Was die Schwarz Gruppe über Souveränität weiß - und andere (vielleicht) noch nicht…
Die Schwarz Gruppe baut mit STACKIT die europäische Cloud-Alternative, investiert Milliarden in eigene Rechenzentren und legt Wero in den Lidl-Checkout. Die Kreditwirtschaft redet seit Jahren über digitale Souveränität und lässt sich dabei gerade von einem Lebensmittelhändler vorführen.
Neu ab heute: der Mittwochs-Deep-Dive
Ihr lest die erste Ausgabe eines neuen Formats. Ab jetzt schickt euch jeden Mittwoch eine oder einer aus unserem Kreis einen Deep Dive mit Haltung, rollierend, mit wechselnden Autor:innen, und immer nah an dem, was uns in dieser Woche wirklich beschäftigt hat. Antwortet gern direkt auf diese Mail, Widerspruch ist ausdrücklich erwünscht.
Den Anfang mache ich, und mich beschäftigt in dieser Woche etwas anderes als Payment. Am Sonntag wird in Sachsen-Anhalt gewählt, die Umfragen sehen die AfD, die der Verfassungsschutz des Landes als gesichert rechtsextremistisch einstuft, mit über 40 Prozent vorn. Fünf Tage davor weist der Kanzler in der RTL-Runde bei Pinar Atalay die Kritik der Kinderärztin Bea Merscher am Sparpaket im Gesundheitswesen als persönliche Herabsetzung zurück. Ein Mann, der selbst gern zuspitzt und Widerspruch am Ton misst, sobald er ihn abbekommt. Diese Doppelmoral entlarvt sich von allein und liefert Munition an die Partei, die von der Erzählung lebt, die da oben hörten ohnehin niemandem zu.
Der Zusammenhang zu unserem Thema ist enger, als es aussieht. Vertrauen bricht dort weg, wo Ankündigungen und Ergebnisse dauerhaft auseinanderfallen. Über europäische Souveränität reden wir seit Jahren, und das größte Rechenzentrum, das derzeit in Deutschland entsteht, kommt von der Schwarz Gruppe.
Warum in Neckarsulm gebaut und im Rest des Landes ((leider immer noch)) geredet wird, steht unten im Deep Dive.
Erst der Eigenbedarf, dann das Produkt
Wer im Sommer 2026 in Deutschland nach einer ernstzunehmenden Alternative zu AWS, Azure und Google Cloud sucht, landet in Neckarsulm bei einem Unternehmen, das sein Geld unter anderem mit Tiefkühlpizza, Waschmittel und Gartenmöbeln verdient. Die Schwarz Gruppe, die im Geschäftsjahr 2025 nach eigenen Angaben 185,6 Milliarden Euro Umsatz erzielt hat und damit um 5,8 Prozent gewachsen ist, betreibt mit Schwarz Digits eine IT- und Digitalsparte, die inzwischen als europäischer Infrastrukturanbieter wahrgenommen wird. Gegründet wurde die Einheit 2023, seit dem 10. Juli 2026 führt Christian Müller sie als alleiniger Vorstandsvorsitzender, nachdem sein bisheriger Co-CEO Rolf Schumann nach sieben Jahren ausgeschieden ist. Gebündelt sind dort die Cloud-Infrastruktur unter der Marke STACKIT, die Cybersecurity-Aktivitäten sowie die IT für die Onlinegeschäfte von Lidl und Kaufland.
Bemerkenswert an dieser Konstruktion ist ihr Ursprung. Die Marke wurde 2018 als interne Lösung für den eigenen Konzern aufgebaut, weil eine Handelsgruppe dieser Größenordnung Rechenleistung in einem Umfang benötigt, den man ab einem gewissen Punkt selbst betreiben möchte. Seit März 2022 sind die Dienste auch für den externen Markt zugänglich. Aus einer Kostenstelle ist ein Geschäftsmodell geworden, und zwar eines mit garantierter Grundlast aus dem eigenen Haus. Lidl und Kaufland liefern die Auslastung, die jede Infrastruktur braucht, bevor externe Verträge unterschrieben sind. Die Rechenzentren stehen ausschließlich in Deutschland und Österreich, der Umsatz von Schwarz Digits ist im Geschäftsjahr 2025 um 15,8 Prozent auf 2,2 Milliarden Euro gestiegen.
Damit unterscheidet sich das Vorhaben von einer Reihe europäischer Souveränitätsinitiativen, die technisch durchaus überzeugend konzipiert waren und trotzdem versandet sind. Der Unterschied zwischen STACKIT und dem, was in Brüssel und Berlin über Jahre unter dem Label Gaia-X diskutiert wurde, liegt in der Nachfrage. Souveräne Infrastruktur scheitert in Europa selten am Bauen. Sie scheitert daran, dass niemand kauft.