„Neue Technologien und digitale Neuerungen werden künftig auch eine Weiterentwicklung unserer Richtlinien erfordern.“

Kreditplattformen vermitteln Kredite, die direkt von Privatanlegern oder Investoren finanziert werden. Auf diese Weise ermöglichen sie den Zugang zu Finanzierung für Verbraucher und Unternehmen, eröffnen Anlegern eine neue Anlageklasse und tragen zur finanziellen Inklusion bei.

Jetzt haben sich die vier größten Kreditplattformen in Deutschland, auxmoney, creditshelf, Funding Circle und Kapilendo, zusammengetan und einen Verband gegründet. Er soll verbindliche Standards für die Kreditfinanzierung über Online-Plattformen festlegen und will der Branche eine gemeinsame Stimme geben – auch auf politischer Ebene. Er möchte die Regulierung alternativer Finanzierungsanbieter aktiv begleiten, indem er wichtige Erkenntnisse über die Funktionsweise der Branche teilen möchte.

Der Verband mit Sitz in Berlin wird von jeweils einem Vertreter der Gründungsmitglieder geleitet: Philipp Kriependorf (auxmoney), Ralph Pieper (Kapilendo), Marc von Ammon (creditshelf) und Pelin Wolk (Funding Circle).

Vorstandsmitglieder Philipp Kriependorf, Marc von Ammon, Pelin Wolk und Ralph Pieper (v.l.n.r.)

Wolk ist kommissarisch als geschäftsführender Vorstand des Verbands tätig. Mit ihr sprachen wir über veränderte Finanzierungsmöglichkeiten, über fairen Wettbewerb auf dem deutschen Kreditmarkt, über die Ziele des Verbandes und notwendige Standards.

Warum wurde die Gründung eines Verbandes notwendig, welche „Lücke/Diskrepanz“ habt ihr verstärkt wahrgenommen?

In den letzten Jahren ist das vermittelte Kreditvolumen stetig gestiegen und die Geschäftsmodelle der Anbieter haben sich weiterentwickelt. Dabei wurde deutlich, dass sich das Kreditmarktplatzmodell in mehreren entscheidenden Hinsichten von anderen alternativen Finanzierungsformen unterscheidet. Zudem sind derzeit mehrere Regulierungsinitiativen auf europäischer und nationaler Ebene in Arbeit, die für uns relevant sind. Mit wachsender Relevanz der Branche wird auch der Bedarf größer, unsere Interessen in koordinierter Weise zu vertreten.

Was sind eure Forderungen als Verband?

Ganz allgemein ist dies erst einmal ein fairer Wettbewerb auf dem deutschen Kreditmarkt, das heißt in erster Linie die Bereitschaft, darüber nachzudenken, ob der Regulierungsrahmen für Kreditplattformen in Deutschland nicht weniger komplex gestaltet werden kann. Beispielsweise benötigt man in Deutschland für das Betreiben von Kreditgeschäften grundsätzlich eine Banklizenz. Das ist im internationalen Vergleich eine absolute Ausnahme.

Als Verband vertreten wir zudem auch die Interessen unserer Kunden, Kreditnehmer und Investoren. Es liegt ja in der Logik des Kreditmarkt-platzmodells, dass auf beiden Seiten ein Mehrwert geschaffen werden muss. Insofern setzen wir uns dafür ein, Kreditsuchenden in Zukunft in einem vollständig digitalisierten Prozess, noch schneller und unkomplizierter Kredite vermitteln zu können.

„Neue Technologien und digitale Neuerungen werden künftig auch eine Weiterentwicklung unserer Richtlinien erfordern.“

Das ist unter den geltenden Regeln derzeit nicht möglich. Auch für die Interessen unserer Anleger wollen wir uns stark machen. Ein ganz konkretes Beispiel ist hier, dass es für unsere Privatanleger keine Möglichkeit gibt ihre Verluste aus Kreditausfällen von den Kapitaleinkünften abzuziehen. Dies hat erhebliche Auswirkungen, weil sie Zinserträge voll versteuern müssen, ohne dass sie Verluste aus Kreditausfällen in Abzug bringen können. Für Anleger, die in Kredite für Verbraucher und mittelständische Unternehmen investieren und diese so unterstützen, wäre dies eine wichtige Verbesserung.

In welchen Bereichen möchtet ihr mehr Gehör?

Wir möchten vor allem ein tieferes Verständnis unseres Geschäftsmodells bei politischen Entscheidern, Regulierern und anderen Marktteilnehmern erreichen. Wenn Leute das Wort „Kredit“ hören, denken sie ganz automatisch an die traditionelle Bank und ziehen daraus ihre Rückschlüsse zum Plattformmodell. Das Produkt für den Kreditnehmer ist erst einmal ein ganz normales Annuitätendarlehen, aber bezüglich der Risikostrukturen und der Finanzierungsbedingungen etc. existieren teilweise deutliche Unterschiede. Auf der anderen Seite wird die direkte Finanzierung durch Privatanleger und Investoren gerne mit Schwarmfinanzierungen wie Crowdfunding und -investing gleichgesetzt. Diese sind aber typischerweise eigenkapitalbasiert und haben dadurch als Geldanlage ein ganz anderes Risikoprofil. Als Verband wollen wir verstärkt auf die Besonderheiten und Stärken unserer Branche hinweisen, damit diese bei der Erarbeitung sinnvoller Regeln berücksichtigt werden können.

Der Verband soll die Interessen von Kreditplattformen sowie ihrer Kreditnehmer und Investoren vertreten und das Vertrauen in die Branche stärken – wie wollt ihr das konkret machen?

„Neue Technologien und digitale Neuerungen werden künftig auch eine Weiterentwicklung unserer Richtlinien erfordern.“
Pelin Wolk, geschäftsführender Vorstand des Verbands deutscher Kreditplattformen

Durch Aufklärung und Transparenz. Zudem verpflichten sich die Verbandsmitglieder einheitlichen Branchenstandards im Online-Kreditgeschäft. Diese sind als Selbstverpflichtung der Branche zu verstehen, um hohe Qualität im Kredit-plattformgeschäft zu fördern und so die Voraussetzungen für eine erfolgreiche Entwicklung der Branche zu schaffen. Geld ist ein sensibles Thema und Kredit-geschäfte erfordern ein Mindestmaß an Vertrauen.

Als noch junge Branche müssen wir uns umso mehr bemühen, dieses durch ein klares Bekenntnis zu einheitlichen hohen Standards und Transparenz zu fördern. Wozu wir uns verpflichten ist auf unserer Webseite öffentlich einsehbar. Konkrete Beispiele sind einheitliche Transparenzstandards gegenüber unseren Kunden, was die anfallenden Gebühren anbelangt, sodass es keine versteckten Kosten gibt. Oder die Verpflichtung für den Fall vorzusorgen, dass eines der Plattformunternehmen den Betrieb einstellt, sodass Anleger ihr Geld zurückerhalten.

Ein weiterer wichtiger Punkt ist das Risikomanagement. Es ist eine Besonderheit des Platformlending, dass das Kreditrisikomanagement durch die Plattform erfolgt. Einheitliche Standards zur Veröffentlichung geeigneter Kennzahlen, insbesondere der Kreditausfallerwartungen, sowie eine nachvollziehbare Erklärung ihres Zustandekommens ermöglicht Anlegern eine fundierte Anlageentscheidung. Dies sind entscheidende Punkte, um den Qualitätsansprüchen der Anleger und Kreditnehmer gerecht zu werden und das Vertrauen in die Branche zu stärken.

Ihr fordert einheitliche Qualitätsstandards für die Kreditwirtschaft. Was ist „ist“-Zustand und welche sollen es künftig sein? Was stellt ihr euch vor?

Unsere Branche ist noch jung, das heißt die besten Vorgehensweisen und Branchenpraktiken haben sich erst in den letzten Jahren etabliert. Die Standards, denen sich die Mitglieder unseres Verbands verpflichtet haben, sind das Ergebnis der praktischen Erfahrungen der vier größten Kreditplattformen in Deutschland und als guter Ausgangspunkt für weitere Diskussionen zu verstehen. Schließlich sollen die vereinbarten Regeln auch künftigen neuen Marktteilnehmern als Orientierung dienen. So kann nachhaltig Vertrauen auf beiden Seiten des Marktplatzes geschaffen und zur Entwicklung einer erfolgreichen alternativen Finanzindustrie in Deutschland beigetragen werden.

Wir sind in einer besonders dynamischen Branche tätig, deshalb müssen wir natürlich berücksichtigen, dass neue Technologien und digitale Neuerungen künftig auch eine Weiterentwicklung unserer Richtlinien erfordern wird. Sicherlich werden auch weitere Standards aufgenommen und bestehende verfeinert werden müssen. Das kann aber nur in enger Zusammenarbeit mit allen Marktteilnehmern geschehen.

„Nur in Zusammenarbeit mit den Marktteilnehmern können neue Standards aufgenommen werden.“

Was sind eure nächsten Schritte?

Wie erwähnt gibt es mehrere regulatorische Entwicklungen, die uns betreffen und mit denen wir uns befassen müssen. Dazu zählen die vorgesehene Überführung von nach 34f GewO lizensierten Finanzanlagenvermittlern unter Bafin-Aufsicht und der Regulierungs-entwurf für Crowdfunding-Dienstleister auf EU-Ebene. Beide Initiativen begrüßen wir und möchten im Rahmen unserer Möglichkeiten dazu beitragen, dass sie im Interesse aller Betroffenen ausgestaltet und erfolgreich sind.  Außerdem sind wir auf der Suche nach einer geeigneten Person, die sich für die alternative Finanzierungsbranche begeistern und die Aufgaben einer/s Geschäftsführers/in langfristig übernehmen kann.  Derzeit leite ich noch kommissarisch die Geschäfte des Verbands.

Ein weiteres Thema ist, dass derzeit keine verlässlichen Zahlen über die Kreditplattformbranche existieren, die Außenstehenden eine realistische Einschätzung des Marktes und der Relevanz erlauben würden. Aufklärung und Transparenz sind uns wie bereits erwähnt, besonders wichtig. Wir arbeiten deshalb an einem umfangreichen Marktreport über die Kreditplattformbranche, den wir 2020 veröffentlichen wollen. Darin werden erstmals aktuelle Zahlen und Statistiken und Marktanalysen über die Branche in Deutschland enthalten sein.

Welches Interesse haben etablierte Banken, wenn Kreditplattformen auch politisch immer mehr Gewicht bekommen?

Bislang hat es mit der Bankenbranche keine Gespräche gegeben, deshalb kann ich dazu nichts sagen. Ich glaube aber nicht, dass es nennenswerte Interessenskonflikte gibt, denn wir sind nur auf einen Teilbereich des Kreditgeschäfts fokussiert, der für die Banken wirtschaftlich nur eingeschränkt Relevanz hat. Banken haben einen sehr viel größeren Aktionsradius und sind in der Lage eine breitere Kundengruppe zu bedienen, während wir uns klar aufs Kreditgeschäft mit Verbrauchern und KMU konzentrieren. Einige Banken kooperieren auch erfolgreich mit Kreditplattformen, entweder als Partnerbanken, über die die Kredite ausgereicht werden, oder als Investoren, die über Kreditplattformen in Verbraucher- und Firmenkredite investieren und so eine attraktive Rendite erwirtschaften.

Gerade in Niedrigzinsphasen wie dieser ist das eine relevante Investitionsstrategie. Und als Branchenverband treten wir auch für die Interessen unserer Partner und Kunden ein, Kreditnehmer wie Investoren. Gleichzeitig gibt es auch durchaus gleich gelagerte Interessen, die wir gemeinsam vertreten können. Ein Beispiel ist die bereits erwähnte Verlustabzugsfähigkeit bei Kreditausfällen für Privatanleger. Dies ist ein Thema, bei dem wir uns vorstellen können gemeinsam im Interesse unserer Anleger aktiv zu werden.

Wie wichtig wird es als Verband sein, gegenüber der Gesellschaft zu kommunizieren, um das Image von Krediten und vor allem von „Krediten aus dem Internet“ zu verbessern?

Kredite sind eine Grundlage für Wirtschaftswachstum. Mit Fremdfinanzierungen können Unternehmen Investitionen tätigen und neue Ideen umsetzen, durch Verbraucherkredite fließt neues Geld in die Wirtschaft. Kreditplattformen ermöglichen es privaten Anlegern und institutionellen Investoren direkt in Privat- oder Unternehmenskredite zu investieren und geben Kreditsuchenden so Zugang zu dringend notwendigen Finanzierungen. So verbessern sie die Kreditversorgung, fördern finanzielle Teilhabe und leisten einen wichtigen volkswirtschaftlichen Beitrag.

Dass Kreditvergabe einen bedeutenden Beitrag zur positiven Wirtschaftsentwicklung leistet, wird in der öffentlichen Diskussion viel zu wenig beachtet. Die vier größten Kreditplattformen in Deutschland haben allein 2018 über 1.400 Unternehmenskredite und 73.000 Verbraucher-kredite mit einem Gesamtvolumen von rund 728 Millionen Euro vermittelt. Das ist im Vergleich zur Kreditvergabe durch Banken vielleicht nicht viel, aber das Geld hat genau dort einen positiven Einfluss, wo ohne die Plattformen vielleicht keine Finanzierung möglich gewesen wäre. Dafür müssen wir als Verband mehr Aufmerksamkeit schaffen, indem wir unseren volkswirtschaftlichen Beitrag sichtbarer machen.

Natürlich spielt dabei auch die Digitalisierung von Finanzdienstleistungen eine Rolle, die im Verbraucherbereich längst Realität ist. Der digitale Firmenkredit aber ist ein wichtiger Baustein für viele Selbständige sowie kleine und mittlere Unternehmen, die schnelle und unkomplizierte Antragsprozesse erwarten und brauchen. Auch die Banken verkleinern ja mittlerweile ihr Filialnetz immer weiter und setzen mehr auf digitale Produkte.

„Der digitale Firmenkredit ist ein wichtiger Baustein für viele Selbständige sowie kleine und mittlere Unternehmen.“

Welche Ziele wollt ihr von heute ab in einem Jahr erreicht haben?

In einem Jahr wollen wir auf dem Weg zu einem besseren Verständnis unseres Geschäftsmodells in der Öffentlichkeit ein gutes Stück weitergekommen sein und uns als zentrale Interessenvertretung der Kreditplattformbranche fest etabliert haben. Das heißt vor allem, dass wir die öffentliche Bekanntheit der Branche gesteigert, den Austausch mit Regulierern und politischen Entscheidern deutlich intensiviert und den so wichtigen Informationsfluss von der Branche in die Politik gewährleistet haben wollen.

Gibt es Pläne, sich international (EU-weit) aufzustellen?

Derzeit positionieren wir uns klar auf dem deutschen Markt. Je nachdem wie sich der regulatorische Rahmen auf EU-Ebene entwickelt, kann eine Ausweitung unseres Aktionsradius sinnvoll und die Zusammenarbeit mit anderen europäischen Branchenverbänden relevanter werden. Natürlich behalten wir auch die Entwicklungen über Deutschlands Grenzen hinweg im Auge und mit Funding Circle haben wir bereits ein Mitgliedsunternehmen, das in mehreren EU-Ländern tätig ist. Konkrete Schritte sind derzeit aber nicht geplant.

Autor
Christina Cassala ist freie Wirtschaftsjournalistin aus Berlin und treibt sich dort seit vielen Jahren in der Gründerszene rum. Sie schreibt vor allem über Themen aus den Bereichen Private Equity, Finanzierungen, Start-ups und Fintech-Themen. mehr

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