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Fuck. Merz hat Recht.

Der Kanzler sagt durch die Blume, was in Banktürmen niemand hören will: Deutsche Banken sind zu langsam und feige. Ein „Nils nörgelt”-Plädoyer für mehr Mut.

Fuck. Merz hat Recht.

Die Payment- and Banking-Szene ist zweifellos niemals langweilig. Kein Monat vergeht, ohne dass neue Produkte, Banken, Fintechs und Payment-Lösungen auf den Markt kommen. Aber wer braucht das eigentlich alles und muss man das alles gut finden? Unser Autor Nils Heck beleuchtet in seiner Kolumne „Nils nörgelt“ monatlich ein Produkt, Thema oder eben den „letzten heißen Scheiß“. Etwas zu meckern gibt es schließlich (fast) immer.

Es ist nur ein Satz, den Friedrich Merz bei einem Event in Frankfurt gesagt haben soll. Und doch sagt genau dieser mehr aus als viele, viele Whitepaper, Reden und großen Interviews von Bankmanagern in den vergangenen fünf oder zehn Jahren. Der Satz, um den es hier geht ist nicht nur prägnant, er ist auch kurz, bündig, zutreffend und lautet: „Jetzt gucken wir hinterher und andere machen den Deal.” Gemeint ist mit diesem Deal der Angriff der Unicredit auf die Commerzbank und die feindliche Übernahme, die der Bund kaum noch abwehren kann. Merz selbst liefert dazu laut Finanz-Szene auch die passende Erklärung: In Deutschland seien Banken vor 20 Jahren einfach bereit gewesen, eine breitere Konsolidierung voranzutreiben und damit einen tatsächlich nationalen Champion zu schaffen. Deshalb sei man eben jetzt in dieser Lage und müsse sich fragen: Woran liegt das denn, dass so etwas nicht stattfindet? 

Ich hätte es nach all den Entgleisungen und Fehltritten von Friedrich Merz zum Stadtbild, zum Fall Fernandes, zur Frage, was die Mittelschicht ist oder zum Sozialtourismus nicht für möglich gehalten, aber ich muss es anerkennen: Friedrich Merz hat in diesem Fall absolut Recht. Auch, wenn das den Bankerinnen und Bankern in Frankfurt nicht gefallen wird. Und auch, wenn das in den Berliner Ministerien niemand so gern verlauten lässt. Friedrich Merz hat Recht, wenn er sagt, dass diesen Deal auch eine deutsche Bank hätte abschließen können, gäbe es ein ähnlich starkes und großes Geldhaus hierzulande. 

Er hat aber noch viel mehr Recht, wenn man schaut, was er zwischen den Zeilen sagt: Im deutschen Banken- wie auch Fintech- und Payment-Markt fehlt schlicht und ergreifend der Mut. Der Mut, daran zu glauben, dass sich die Dinge verändern können. Der Mut zu glauben, dass nicht alles beim Gleichen bleibt. Und noch schlimmer: Es fehlt der Mut zu hinterfragen, ob der Status Quo wirklich für immer so bleiben wird oder ob nicht andere Angreifer kommen, um deutschen Banken das Leben schwer zu machen. Wozu das führt, lässt sich aktuell im Fall der Commerzbank, aber eben auch im Payment-Markt und beim digitalen Banking oder beim Wertpapiersparen erkennen. 

Nehmen wir zunächst einmal den Trend hin zum Investieren für die Altersvorsorge. Lange Zeit konnten Banken und Versicherer sich mit heftig überhöhten Gebühren eine goldene Nase verdienen. Doch sie hatten nicht damit gerechnet, dass junge Techunternehmen wie Scalable Capital oder Trade Republic mit einfachen und fairen Angeboten ihre Kunden abfischen könnten. Deshalb haben eben die Fintechs und Direktbanken vom Run aufs Depot in Coronazeiten profitiert. Deshalb wächst die Anzahl der Depots bei digitalen Anbietern noch immer doppelt so schnell wie der Markt und deshalb stagniert bis heute das Wachstum bei den klassischen Banken und Sparkassen. Weil es dort schon vor Jahren an Mut gefehlt hat, die bestehenden Strukturen zu hinterfragen und selbstständig neue Lösungen anzubieten, bevor es andere Unternehmen tun. 

Ganz besonders deutlich zeigt sich dieser fehlende Mut nun auch bei der Neugestaltung der Altersvorsorge. Die hatten Versicherungen und Banken mit teuren Lobbyisten lange Zeit als sichere Bank für sich gesehen und mit Riester-Verträgen ein Vermögen verdient. Die neuen Pläne nun sehen aber eine Deckelung ihrer Kosten und – oh Schreck – tatsächliche Konkurrenz vor. Dass die Anbieter nun nicht mit innovativen Lösungen, sondern mit Krisensitzungen und letzten Lobby-Versuchen um die Ecke kommen, sagt eigentlich alles. 

Anderes Jahrzehnt, anderes Beispiel: Payment. Vor knapp 20 Jahren gab es in Deutschland mehrere ernst zunehmende Zahlungsdienstleister, die zusammen einen wahren nationalen oder vielleicht sogar pan-europäischen Champion hätten aufbauen können. Keiner kann das besser beurteilen als Marcus Mosen, der bei Linkedin aus der damaligen Zeit berichtet, dass es durchaus Gespräche zwischen Concardis sowie B+S Card Service oder CardProcess oder First Data gegeben habe. Doch am Ende passiert, so schreibt der ehemalige Kolumnisten-Kollege, mal wieder nichts. Stattdessen haben sich andere Großkonzerne wie Nexi (Italien) oder Worldpay (Frankreich) getraut und große Payment-Anbieter aufgebaut. Dass diese wiederum zurzeit eher mau laufen, hängt mit der Trägheit alter Institutionen zusammen. Aber sagen wir so: Die Chance wäre da gewesen – man hätte halt nur mutig sein müssen. 

So wie bei der Commerzbank. Auch dort zeigt sich, dass Deutschland eben keine Bank in der Größe der Unicredit hat, weil es in den Jahren zuvor am Mut gefehlt hat, so eine aufzubauen. Stattdessen ist das Muster das immer Gleiche: Langsame Institutionen mit Sonnenkönigen in den Vorständen und Aufsichtsräten glauben, ganz so wie es sei, werde es immer bleiben und deshalb brauche man sich eben auch keine Gedanken über Kunden, die Zukunft oder allerlei unnützen Kram machen. Bis es dann zu spät ist. Bis andere dann den Deal machen – und Friedrich Merz um die Ecke kommt und Sachen sagen darf wie: „Die Unicredit ist entstanden aus Fusionen von großen Sparkassen in Italien, die wir alle verweigert haben. Jetzt gucken wir hinterher.” 

Autor

Nils Heck
Nils Heck

Nils Heck ist Gründer des Journalistenbüros dreimaldrei, Buchautor und seit März 2024 Redaktionsleiter bei Payment and Banking. In seiner Kolumne „Nils nörgelt“ kommentiert er kritisch die Branche. Nebenbei jongliert er professionell.