Über eine kontrovers diskutierte Kryptowährung, eine am Boden liegende Wirtschaft und was ein politischer Machtkampf mit all dem zu tun hat

Bei Erdöl handelt es sich um eine sehr komplexe Mischung von organischen Stoffen, mit mehr als 17.000 Bestandteilen, die natürlicherweise auf der Erde vorkommen. Da wundert es nicht, dass Erdöl einer der begehrtesten Stoffe der Welt ist. Neben der klassischen Verwendung als Treibstoff für unsere Fort-bewegungsmittel, gibt es unzählige Anwendungen in der chemischen Industrie, ohne die unser heutiges Leben nicht vorstellbar wäre.

Trotz erheblicher Nachteile für Klima und Umwelt hält die Menschheit weiterhin an dem fossilen Brennstoff fest. Das führt dazu, dass ein regelrechter Kampf um die letzten Ölvorkommen entbrannt ist. Als das Land mit den meisten Erdölreserven (47,4 Mrd Tonnen) ist der süd-amerikanische Staat Venezuela nicht automatisch das Land mit der höchsten Erdölförderung. Venezuela profitiert auch nicht in der Form vom „Schwarzem Gold“, wie man es vielleicht vermuten würde. Stattdessen versinkt es gerade in Chaos, Armut, Hunger, Gewalt sowie politischen Unruhen und leidet extrem unter einer Hyperinflation. Doch eins nach dem anderen.

Venezuela & der Petro Coin

Fehlende Industriezweige

Im Zuge der Bolivarischen Revolution ruft der damalige Präsident Hugo Chávez den Sozialismus des 21ten Jahrhunderts aus. Seine Ziele: die nationale Unabhängigkeit und ökonomische Eigenständigkeit zu stärken, mehr Mitbestimmungsrecht für die Bevölkerung zu erlangen, eine gerechte Verteilung der Erlöse der Erdölverkäufe zu gewährleisten und die im Land vorherrschende Vetternwirtschaft und Korruption zu bekämpfen. All dies versuchte Chávez mit seinen sogenannten Colectivos, paramilitärische Banden, umzusetzen. Die Abhängigkeit vom Erdöl sollte verringert werden, doch hat die venezolanische Regierung die profitablen Erdölunternehmen so geplündert, dass diese kurzerhand ruiniert waren.

Die geforderte Unabhängigkeit vom Schwarzen Gold war schlichtweg nicht machbar, da Venezuela keine anderen Industriezweige oder Exportgüter vorweisen kann. Durch die Korruption und Plünderung der Unternehmen landeten schätzungsweise mehr als 10 Milliarden Dollar an Schwarzgeld auf Schweizer Bankkonten. Bis zu seinem Tod 2013 machte Chávez stets das Ausland dafür verantwortlich, wenn etwas in seinem Land im Argen lag.

Katastrophale Folgen

Diese Form der Außenpolitik führte dann der Nachfolger Chávez‘, der ehemalige Außenminister Venezuelas Nicolás Maduro, brav weiter. Selbst Maduros vorgezogene Präsidentschaftswahl wurde von den meisten westlichen Staaten innerhalb der EU und den USA nicht anerkannt. Dieser Umstand erschwert die angestrebten multilateralen Erdölhandels-beziehungen erheblich. Die sich immer weiter verschlechternde Wirtschaftslage und die steigende Inflation führten Maduro kurz nach seiner Wahl auf die sich gegen Venezuela verschworene USA zurück.

Schon 2014 fehlte es der Bevölkerung teilweise an Grundnahrungsmitteln. Benzin kostete erheblich weniger als Trinkwasser, Medikamente waren Mangelware und Getreidelieferungen aus dem Ausland nahmen ab. Der oppositionelle Gegenwind wurde immer größer und mündete in mehreren erfolglosen Versuchen, das Maduro-Parlament zu entmachten. Bei Auseinandersetzungen mit Sicherheitskräften gab es bei Demonstrationen mehrere Tote.

„Der oppositionelle Gegenwind wurde immer größer und mündete in mehreren erfolglosen Versuchen, das Maduro-Parlament zu entmachten.“

Die chaotischen politischen Zustände im Land und die immer noch weit verbreitete Korruption verhinderten weitere Engagements Chinas und Russlands, Venezuelas größte Geldgeber und Verbündete. Das immer stärker vom Staatsbankrott bedrohte Land ordnet in der Folge militärische Großmanöver an, um auf eine angebliche Bedrohung Kolumbiens vorbereitet zu sein. In der gleichen Zeit sterben täglich Kinder an Unterernährung. Wellen von venezolanischen Flüchtlingen überschwemmen die angrenzenden Länder, während Maduro Hilfsorganisationen im eigenen Land die Arbeit verbietet.

Maduro vs. Guaidó

Anfang Januar erklärte die Nationalversammlung Venezuelas dann die Wiederwahl von Präsident Maduro als nicht rechtmäßig. Das führte dazu, dass sich Juan Guaidó  selbst zum Interimspräsidenten ernannte. Nord- und südamerikanische sowie viele europäische Länder erkannten Guaidó hingegen an.

Venezuela & der Petro Coin

Es folgten Proteste und Demon-strationen gegen die Regierung. Erlöse aus dem Erdölverkauf flossen nur noch auf Sperrkonten, damit die Regierung darauf keinen Zugriff mehr hat.

Maduro erklärte Guaidó und seine Anhänger zu Volksfeinden und drohte mit harten Gefängnisstrafen, für den Fall einer von ihm herbeigeführten ausländischen Militärintervention. Immer noch leugnet Maduro die Existenz einer Krise, blockiert die Grenzen für Hilfsgüter und nennt dies eine Provokation der Guaidó Anhänger. Die Demonstrationen und gewaltsamen Proteste weiteten sich aus und mehrere Menschen kamen dabei ums Leben.

Inflation, Staatsverschuldung, Armut

Seit 2003 ist der Bolívar, die Währung Venezuelas, aufgrund einer Währungs-kontrolle nicht mehr frei konvertierbar. Die venezolanische Währung lässt sich kaum noch in andere Währungen umtauschen und Devisen für Importe fehlen nahezu komplett. In Venezuela gab es von 2008 bis 2018 den Bolívar Fuerte als Währung, die dann am 20. August vom Bolívar Soberano abgelöst wurde. Dieser Währungsschnitt änderte allerdings nichts an der immer schneller voran-schreitenden Inflation, die mittlerweile auf einen Prozentwert von 7 Stellen geschätzt wird.

Schon 2007 zog sich das Land aus dem IWF zurück und beendete die Zusammenarbeit mit der Weltbank. Im Jahr 2018 belegte Venezuela den 3. Platz im Ranking der Länder mit der höchsten Staatsverschuldung in Relation zum BIP. Gerade mal 40% der Bevölkerung haben ein Bankkonto und 90% leben in Armut. Dennoch ist die Nutzung von Mobile-Payment-Lösungen in Venezuela weit verbreitet, trotz der schlechten und lückenhaften Telekommunikation-Infrastruktur. Ein weiterer Grund für eine hohe Mobile-Payment-Durchdringung ist das fehlende Bargeld. Dieses ist aufgrund der Hyperinflation nahezu komplett aus dem Alltag verschwunden. Selbst kleine Einkäufe erfordern großes Vertrauen, da diese mittels Debit-Karten oder Überweisungen erfolgen müssen.

Venezuela Petro Coin
Venezuela Petro Coin

Staatliche Kryptowährung: der Petro Coin

Im Dezember 2017 verkündete Präsident Maduro die Einführung einer mit Erdöl
abgesicherten, staatlichen Kryptowährung. Die Ziele dieses staatlichen Coins:

– die Einnahme werthaltiger Fremdwährungen
– eine Stärkung der Wirtschaft
– Etablierung als Zahlungsmethode im Inland

Der Vorverkauf, der nur für institutionelle Investoren vorgesehen war und nicht mit dem einheimischen Bolívar erfolgen konnte, brachte laut venezolanischer Regierung rund $735 Millionen in internationalen Devisen ein – allein am ersten Tag. Es sollten 100 Millionen Coins herausgegeben werden, wobei der Staat selbst 17,6 Millionen behielt. Maduro ordnete an, dass Staatsunternehmen mindestens 15% ihres Umsatzes mittels Petro Coin abwickeln müssen. Ebenso will er 95% aller inländischen Zahlungen Cashless und elektronisch abwickeln. Und: alle Steuern und sonstige Abgaben der Bürger sollen über den Petro Coin laufen. Besichert wird der Coin mit einem Barrel Rohöl, was 159 Liter entspricht.

Kritik am Coin

Als technische Grundlage dient das NEM-Ökosystem, welches den Proof of Stake und Proof of Work verwendet. Der Verkauf des Coins an die Öffentlichkeit startete im Oktober 2018 und war nur an 6 ausgewählten Börsen möglich. Bancar, AFX-Trade, CaveBlockchain, AmberesCoin, Cryptia, Criptolago.

Der Kauf erfolgte nicht – wie vorab angekündigt – mittels Bitcoin, Litecoin, Ethereum und Dash, sondern nur noch über Bitcoin Ethereum, Dollar, Yen und dem Bolívar. Die Bevölkerung Venezuelas kann sich kaum ein paar Coins leisten, da die Inflation so schnell voranschreitet, dass diese unerschwinglich sind. 

Venezuela & der Petro Coin

Handelbar ist der Petro Coin allerdings bis heute nicht. Es gibt keine nachweisbaren Transaktionen. Schuldscheine für „Savings in Petro“ werden der Bevölkerung stattdessen angeboten. Kritik gibt es zu genüge an dem ersten staatlichen Coin:

– Einerseits wird dem Coin die Dezentralität abgesprochen, die eine Kryptowährung nun einmal ausmacht. Die fehlende Transparenz und die gegensätzliche Intention dieses Coins sprechen eher dafür, dass es sich hierbei um eine Methode handelt, um die Gelder der korrupten Machtelite außer Landes zu schaffen und dieses im großen Stil zu waschen.

– Eine Einlösung des Coins gegen das Öl an das er gebunden ist, ist ebenfalls theoretisch wie praktisch nicht möglich

– Und ebenso deuten die zeitliche Nähe zum Bitcoin-Höchststand und zum aufsteigenden Hype um Kryptowährungen nicht gerade auf eine seriöse Absicht hin

Quellen Grafik:


Autor
Nicole Nitsche

Nicole Nitsche ist studierte Theaterwissenschaftlerin und hat mehrere Jahre als Regieassistentin beim Thalia Theater Hamburg gearbeitet. Danach war Nicole Leiterin der Presse-und Marketingabteilung eines Hamburger Musiklabels. Zu ihren täglichen Aufgaben zählten dort, neben dem Verfassen von Pressetexten, die Umsetzung und... mehr

Nicole Nitsche