Warum KYC mehr sein muss als „Pflichtprogramm“
In unserer aktuellen 3×3=10-Crossover-Folge mit den Plaudertaschen sprechen wir mit Tobias Eiß von KYCnow über Geldwäsche, Terrorismusfinanzierung.
In unserer aktuellen 3×3=10-Crossover-Folge mit den Plaudertaschen sprechen wir mit Tobias Eiß von KYCnow über Geldwäsche, Terrorismusfinanzierung und die Frage, warum das Thema nicht irgendwo „da draußen“ passiert, sondern manchmal direkt zwischen Spieleabend und Lieferdienst. Statt Paragrafenreiterei geht es um ein realistisches Bild: Wie Geldwäsche funktioniert, warum Bargeld oft der Türöffner ist, wo digitale Muster unterschätzt werden und was KYC-Prozesse wirklich leisten müssen, damit Prävention wirksam wird.
Geldwäsche im Alltag: Der Spieleabend als (unfreiwilliger) Berührungspunkt
Der Moment, der in der Folge hängen bleibt, ist absichtlich banal: Freunde zu Besuch, Siedler von Katan, der Lieferdienst klingelt, du zahlst bar, Tür zu, weiter geht’s. Genau dieses „normale“ Bargeld-Szenario nutzt Tobi, um zu zeigen, wie leicht Bargeld in Systeme rutschen kann, in denen illegale Gelder „untergemischt“ werden.
Wichtig dabei:
- Du musst nichts „falsch“ machen, um Berührungspunkte zu haben.
- Geldwäsche lebt davon, dass Transaktionen normal aussehen.
- Der Alltag ist oft die perfekte Tarnkappe.
Was Geldwäsche eigentlich ist: Verschleiern, vermischen, „sauber“ machen
Tobi beschreibt Geldwäsche als Prozess mit einem klaren Ziel: Geld aus Straftaten soll am Ende so wirken, als käme es aus legalen Quellen und ohne Alarmglocken im Finanzsystem nutzbar werden.
Typisch ist dabei:
- Herkunft verschleiern (über Zwischenstationen, Konstrukte, Umwege)
- Geld mit echten Umsätzen vermischen am Ende „sauber“ auf Konten oder in Vermögenswerten landen
Und ja: Die Größenordnung ist massiv. Tobi nennt für Deutschland jährlich über 100 Milliarden Euro, die gewaschen werden.
Warum Bargeld so oft der Einstieg ist und Immobilien so oft das Ziel
Ein wiederkehrendes Muster in der Folge: Bargeldintensive Geschäftsmodelle eignen sich besonders gut, weil sich echte und fingierte Umsätze schwer trennen lassen.
Das klassische Beispiel:
- Imbiss eröffnen,
- Schwarzgeld in Tagesumsätze integrieren,
- am Ende „normal“ einzahlen.
Spannend wird es, wenn es weitergeht: Scheinfirmen, Briefkastenlogiken, Scheinrechnungen Netzwerke, die Spuren verteilen statt sie zu verstecken
Immobilien als „Waschmaschine“ über Bewertung, Kauf, Renovierung, Weiterverkauf
Der Punkt dahinter: Geldwäsche ist weniger „der eine Trick“, sondern oft eine Kette aus plausiblen Einzelschritten. Digital ist nicht automatisch sicher: neue Muster, neue Blinde Flecken
„Dann machen wir alles digital und fertig?“ So einfach ist es nicht. Tobi ordnet ein: Digital kann Geldwäsche erschweren, aber es entstehen neue Typologien. Gerade im Bereich Terrorismusfinanzierung beschreibt er Muster, bei denen nicht mehr nur Transaktionen im Fokus stehen, sondern z. B. Zugänge, Accounts oder andere Mechaniken, die klassische Beobachtung aushebeln.
Die Takeaways:
- Muster verändern sich, sobald Kontrollen besser werden
- Täter optimieren wie ein Geschäftsmodell Prävention muss mitlernen, nicht nur „abhaken“
Von „Cover my S“ zu Wirksamkeit: Was KYC wirklich leisten muss
Ein starker Teil der Folge ist Tobis Kritik an der Praxis: Zu oft wird KYC als Nachweis- und Absicherungsprozess verstanden („Hauptsache dokumentiert“), statt als wirksames Instrument gegen Geldwäsche.
Daraus ergeben sich drei sehr konkrete Forderungen:
- Fokus auf Wirkung statt Formalismus
- bessere Verarbeitung und Nutzbarmachung von Verdachtsmeldungen (Skalierung, Digitalisierung)
- mehr gesellschaftliches Bewusstsein für den realen Schaden hinter der Geldwäsche
Und genau an der Stelle wird auch klar, warum Tobi heute an KYC-Automatisierung arbeitet: Nicht, um „noch mehr Prozess“ zu bauen, sondern um KYC so zu gestalten, dass es im Alltag von Instituten überhaupt durchgängig funktioniert.
Finanzielle Bildung als unterschätzter Hebel
Der vielleicht wichtigste Perspektivwechsel: Finanzielle Bildung ist hier die Kontextkompetenz. Also verstehen, wie das System missbraucht wird, und daraus bewussteres Handeln ableiten. Alltagstauglich runtergebrochen: Wo kaufe ich ein, wirkt das plausibel? Wie bezahle ich, wo ist digital sinnvoll? Spreche ich über das Thema, mache ich es sichtbar? Tobi macht auch klar: Das wäre aus seiner Sicht ein starkes Pflicht-Thema in der Bildung, weil Prävention nicht erst im Bankprozess beginnt, sondern viel früher.
Warum es sich lohnt, die Folge komplett zu hören
Die Folge ist kein „AML-Update“, das man nach fünf Minuten wieder vergisst. Sie lohnt sich bis zum Schluss, weil das Thema greifbar wird, ohne es zu trivialisieren (Alltagsbeispiele statt Buzzwords), wir über echte Muster sprechen: Bargeld, Mischumsätze, Immobilien, digitale Typologien. Tobi zeigt sehr offen, wo KYC heute oft nicht wirksam ist und was sich ändern müsste. Die Brücke zur finanziellen Bildung überraschend konkret wird (und nicht nach „Schulbuch“ klingt).
Am Ende stehen klare Denkanstöße, die man im Institut und privat direkt mitnehmen kann.