„Wir machen den digitalen Fingerabdruck unkenntlich“

Dem Normalsterblichen dürfte der Name David Chaum vermutlich nicht viel sagen, Blockchain-Anhänger jedoch wissen genau, wer gemeint ist. Chaum gehört zu den Vordenkern und zu den Urvätern der Technologie. Unter dem Titel „Computer Systems Established, Maintained, and Trusted by Mutually Suspicious Groups“ schrieb er bereits 1982 seine Dissertation. Mit E-Cash leistete er in den 90er Jahren Pionierarbeit im Bereich der digitalen Währung und stieß damit maßgeblich die Bewegung an. Sein aktuelles Projekt, das xx network, will das Problem aus Sicherheit, Skalierbarkeit und Dezentralisierung lösen. Dabei setzt er unter anderem auf das Schreddern von Meta-Daten.

Erinnern Sie sich noch an die Anfänge der Krypto-Währungen? Bitte beschreiben Sie uns doch einmal diese Zeit.

Das waren sehr aufregende und berauschende Tage! Bereits in den 1990er Jahren emittierte meine Firma DigiCash die erste elektronische Währung. 1994 führte ich die erste Zahlung von Genf nach Amsterdam durch. Die erste Krypto-Währung war also eigentlich eCash aus dem Jahr 1994 – ausgegeben unter anderem von der Deutschen Bank – und ein Airdrop von DigiCash.

Nach unseren Ankündigungen, so scheint es mir, hat sich jedoch eine Menge getan. Es entwickelten sich später viele nationale Smartcard-Projekte und -Initiativen, einschließlich des weltweit ambitionierten Mondex-Systems, das eher im Verborgenen in der National Westminster Bank entwickelt wurde. Damals gab es eine Reihe von Forschungsprojekten in Unternehmen und Universitäten, die sich mit den so genannten „Mikrozahlungen“ befassten.

„Wir machen den digitalen Fingerabdruck unkenntlich“

Erst kürzlich habe ich ein digitales Museum für DigiCash auf meiner Website (chaum.com) eingerichtet, das den Großteil der Entstehungs-geschichte und der Entwicklungen von Kryptowährungen in einer Timeline abbildet. Mir sind andere Initiativen, die als die Anfänge der Krypto-Währung in den 80er oder frühen 90er Jahren angesehen werden könnten, nicht bekannt.

Als Krypto-Pionier: Hätten Sie damals gedacht, dass sich die Krypto-Währungen so entwickeln würden? Und glauben Sie an die Abschaffung von Bargeld durch Krypto-Währung?

Ich habe mich immer auf consumer payments konzentriert, und die unkorrelierte Wertanlage hat mich überrascht. Kryptowährung kann tatsächlich eine überlegene Form von Bargeld sein. Aber bestehende Systeme sind aber immer vertrauter State of the Art, auch dann, wenn neue Währungssysteme dominieren würden. Die Entwicklung hängt von externen Faktoren ab; wer hätte vorhersagen können, dass das Problem der öffentlichen Gesundheit jetzt auftreten würde, und noch ist unklar, welche Auswirkungen diese Krise auf die Gesellschaft, das Wirtschaftssystem – aber auch auf die Privatsphäre und den Schutz unserer Daten haben wird.

Mit ihrem Unternehmen haben Sie nun eine eigene Kryptowährung geschaffen ….

Blockchains sind fälschungssichere, verteilte Datenstrukturen, in denen Transaktionen in chronologischer Reihenfolge aufgezeichnet werden,- nachvollziehbar, unveränderbar und ohne zentrale Instanz. Mit der Blockchain-Technologie lassen sich die Eigentumsverhältnisse direkter und effizienter als bisher sichern und regeln, da eine vollständige und unveränderbare Datenaufzeichnung die Grundlage dafür schafft.

Fast die gesamte kommerziell genutzte Kryptographie verwendet die Verschlüsselungsstandards der NSA, aber genau diese verwendet nicht einmal ihre eigenen Standards, um ihre Geheimnisse zu schützen – sie hat andere Schutzvorkehrungen. Wir haben daher eine eigene Krypto-Währung geschaffen, die in unserem xx Netzwerk läuft: xx coin – eine quantensichere Verschlüsselungsmethode, die auf unserer eigens entwickelten Software basiert.

„Wir machen den digitalen Fingerabdruck unkenntlich“

Unser Ziel ist es nicht nur, sichere und vertrauliche Kommunikation zu ermöglichen, sondern auch Finanztransaktionen zu ermöglichen. Unser xx-Netzwerk verwendet eine quantensichere Version des ursprünglichen eCash. xx coin ist also eine digitale Zahlungstechnologie, bei der die Privatsphäre erhöht wird, da die Konten nicht miteinander verbunden sind.

Denn die Transaktionsaufzeichnungen, die auf tausenden Computern innerhalb unseres globalen Netzwerks geschehen, werden durch die xx Community ständig überwacht und gesichert, so dass jeder einzelne Verstoß sofort auffliegen würde.

Wie berechtigt ist die Sorge, dass die Privatsphäre nicht mehr geschützt ist?

Der Schutz der persönlichen Kommunikations- und Zahlungswege ist das wesentliche und notwendige Merkmal einer freien und stabilen Demokratie und die Möglichkeit, die Gedanken und Überzeugungen frei zu teilen, ist für jede demokratische Gesellschaft obligatorisch. Unser xx-Netzwerk will dazu einen Beitrag leisten und eine geschützte Sphäre für die wichtigsten Interaktionen schaffen. Unsere blockchain-basierte Datenschutz-Transaktionsplattform Elixxir unterstützt sicheres Messaging, Zahlungen und dApp-Datenübertragungen. xx-Netzwerkknoten garantieren den Datenschutz durch die Ausführung der Elixxir-Mix-Software, die die Metadaten, die durch die täglichen Benutzeraktivitäten erzeugt werden, unkenntlich macht.

Die Menschen brauchen nutzerfreundliche Alternativen, und sie werden ihre Nachrichten- und Zahlungsaktivitäten auf Anwendungen umstellen, die ihre Informationen tatsächlich schützen. Deshalb Ist ein Metadata-Shredding, dass das xx network leistet, essenziell. Der komplette digitale Fingerabdruck wird dabei unkenntlich gemacht.

Das Blockchain-Ethos bestand darin, die Kontrolle über unsere Finanzinfrastruktur wieder in die Hände der Menschen zu legen, weil sich zentralisierte Organisationen eben als fehlerhaft erwiesen haben. Wir müssen den gleichen Ansatz in Bezug auf die Kontrolle unserer persönlichen Daten verfolgen.

Was genau ist Metadaten-Shredding und warum ist es für die Finanzindustrie so wichtig?

SWIFT ist eigentlich ein Nachrichtensystem mit einigen wenigen Zahlungsanweisungen. Unser digitaler Fingerprint, also das soziale Diagramm, ist der wichtigste Asset für Unternehmen wie Facebook, und das „Wer spricht mit wem und wann“ ist seit langem die beste Informationsquelle für Spionage Agenturen.

„Wir machen den digitalen Fingerabdruck unkenntlich“

Die Bereitstellung einer geschützten Sphäre für die Kommunikation zwischen Bürgern muss die Vernichtung von Metadaten für Zahlungen einschließen, sonst können Zahlungen das Schreddern des kompletten Nachrichtenaustausches rückgängig machen.  Viele der heutigen Nachrichten- und Zahlungsanwendungen sind zwar verschlüsselt, aber sie schützen die Metadaten nicht.

Dazu gehören Daten wie die Zeit, zu der eine Nachricht gesendet und empfangen wurde, wer die Parteien sind, von wo aus und so weiter. Diese Metadaten können von Dritten gesammelt werden. Zum Schutz der persönlichen Nutzerdaten setzt unser xx network das bereits erwähnte Metadaten-Shredding ein:Wir vernichten diese Daten, bevor sie überhaupt konstituiert sind, eigentlich wie das Schreddern all der kleinen Hinweise, die separat genommen wenig aussagen. So dass keine Informationen über den Absender oder Empfänger gesammelt, gespeichert oder verkauft werden. Das xx-Netzwerk erlaubt es auch, seine quantensicheren Zahlungen in seinen Nachrichten zu versenden, so dass Sie mit jemandem kommunizieren oder Geld an jemanden senden können, ohne dass Dritte davon erfahren.

Wie bekannt ist das Thema Metadata Shredding in den Finanzinstitutionen heute schon?

Zentralbanken und andere aufgeklärte Akteure wissen, dass die Öffentlichkeit ein elektronisches Zahlungssystem, das es den Regierungen erlaubt, sie auszuspionieren, nicht akzeptieren wird. Dies ist ein Problem, wenn Zentralbankgeld den Verbrauchern in elektronischer Form zur Verfügung gestellt werden soll.

Metadaten können unglaublich aufschlussreiche Informationen sein. Die Vereinten Nationen haben zum Beispiel erklärt, dass Metadaten aufschlussreicher sein können, als der Inhalt einer Nachricht selbst. So verhindert die End-To-End Verschlüsselung (engll. end-to-end encryption, kurz: E2EE), wie sie bei WhatsApp oder Facebook Messenger eingesetzt wird, eine Sammlung von Metadaten definitiv nicht. Wenn eine Regierung sehen kann, wer eine Nachricht gesendet hat, wer sie empfangen hat, wann sie gesendet wurde und von wo aus sie gesendet wurde, kann sie daraus eine Menge wertvoller Informationen ableiten.

„Die Vereinten Nationen haben erklärt, dass Metadaten aufschlussreicher sein können, als der Inhalt einer Nachricht selbst.“

Welches Land ist aus Ihrer Sicht beim Thema Metadaten-Shredding führend und wo sehen Sie Deutschland in dieser Entwicklung?

Wir sehen ein großes Interesse von Ländern auf der ganzen Welt. Es schien mir immer, dass Deutschland der Ort war, an dem die größte Sensibilität für die Frage der staatlichen Überwachung der Zivilbevölkerung in Verbindung mit der klaren rechtlichen Struktur, die staatliche Eingriffe in die Privatsphäre blockiert, vorhanden war. Ein Indiz dafür ist das am längsten bestehende, offiziell sanktionierte – also behördlich zugelassene – System zur Vernichtung von Metadaten, welches seinerzeit von Prof. Andreas Pfitzmann (Universität Dresden) entwickelt wurde.

Wir wollen Deutschland unbedingt darin unterstützen, innerhalb dieser Entwicklung eine führende Rolle zu einzunehmen. Das Thema Datenschutz steht in Deutschland ganz weit oben auf der Agenda. Nicht nur im politischen, sondern vor allem auch im gesamtgesellschaftlichen System. Insbesondere auch in der Finanzbranche. Der Schutz der Privatsphäre ist in Deutschland also ein hohes und schützenswertes Gut.

Mir scheint auch, dass das deutsche Rechtssystem in der Lage ist, einen starken und umfassenden Schutz der Menschenrechte zu gewährleisten (wahrscheinlich viel stärker als in den meisten anderen Ländern, soweit ich das gesehen habe). Ebenso verfügt Deutschland über eine sehr hochentwickelte Informationstechnologie zur Automatisierung aller möglichen Dinge, einschließlich der Fintech. Darüber hinaus nimmt Deutschland eine führende Rolle ein bei der Bewertung der Sicherheit von Systemen, auch finanzieller Art, die von einer großen, nicht sanktionierten Gemeinschaft sowie von einigen besonders kompetenten Universitäts- und Wirtschaftsorganisationen bereitgestellt werden. Als Vorreiter in Wirtschaftsfragen stelle ich daher die Chance und die Möglichkeit einer echten Leadership Rolle Deutschland heraus.

Autor
Christina Cassala ist freie Wirtschaftsjournalistin aus Berlin und treibt sich dort seit vielen Jahren in der Gründerszene rum. Sie schreibt vor allem über Themen aus den Bereichen Private Equity, Finanzierungen, Start-ups und Fintech-Themen. mehr

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