Kundeninteresse, ethische Abwägung, strategische Priorität und finale Verantwortung bleiben menschliche Aufgaben.
Die Rolle des Menschen verschiebt sich. Weniger manuelle Übergabe, weniger repetitive Koordination, mehr Urteil, Gestaltung, Kontrolle und vor allem Beziehung zum Kunden oder internen Counterparts. Gute Organisationen werden künftig nicht daran erkennbar sein, dass Menschen jeden einzelnen Prozessschritt berühren. Sie werden daran erkennbar sein, dass menschliche Verantwortung an den richtigen Stellen wirksam eingebaut ist.
Wenn man den Prognosen glaubt und Agenten nicht mehr nur Zahlungen auslösen, sondern selbst zur Abwicklungsinfrastruktur werden, auf welchen Rails läuft das aus deiner Sicht: Karte mit agentischen Tokens, Stablecoins, Instant Payments oder eine Schicht darüber?
Ich wäre vorsichtig damit, einen einzelnen Rail zur künftigen Zielarchitektur zu erklären. Finanzinfrastruktur ist stark vom jeweiligen Anwendungsfall geprägt. Zahlungen im Handel, Kapitalmarkttransaktionen, Treasury-Prozesse oder digitale Assets folgen unterschiedlichen Anforderungen, etwa mit Blick auf Geschwindigkeit, Verbindlichkeit, Regulierung und Integration in bestehende Systeme.
Aus Innovationssicht ist deshalb weniger die Frage entscheidend, welcher Rail sich pauschal durchsetzt. Spannender ist, welche Schichten künftig zusammenspielen: bestehende Zahlungsinfrastrukturen, neue digitale Abwicklungsformen, Identitäts- und Berechtigungslogiken sowie Mechanismen, die nachvollziehbar machen, unter welchem Mandat ein Agent handelt.
Für Banken ist genau diese Entwicklung relevant, weil sie verstehen müssen, wo neue Produktmöglichkeiten, beispielsweise durch Tokenisierung, sowie Vertrauen, Regulierung, Kundenzugang und verlässliche Abwicklung in einer solchen Architektur zusammenkommen.
Mastercard, Visa, Google AP2 und Anthropic MCP bauen parallel an Standards für Agent Commerce. Welche dieser Schichten ist für eine deutsche Universalbank systemrelevant und an welcher Stelle sollten Banken bewusst nicht mitmachen, um nicht zum reinen Settlement-Layer für die Standards anderer zu werden?
Aus Sicht einer Bank sind vor allem die Schichten relevant, in denen Identität, Mandat, Berechtigung, Zahlungsauslösung, Auditierbarkeit und Haftung definiert werden. Dort entscheidet sich, ob Agent Commerce nicht nur bequem, sondern auch vertrauenswürdig ist.
Standards sind wichtig, weil sie Anschlussfähigkeit schaffen, damit unterschiedliche Systeme und Standards technisch und organisatorisch sauber zusammenspiele können. Gleichzeitig ist entscheidend, an welcher Stelle Wertschöpfung entsteht. Wenn Kundenzugang, Mandatslogik und Orchestrierung vollständig außerhalb des Bankensystems liegen, verändert sich die Rolle von Banken erheblich.
Deshalb ist die strategische Frage weniger, ob Banken neue Standards nutzen. Die Frage ist, wo sie in einer solchen Wertschöpfungskette Verantwortung tragen, Vertrauen schaffen und wirtschaftliche Handlungen verlässlich absichern können.
Wenn die Abwicklung selbst intelligent wird, verschiebt sich Wertschöpfung. Wo entsteht in einem AI-native Banking-Stack der Profit künftig wirklich — im Modell, in der Orchestrierung, im Mandat, im Risiko? Und wer in der heutigen Bankwertschöpfungskette verliert dabei am meisten?
Das Modell allein wird aus meiner Sicht nicht die dauerhaft knappste Ressource sein. Modelle werden leistungsfähiger, breiter verfügbar und in Teilen austauschbarer. Wert entsteht dort, wo Technologie mit Vertrauen, Kontext und Verantwortung verbunden wird.
Im AI-native Banking-Stack liegen die relevanten Wertschöpfungsschichten vor allem im Mandat, in der Orchestrierung, im Risiko und in der regulierten Ausführung. Wer das Mandat hält, versteht den Kontext. Wer orchestriert, gestaltet die Wertschöpfung. Und letzten Endes auch weiterhin bei einer attraktiven Produktgestaltung, um echten Kundenbedarf zu adressieren.
Lass uns mal auf die Accountability-Lücke schauen: Nicht das Modell und nicht der Anbieter haften, sondern die Institution, die das Mandat erteilt hat. Was heißt das konkret für die Aufbauorganisation einer Bank? Braucht es eine neue Rolle in der Governance oder ist das von vornherein Vorstandsthema?
Accountability ist eine der zentralen Managementfragen in der agentischen Welt. Ein Agent kann handeln, ein Modell kann empfehlen, ein Anbieter kann Infrastruktur bereitstellen – aber verantwortlich bleibt am Ende die Institution, die den Einsatz ermöglicht und das Mandat verwaltet.
Daraus folgt: Agentic AI ist nicht nur ein Technologiethema. Es betrifft Fachverantwortung, technische Verantwortung, Risikomanagement, Compliance und Managemententscheidungen zum zulässigen Kontrollniveau.
Ich würde deshalb weniger von einer einzelnen neuen Rolle sprechen, sondern von einer Agentic Governance-Fähigkeit. Organisationen brauchen klare Verantwortlichkeiten, Limits, Laufzeitkontrollen und belastbare Nachweise. Erst dann kann agentisches Handeln in einem regulierten Umfeld verantwortbar eingebettet werden.
EU AI Act, DORA, MaRisk, BAIT – das Regulierungspaket ist auf Modelle und Anwendungen ausgelegt, nicht auf autonom handelnde Agentennetze. Wo siehst du die größte regulatorische Lücke, in der Banken heute mit einer Hand gebunden arbeiten – und an welcher Stelle würdest du als Erstes ansetzen?
Das zentrale Lernfeld liegt bei dynamischen Handlungsketten. Regulierung kann heute gut mit Anwendungen, Modellen und Dienstleistern umgehen. Anspruchsvoller wird es, wenn mehrere Agenten, Tools, Datenquellen und Systeme in Echtzeit zusammenwirken und daraus eine wirtschaftlich relevante Handlung entsteht.
Dann reicht die Frage „Ist dieses Modell zulässig?“ nicht mehr aus. Entscheidend wird: War diese Handlung mandatiert? Wurden Berechtigungen eingehalten? Waren Risiken begrenzt? Wurde richtig eskaliert? Und kann die Institution das im Zweifel nachweisen?
Aus meiner Sicht braucht es hier vor allem belastbare Konzepte für Agenten-Identität, Mandate, Laufzeitkontrollen und Audit-Trails. Das ist keine Innovationsbremse. Es ist die Voraussetzung dafür, dass agentische Systeme im Finanzsektor produktiv und verantwortbar eingesetzt werden können.
Du hast gesagt: „Wer braucht noch Fintechs, wenn es heute doch KI gibt?“ Wenn Geschwindigkeit und Agilität als Fintech-USP wegfallen, was ist dann der überlebensfähige Kern eines deutschen Fintech-Geschäftsmodells in einer agentischen Welt? Und umgekehrt: Wo macht das deutsche Banken erstmals wieder strukturell wettbewerbsfähig?
Die Frage ist bewusst zugespitzt. Natürlich wird der Markt weiterhin Fintechs brauchen. Aber der USP verschiebt sich. Geschwindigkeit, gute Frontends und digitale Convenience allein werden weniger differenzierend, wenn KI diese Fähigkeiten breiter verfügbar macht.
Stark bleiben Fintechs, die echte Infrastruktur, besondere Daten, tiefe Prozesskompetenz, regulatorische Anschlussfähigkeit oder spezifische Kundenzugänge mitbringen. Also Unternehmen, die mehr liefern als eine Oberfläche.
Für Banken entsteht dadurch eine interessante Ausgangslage. Wenn die nächste Phase stärker über Vertrauen, Risiko, Mandat und verlässliche Abwicklung entschieden wird, dann liegen dort strukturelle Stärken des Bankensektors. Entscheidend ist, wie gut diese Stärken mit technologischer Leistungsfähigkeit verbunden werden.
Wenn du dir von unserem KEX-Publikum eine einzige Sache wünschen dürftest, die nach deinem Vortrag hängenbleibt: Was ist das? Und was muss bis zur nächsten KEX 2027 passiert sein, damit „AI-native Finance“ hierzulande kein Folienvortrag mehr ist, sondern Realität?
Wenn eine Sache hängenbleiben soll, dann diese: Agentic AI ist nicht einfach das nächste Tool. Es ist der Beginn einer neuen Ausführungslogik im Finanzsystem. Ein Paradigmenwechsel, wie wir zukünftig gemeinsam mit KI arbeiten werden.