Was wurde eigentlich aus…dem Heilsbringer NFC?

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Eine Serie der Heilsbringer Technologien, NFC…

Neue Technologien durchleben immer den sogenannten Hype-Cycle. Zunächst ist die Technologie nur Nerds und Spezis bekannt, dann kommt irgendwann mehr Aufmerksamkeit und die Technologie wird in den Himmel gelobt und als das Beste, seit der Erfindung von geschnitten Brot hoch gejubelt, gefolgt von dem Tal der Tränen weil es halt doch nicht alles lösen kann, bis dann langsam die Endkunden Adoption und Adaption (hoffentlich) beginnt und die neue Technologie im Alltag ankommt. So wie NFC.

Was wurde eigentlich aus...NFC der Heilsbringer?
Photo credit: Br3nda on Visual Hunt / CC BY

Widmen wir uns einer dieser Heilsbringer-Technologien doch einmal und gucken mal was aus den heilbringenden Erwartungen denn so alles übrig geblieben ist?  Dies ist also der Start einer neuen Artikel Reihe in der wir diese besagten Technologien aus einer subjektiven Sicht des Einzelnen nochmal beleuchten.

NFC als Technologie steht für „Near Field Communications„. Also platt “Nahfunk” – vermutlich auch die Beste Erklärung für nicht Techies. Genauer gesagt (Vorsicht Nerd Talk) ist NFC eine Reihe von Kommunikations-Protokollen die zwei elektronischen Geräten erlaubt miteinander zu kommunizieren wenn sie “nah” (4cm – 1.6in) beieinander sind. Der Standard geht zurück auf das Jahr 2002. Aber NFC hatte “Eltern”, mit RFID (Radio Frequency Identification) was bereits aus dem Jahr 1983 stammt – das Jahr als Michael Jackson’s “Beat it” im Radio hoch und runter gespielt wurde.

Die ersten semi-seriösen Anwendungen für NFC bei uns gab es ab dem Jahr mit den sogenannten „NFC Tags“ – das nennt man dann heutzutage Beacons (die sind zwar aktiv aber sonst gleiche Soße) und ist immer noch der gleiche “Krams” (Räusper). Mit den total (Achtung: Sarkasmus) hilfreichen NFC Tags konnte man dann so hilfreiche Aufgaben erledigen wie eine URL bekommen (z.B. für ein Produkt oder Filme). Die erste NFC Tag Spezifikation drehte sich um “Smart Poster” – die Dinger an der Bushaltestelle, nix mit “posten” zu tun – oder Kontaktdaten. Ja es gab auch Spezies die sich NFC Tags auf Ihre Visitenkarte raufgepappt haben. Vereinfacht können NFC Tags nix was man nicht auch mit einem Barcode / QR-Code machen kann.

Im Kartenbereich hatten wir 2008 mit der Miles&More MasterCard die erste deutsche Karte mit NFC – nur konnte man die nur bei einem Brezel-Stand am Flughafen Frankfurt einsetzen. Eine Farce, wenn man sich überlegt, daß in den USA und Asien schon längst komplette Kartenportfolien NFCisiert waren.

Ab 2009 kam dann die peer-to-peer Spezifikation womit man jetzt wirklich mit zwei “intelligenten” Geräten kommunizieren konnte. Wir reden über die Zeit wo das Nokia 5230 der Topseller unter den  Mobiltelefonen war und das iPhone 3GS gerade mal ein Drittel der Nokia Verkaufszahlen hatte – und nein Apple’s Smartphone konnte kein NFC. Die ersten Anwendungen waren dann Kontakte (erinnert sich noch jemand an Bump?) oder “Dateien” (also Bilder) auszutauschen.

Die weiteren Etappen waren dann 2010 das erste Android NFC Telefon, und Nizza schrieb sich auf die Fahne “Nice city of contactless mobile” (Applaus, Applaus, Applaus für diesen Wortwitz) mit der man per NFC Telefon ausgewählte Dienstleistungen im Bereich Tourismus und ÖPNV nutzen konnte. Im gleichen Jahr erklärt dann Google ihren Heerscharen von Entwicklern wie sie Endkunden mit NFC belästigen können (um YouTube Videos zu sharen oder Apps zu starten).
2011 kam dann tatsächlich die erste Anwendung im Finanzbereich – Research in Motion (RIM) der Hersteller des Blackberry (ja wir hatten alle einen) wird der erste zertifizierte Anbieter von MasterCards‘ PayPass. Visa zieht erst 2013 mit einer Partnerschaft mit Samsung nach. Dann kommt natürlich 2014 der “Donnerknall” mit Apple’s Start von ApplePay.

Um die Jahre 2010-2012 herum öffnete sich das Tal der Tränen für NFC Ankündigungen. Gefühlter hiesiger Höhepunkt war ein Schlagabtausch auf offener Bühne der DLD-Konferenz 2012 in München: Der O2-Deutschland CEO gegen David Marcus PayPal-Präsident und langjähriger NFC-Hasser. Konträr zum NFC-kritischen David Marcus, prognostizierte der O2-Chef wegen NFC-basiertem mobile payment das Ende der Kreditkarten schon im Jahr 2017. Sowohl eloquent auf der Bühne als in der heutigen Realität traf David Marcus mit seinen Prognosen ins Schwarze: Das NFC-basierte Mobile-Payment-Verfahren mpass von O2 ist längst Geschichte, MasterCard und VISA traden an der Börse auf ihren „All-time-high“-Bewertungen und NFC spielt auch 2018 lange nicht die Rolle wie 2012 erwartet wurde.

Nach langen und vielen Ankündigung gab es im Tal der Tränen immer noch nicht den Killer Use Case und die Technologie dümpelte seit 2010 vor sich hin, bis sie dann mit ApplePay so ein wenig aus dem Dornröschen-Schlaf geweckt wurde. Allerdings hielt die Technologie schleichend Einzug in unterschiedlichste Bereiche. Wearables (noch so ein “Was wurde eigentlich aus” Thema) und Karten aller Couleur (von Visitenkarten s.o., über Hotelzimmer Zugangskarten und natürlich unsere Kredit- und Debitkarten) wurden endlich großflächig NFC “enabled”.

Soviel zur Historie. Was hat NFC also bewegt? Was waren die mega Use Cases die nie kamen? Ist die Technologie inzwischen etabliert? Interessiert das eigentlich irgendjemand? Was hat der Endkunde davon? Wer braucht den Kram? Kommt bald vielleicht noch eine NFC Renaissance? Fragen über Fragen…

Was wurde eigentlich aus...NFC der Heilsbringer?
Photo credit: gcbb on VisualHunt.com / CC BY

André:

  • Seitdem eine Menge Payment Terminals auf NFC umgestellt worden sind, ist meine präferierte Art der Zahlung das “tappen”. Habe das lange nicht für nötig oder sinnvoll gehalten, aber in der Tat ist es gerade bei kleinen Beträgen ein echter Geschwindigkeitsgewinn.Noch einmal forciert wurde meine persönliche NFC Payment Nutzung nach dem Erwerb einer Apple Watch und der damit einhergehenden Aktivierung einer irischen Boon Kreditkarte. Seitdem nutze ich für kleine Beträge, so denn möglich, nur noch meine Uhr. Den Zwischenschritt über das Telefon habe ich dabei ausgelassen. Andere echte Anwendungsbereiche für NFC haben sich darüber hinaus bisher nicht in meinen Alltag geschlichen. Oder nutzt mein Autoschlüssel vielleicht NFC? Ich weiss es nicht genau 🙂 Klappt jedenfalls.

Jochen:

  • Natürlich ist NFC ein riesen Erfolg! Wenn man sich überlegt wer alles auf NFC gewettet hat, konnte es nur „irgendwann“ ein Erfolg durch Zwangsbeglückung werden, oder? Auf den ersten Blick stimmt das. Natürlich bezahlen viele Menschen mittlerweile kontaktlos im Handel und wer mal in London U-Bahn gefahren ist, wird den NFC check-in und check-out lieben.Auch die deutschen Banken und Sparkassen haben ihre Girocards, endlich NFC-fähig gemacht und feiern sich jetzt dafür auf Kongressen. Gratulation! Die laaaange Verzögerung bei uns lag daran, weil man wieder einmal glaubte in Deutschland „anders“ zu sein oder sein zu müssen – je nach Auslegung. So wurde das Rad von den deutschen Kartenmenschen in den Banken & Sparkassen gar national zweimal komplett neu erfunden. Erst versuchte man sich an Girogo, der NFC-Variante der GeldKarte. Nach dem „durchschlagenden“ Erfolg von Girogo, auf den heute niemand in den Banken angesprochen werden möchte, musste NFC für die Girocard erst komplett spezifiziert werden. Wenn ich mir überlege, daß meine Freunde in New York schon 2005/2006 pauschal alle ihre Debitkarten der Citigroup mit NFC ausgestattet bekamen, sieht man wie weit hiesigen Banken auch bei diesem Payment-Thema unnötig lange geschlafen haben. Ich verleihe daher den „Eddie-The-Eagle-Gedächtnispreis“ für diese Glanzleistung die deutschen Girocards „so schnell“ zu „NFC-isieren“!Aber… was sollte nicht alles sonst NFC-isiert werden. NFC war mal das, was heute die Blockchain ist: Die Lösung für alle vergangenen und zukünftige Probleme der Menschheit. Ich erinnere mich an NFC-Hotelschlüssel im Smartphone, die vielleicht die Zimmertür aufmachen, aber dann nicht in den Kartenschlitz für den Stromschalter im Zimmer passen. Ich erinnere mich an NFC-Waschmaschinen, über die ernsthaft bei der Omnicard/Omnisecure Konferenz noch vor 3 Jahren gesprochen wurde. Last but not least die Idee, daß man per NFC Musik/Daten etc. überträgt, wenn man nach Hause kommt, weil es soooo viel besser als Bluetooth oder WiFi ist…Was ist geblieben: Eine Technologie, die seit knapp 20 Jahren herumgereicht wurde, hat jetzt einen guten und sinnvollen Use-Case gefunden. Viele der überzogenen Erwartungen haben sich in der Luft aufgelöst und wir nutzen sie dafür, wo sie überzeugend einen Sinn ergibt. Gut so! Aber ist NFC die Zukunft, vor allem jetzt, wo sie endlich auch in Deutschland angekommen ist? Der Handel entwickelt sich längst weiter. Siehe die Erfolg von Alipay und Wechat, siehe den Erfolg von Starbucks Mobile Payment und siehe neue Modelle wie AmazonGo. Traditionelle kassenzentrierte Modelle lösen sich langsam auf. Enstprechend verliert das eigentliche Zahlungsterminal auch mehr an Bedeutung und somit auch NFC. Ist das schon das Ende des NFC-Booms? Nein, der Magnetstreifen spielt auch noch immer eine Rolle und so wird NFC nicht in wenigen Jahren wieder verschwinden.
Was wurde eigentlich aus...NFC der Heilsbringer?
Photo credit: Pierre Metivier on VisualHunt / CC BY-NC

Kilian:

  • NFC hat den Durchbruch meiner Meinung nach geschafft – aber indirekt – und unsichtbar für den Endkunden – das Schicksal der meisten Technologien (Blockchain hörst du es?) – nämlich im Telefon und im Contactless Payment… Damit ist es die klassischen Zyklen durchgegangen – es wurde viel ausprobiert – manches erscheint rückwirkend “sehr komisch, fast grotesk – wie konnte man da nur Geld reinstecken” – in der Situation aber “sinnvoll” – man darf das Timing nicht vergessen – auch Technologien und ihre “Awareness” sind im Kontext zu sehen…. NFC ist massenmarktfähig – NFC gibt es und wird es als Use Case (ggf. mit anderem Namen) weiter geben…. und der Gartner Zyklus hat sich wieder mal bewährt….

Maik:

  • Immer dann wenn eine Technologie unsichtbar wird und man sich als Konsument keine Gedanken um die Nutzung machen muss, ist der Hype vorbei und die Technologie im Normalbetbrieb. Bei NFC ist das so eine Sache, denn NFC ist fester Bestandteil der meisten Giro- und Kreditkarten. Alle Terminals können NFC und inzwischen sieht man nicht mehr nur Nerds kontaktlos zahlen. Zudem sogar Verkäufer*innen auf diese Möglichkeit immer wieder hinweisen. Von daher ist NFC eine gute Sache, die den Bezahlvorgang einfacher und schneller macht. Ob die Karte das optimale Medium ist, da kann man sich drüber streiten. Wearables wie NFC-Ring von Kerv, NFC-Armbänder von Vpay oder auch Smartwatches sind vielleicht die “Geräte” die in Zukunft mehr Sinn machen.NFC am Smartphone – und damit vor allem Payment am POS – halte ich für überbewertet. Das Smartphone ist von allen der schlechteste Formfaktor.

Rafael:

  • Die NFC Technologie war und ist m.E. spannend. Tap and Go beim Bezahlen gehört zum Standard, auch wenn man als Resultat machmal die Karte vor zu gierigen Kassenkräften-Händen schützen muss (Finger weg sonst Tap ich deine Hand!). Leider gibt es auch immer noch diese Situationen wo der Mensch hinter dem Terminal verdutzt guckt und dann noch eine Unterschrift haben will (so sicherheitshalber – aber dann nicht merken wenn ich mit Donald Duck unterschreibe…), aber es wird, langsam aber stetig.
    Die heilsbringende Zukunft von NFC, die uns versprochen wurde, a la jede Verpackung hat ein NFC Tag und man kann nachgucken welche Augenfarbe das Tier hatte, welches man da gerade kleingehäckselt oder wahlweise filetiert einkauft, ist nicht eingetreten. Dafür spielen wir jetzt mit DNA Aufklebern rum, vermutlich damit ich den Stammbaum des Tieres nachvollziehen kann.
    NFC hat sich in den Alltag eingeschlichen. ÖPNV in “modernen Städten” – NFC (Oyster card et al), Hotel Zugang – NFC, Carsharing Zugang – NFC (zunächst mit lästigen Karten aber immer noch in den kleinen Chips am Schlüssel), Türöffner bei semi-aktuellen Büro-Schließanlagen – NFC, Alarmanlagen-”Scharfsteller” – NFC.
    Nur mit dem Smartphone und NFC hat es nur so semi geklappt. Android / Google / “einigt euch endlich mal auf einen Namen” Pay darf schon NFC. Das böse Apple macht weiterhin NFC nur für die hauseigene Payment Variante auf ( du du du) und erntet dafür gaaaanz böse Kritik u.a. von der deutschen Kreditwirtschaft. Auch das wird sich vielleicht endlich ändern.
    Die Anwendungsbereiche von NFC sind aber m.E. noch nicht ausgeschöpft aber man ist ruhiger und realistischer geworden, so wie sich das für eine langweilige etablierte Technologie gehört.

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2 Comments

  1. Bezogen auf Jochens Kommentar:
    Wenn seine Freunde in New York schon 2005 NFC-fähige Karten bekommen haben, aber dann trotzdem noch mal zehn Jahre warten mussten, bis NFC im Alltag angekommen ist, kann die Entscheidung der DK zur GiroCard nicht sooo falsch gewesen sein.

    Vor allem, wenn man bedenkt, dass die Marktdurchdringung von NFC-fähigen Terminals in Europa und Deutschland mittlerweile deutlich höher als in den USA ist. Dort scheinen Magnetterminals (noch nicht einmal Chipnutzung) ja weiterhin die Regel im Alltag zu sein.

    So gesehen hat Europa doch eigentlich im long term alles richtig gemacht 😉

    • Hallo Michael,

      aber natürlich haben die 2005 auch schon mit NFC in USA bezahlt und mussten nicht warten!! NFC-Akzeptanz gab es damals schon breit in den Bereichen wo es um die schnelle Bezahlung ging. Fast Food, Drive Through, die US-Stadien waren damals auf NFC etc…

      VG

      Jochen

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