Open Finance & Digital Identity Wallets: Neue Chancen für Banken
Während die EUDI-Wallet für Verbraucher ab Januar 2027 startet, steht das Pendant für Unternehmen noch aus. Doch das Potenzial der European Business Wallet (EBW) im Rahmen von Open Finance ist immens: Sie kann Prozesskosten bei Finanzdienstleistern senken und Firmenkunden von Bürokratie entlasten.
Open Finance wird bislang vor allem als regulatorisches Projekt diskutiert. Doch der stärkere Veränderungsdruck kommt inzwischen von einer anderen Seite: KI und automatisierte Software-Agenten machen es immer einfacher, Informationen aus unterschiedlichen Portalen zusammenzuführen und Prozesse über Unternehmensgrenzen hinweg anzustoßen.
Im Firmenkundengeschäft reicht der reine Zugriff auf Daten allerdings nicht aus. Banken, Versicherer und ihre Kunden müssen zugleich sicher feststellen können, welches Unternehmen handelt, wer es vertreten darf und ob übermittelte Nachweise authentisch und aktuell sind. Die EBW kann künftig als zentrale Infrastruktur dienen. Sie wird zum digitalen Träger für Unternehmensidentitäten, Vollmachten und verifizierte Nachweise. Sie fungiert damit als Bindeglied zwischen KI-gestützter Automatisierung und vertrauenswürdigen Geschäftsprozessen.
Vom Erstantrag bis zu digitalen Nachweisen
Ein besonders vielversprechender Anwendungsfall für die EBW ergibt sich bei der Aufnahme und Legitimation neuer Firmenkunden. Dieser Prozess ist einerseits aufwändig, weil umfangreiche Informationen zur Person, dem Unternehmen und der Bonität abgefragt und geprüft werden müssen. Andererseits ist er sehr kostenintensiv, weil beispielsweise externe Dienstleister für das Video-Ident-Verfahren eingebunden sind. Die EBW bündelt verifizierte Daten, liefert digitale, fälschungssichere Nachweise von Behörden sowie digitale Firmensiegel. Für Finanzdienstleister wandelt sich der bürokratische Prüfaufwand damit zu einem nahtlosen „One-Click“-Verfahren in Echtzeit. Die Institute können so ihre Kosten reduzieren und dank schlanker Abläufe beim Kundenerlebnis punkten.
Neben dem Firmenkundengeschäft bietet die digitale Brieftasche auch Chancen für Privatkunden: Mit der European Digital Identity Wallet (EUDI) können Banken und Versicherer künftig als verifizierte Anbieter von Daten auftreten. Anstatt physische Dokumente wie etwa eine europäische Versicherungskarte für den Kfz-Schutz oder den Nachweis einer Vermögensschadenhaftpflicht ausstellen und verschicken zu müssen, übermitteln sie Bescheinigungen direkt in die Wallet ihrer Kunden. Finanzdienstleister können so ebenfalls Kosten senken und sind auf dem Smartphone des Kunden präsent.
Gemeinsame Vertrauensinfrastruktur statt individueller Insellösungen
Der Mehrwert der EBW liegt nicht im umfassenden Zugang zu Finanz- und Vertragsdaten, wie es die FiDA-Verordnung (Financial Data Access) zunächst versprach. Vielmehr schafft sie eine gemeinsame Infrastruktur, über die Unternehmen ihre Identität, Vertretungsrechte und verifizierte Nachweise digital bereitstellen können. Banken und Versicherer müssen solche Informationen dadurch perspektivisch nicht mehr über individuelle Dokumentenanforderungen, proprietäre Portale und manuelle Prüfprozesse einholen.
Einheitliche technische und fachliche Standards können den Aufwand für die Ausstellung, Übermittlung und Prüfung dieser Nachweise reduzieren. Davon profitieren nicht nur große Marktteilnehmer. Auch kleinere Finanzdienstleister können standardisierte Wallet-Funktionen in ihre Prozesse integrieren, ohne für jede Kundenbeziehung eigene Nachweis- und Legitimationsverfahren entwickeln zu müssen. Vollständige Chancengleichheit entsteht dadurch zwar nicht, die technischen und administrativen Eintrittshürden für digitale Firmenkundenprozesse sinken jedoch.
Gleichzeitig stellt sich für Banken und Versicherer die strategische Frage, welche Rolle sie in der entstehenden Wallet-Infrastruktur einnehmen wollen. Wer lediglich Nachweise zuliefert, während andere Anbieter die Identifikation, Berechtigungsprüfung und Prozesssteuerung übernehmen, könnte an Relevanz in zentralen Firmenkundenprozessen verlieren. Finanzdienstleister sollten daher prüfen, bei welchen Nachweisen sie als vertrauenswürdige Aussteller auftreten und wie sich Wallet-Funktionen sinnvoll in die eigenen Kundenprozesse integrieren lassen.
Mit Open Finance Effizienz heben und Kundennähe sichern
Finanzdienstleister, die Open Finance und die Business Wallet gezielt in ihre Geschäftsstrategie einbinden, heben sofortige Effizienz- und Einsparpotenziale im Firmenkundengeschäft und sichern sich den direkten Zugang zum Kunden. Die fünf wichtigsten Schritte hierzu sind:
- Relevante B2B-Prozesse und Nachweise priorisieren
- Heutige Identitäts- und Berechtigungslogiken analysieren
- Die Rolle als Aussteller, Empfänger oder Wallet-Anbieter festlegen
- KI-, Wallet- und Datenzugangsarchitektur gemeinsam betrachten
- Einzelne Anwendungsfälle pilotieren
Wer jetzt hierfür die Grundlagen schafft, wird beim Marktstart nicht nur gesetzeskonform agieren, sondern auch als Gestalter im Ökosystem von Open Finance vorangehen.