Stoppt die Selbstbeweihräucherung

Die Branche feiert sich gern frenetisch für Neuerungen, die gar nicht so bahnbrechend sind. Ein guter Vorsatz fürs neue Jahr: Macht doch mal etwas wirklich Neues oder Bedeutsames. Dann können wir auch drüber reden. 

Die Payment and Banking-Szene ist unzweifelhaft niemals langweilig. Kein Monat vergeht, ohne dass neue Produkte, Banken, Fintechs und Payment-Lösungen auf den Markt kommen. Aber wer braucht das eigentlich alles und muss man das alles gut finden? Unser Autor Nils Wischmeyer beleuchtet in seiner Kolumne „Nils nörgelt“ ab sofort monatlich ein Produkt, Thema oder eben den „letzten heißen Scheiß“. Etwas zu meckern gibt es schließlich (fast) immer.

Haaaallo, liest das hier überhaupt jemand oder muss ich das erst bei Clubhouse in irgendeiner tollen Diskussionsrunde der digitalen Elite vorstellen? Ja, die App, für die man ein iPhone und dann noch eine persönliche Einladung braucht, ist genau das, was die Szene repräsentiert: Sie ist elitär, auf sich selbst bezogen und ohne neue Ideen. Denn am Ende ist die App, nur die nächste (irrelevante) Diskussionsrunde, die alle in dem Moment verlassen werden, in dem sie das nicht mehr ist, in dem die Bubble nicht mehr unter sich ist. 

Und damit sind wir auch bei einem der größten Probleme der Techszene: Es kommen die immer gleichen Produkte von den immer gleichen Leuten, die selten etwas Neues zu bieten haben. Das ist, bis auf wenige Ausnahmen, auch in der Payment- und Bankingbranche so.

Erstmals aufgefallen ist mir das in dieser Härte vor ein paar Wochen, als bei einer Diskussionsrunde zu Fintechs, bei der viele von Innovationskraft, von den tollen neuen Prozessen, den Teams schwärmten. Doch dann meldete sich eine Mitdiskutantin zu Wort, die ganz nüchtern darlegte, dass die allermeisten Fintechs doch überhaupt nicht innovativ seien, dass sie längst bekannte Produkte frisch lackiert feilbieten würden, oder nur das Copycat eines US-amerikanischen Fintechs seien. 

Stoppt die Selbstbeweihräucherung

Sie brachte mich zum Nachdenken: Ja, was war denn zuletzt wirklich bahnbrechend, so wahnsinnig neu, dass es mich vom Hocker reißt und das Leben von Millionen von Menschen verändern würde? 

Die meisten Fintechs bewerben altbackene Produkte als wären sie gottgleich

Das Jahr 2020 war für die Branche, wie auch die gesamte Wirtschaft und Gesellschaft, ein schwieriges. Es hat emotional und physisch Kraft gekostet und auch wenn einige Firmen sicherlich profitieren, war 2020 für viele ein Horrorjahr. Mein Vorschlag an die Branche für 2021: Nutzt das Jahr 2021, um es besser zu machen, versteht das Jahr als Chance – und beglückt uns mit etwas, was wirklich revolutionär ist und öffnet euch endlich.

Denn keine Frage, die meisten Gründerinnen und Gründer und auch die Führungsebenen in der Paymentbranche wissen – mit der Hilfe ihrer PRler – ihre neuesten Produkte anzupreisen, als wären sie eine gottgleiche Erfindung, eigentlich nur zu vergleichen mit der Entdeckung des Feuers. “Revolutionär” sind die neuen “Features”, darunter wird es nicht gemacht. Doch, ja, was ist dran? Wenn man sich in der Payment-Szene umschaut, sind die meisten Ideen nur bessere Prozesse, denen eine bunte oder besonders saubere UX dazu verhilft, zu glänzen. Da sind Unterkonten plötzlich genauso bahnbrechend wie Überweisungen innerhalb eines Tages. 

Es braucht aber nicht noch mehr Produkte für die immer gleiche Kundschaft (hipp, jung, am liebsten aus Berlin und mit einem iPhone in der Tasche). Es braucht Produkte, die anders sind, bei denen die Branche mal über den Tellerrand hinausschaut und eine neue Zielgruppe in Angriff nimmt.

Gerade im Jahr 2020 zeigte sich in der Not, die finanziell prekäre Situation vieler Menschen und Firmen, die eure Hilfe gebrauchen könnten. Doch statt zu helfen, haben einige Banken die Dispozinsen erhöht

„Statt zu helfen haben einige Banken die Zinsen erhöht.“

Es braucht personelle Veränderungen in der Payment- und Bankingbranche

Positiv aufgefallen sind mir spontan Kontist und Penta, die versuchten, immerhin die Selbstständigen aufzufangen. Mein Appell daher: Liebe Branche, macht etwas, das unsexy ist, das aber wirklich vielen Menschen nützt. 

Dazu braucht es auch personelle Veränderungen. Es hilft nichts, wenn die immer Gleichen auf den Podien sitzen und uns erzählen, wie die Bank der Zukunft aussieht. Die Payment- und Bankenbrache braucht Menschen aus verschiedenen Bevölkerungsschichten und auch mit unterschiedlichen kulturellen Hintergründen und muss sich mal öffnen für neue Menschen, neue Themen, neue Ideen. Einzelne Positivbeispiele (https://paymentandbanking.com/mit-mehr-diversitaet-zu-mehr-innovation/) gibt es. Doch in der Masse mangelt es daran noch viel zu oft. 

Schafft die Szene es also 2021 endlich als Chance zu begreifen, für das große Ganze, für Diversität und dafür, sich zu öffnen? Zu wünschen wäre es, befruchtet sich die eigene Bubble dann nicht mehr nur selbst, feiert die exklusiven “neuen” Produkte in ihrem Dunstkreis ebenso ab wie das Funding dafür.

Was die “digitale Fintechelite” von solchen Fragestellungen und Themen hält, kann sie ja mal bei Clubhouse besprechen. Antworten bitte per Fax an mich. 

Autor
Nils Wischmeyer ist Gründer des Journalistenbüros dreimaldrei und schreibt unter anderem für die Süddeutsche Zeitung, die Wirtschaftswoche und die brandeins. An der Finanzbranche findet er (fast) immer was zum Nörgeln. mehr
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