Einer Studie vom Anfang dieses Jahres zufolge werden die Deutschen immer reicher. Nie zuvor besaßen sie so viel Geldvermögen, wie im vergangenen Jahr. Im dritten Quartal 2018 stieg der Wert erstmals über die Marke von sechs Billionen Euro. Der Grund hierfür: die Bürger sparen einen wachsenden Anteil ihres Einkommens. Obwohl Banken und Sparkassen nur noch spärlich Zinsen zahlen, sind Einlagen bei Banken, beispielsweise in Form von Giro-, Tagesgeld- oder Festgeldkonten nach wie vor besonders beliebt, heißt es weiter. Auch Lebensversicherungen stehen hoch im Kurs.

Wenig Ersparnisse

Eine aktuelle Studie der ING jedoch zeichnet ein ganz anderes Bild. Darin heißt es: Fast ein Drittel aller Deutschen ist ohne Ersparnisse. Unter 13 europäischen Ländern weist Deutschland den zweithöchsten Anteil an Menschen ohne jede Ersparnisse auf – nach Rumänien. Zahlen der gewerkschaftsnahen Hans-Böckler-Stiftung offenbaren ähnliches: Rund 30 Prozent der Haushalte in Deutschland können bei einem Wegfall ihrer Einnahmen nur wenige Wochen über die Runden kommen, weil sie über zu geringe Ersparnisse und Rücklagen verfügen.

Deutschland, das Land der Sparwelt-meister? Das war einmal. Aber wie passen die Zahlen der Bundesbank und der ING zusammen? Payment & Banking hat bei Daniel Berndt, CCO bei Raisin nachgefragt und sprach mit ihm über die Diskrepanz der Zahlen, über die Chance von Challenger Banken und was die gegenwärtige Situation für die Payment-Branche bedeutet.

Laut einer Studie der ING verfügen über 30 Prozent der Deutschen über keine Ersparnisse. Noch vor einem Jahr lag diese Studie bei etwa 25 Prozent. Wie erklären Sie sich die Steigerung in den letzten 12 Monaten?

Das anhaltend niedrige Zinsniveau führt dazu, dass weniger gespart und stattdessen mehr konsumiert wird. Gerade Geringverdiener sind von Niedrigzinsen betroffen, da sich Sparen für sie derzeit kaum lohnt. Ein Rechenbeispiel: laut der ING Studie spart der Großteil der Deutschen das 1- bis 3-fache des monatlichen Netto-einkommens. Nehmen wir einmal an, dass sich die gesamten Ersparnisse eines Deutschen auf 3.000 Euro belaufen, wären das bei einem Einlagenzins von 1% gerade einmal 30 Euro pro Jahr, bei 0,5% gar nur 15 Euro. Diese „gefühlt“ niedrigen Beträge führen bei Vielen dazu, das Geld lieber auszugeben, anstatt zu sparen.

Gleichzeitig heißt es, das Barvermögen der Haushalte sei hoch wie nie zuvor – wie passen diese beiden Aussagen zusammen?

Viele Deutsche sehen offenbar keinen Vorteil darin, das Geld anzulegen, wenn es dafür keine dem Empfinden nach attraktiven Zinsen gibt. Daher werden Abermilliarden in Barvermögen und auf unverzinsten Girokonten gehortet. So machen auch wir bei WeltSparen hin und wieder die Erfahrung, dass selbst ein deutlich über dem aktuellen Marktniveau liegender Zinssatz von zum Beispiel 0,9% aus Schweden für ein Jahr Laufzeit als unattraktiv wahrgenommen und vom Aufwand einer Anlage eher abgesehen wird.

Einst galten die Deutschen als Weltmeister im Sparen, die Behauptung scheint nicht mehr zu stimmen. Das könnte mehrere Gründe haben – geben die Deutschen mehr aus, oder sind sie ärmer geworden?

Von den Fundamentaldaten her klar ersteres: Die Deutschen geben mehr aus. Der Wohlstand ist gestiegen, die Beschäftigungszahlen liegen auf Rekordniveau und es wird wieder mehr konsumiert.

2405 Milliarden Euro schlummern als schlecht bis gar nicht verzinstes Guthaben auf deutschen Konten oder werden als Bargeld aufbewahrt. Sind Sparer in Deutschland schlichtweg schlecht über mögliche Anlageformen zur Bildung von Ersparnissen informiert?

Deutschland nicht mehr Sparweltmeister, ist aber (statistisch) so vermögend wie nie

Dies ist neben der genannten Trägheit sicherlich ein wesentlicher Faktor. Wäre das anders, dann würden viele Deutsche den Vorteil einer langfristigen Anlage auch mit niedrigen Beträgen – unter Nutzung des Zinseszinseffekts – erkennen oder zumindest das aktuelle Marktniveau realistischer einschätzen.

Im aktuellen Umfeld sind Einlagenzinsen von zwei Prozent oder mehr kaum zu realisieren und ein Zinssatz von einem Prozent verhältnismäßig attraktiv. Der Umkehrschluss – nämlich einfach nichts zu machen – ist die schlechteste Variante.

Mit welchen Produkten könnten auch einkommensschwache Menschen animiert werden, wieder Rücklagen bilden zu können.

Beispielsweise Sparpläne, entweder in Zinsprodukten wie Tagesgeld mit monatlichen Sparraten. Oder mit etwas mehr Risikoappetit breit gestreut und langfristig angelegt auch in kostengünstigen ETF mit monatlichen Sparraten. Das geht in der Regel schon mit geringen Beträgen von 50 Euro im Monat oder gar darunter und kann in Notsituationen auch ausgesetzt oder verfügt werden. Diese Produkte haben zudem den Vorteil, dass sie leicht verständlich sind und dass keine unnötigen Kosten anfallen, die die Rendite „auffressen“.

An welcher Stelle könnten Banken oder Challenger Banken Anreize schaffen, sich wieder mehr mit dem Thema „Sparen“ auseinanderzusetzen.

Mit transparenter Produktaufklärung, niedrigen Kosten und einfachen Prozessen. Die globale Finanzkrise hat viel Vertrauen gekostet und die Branche steht inmitten eines großen Umbruchs, in dem ältere Generationen beim Thema Geldanlage umdenken, während jüngere Generationen den richtigen Zugang und Umgang mit Geld erst noch suchen. In dieser Gemengelage müssen Banken Ihr Angebot konsequent vom Kunden her denken – da sind Challenger oder Startups sicherlich Vorreiter.

Bieten diese niedrigen Sparer-Quoten  Chancen für Startups?

Natürlich. Gerade in unserer alternden Gesellschaft mit einem „wackeligen“ Rentensystem ist Sparen für den Ruhestand von existentieller Bedeutung. Da laut der Studie viele Deutsche zu wenig fürs Alter zurücklegen, besteht erheblicher Nachholbedarf in puncto Aufklärung und Produktangebot. Es werden also Geschäftsmodelle in der Finanzdienstleistung benötigt, die dies nicht nur adressieren, sondern auch Lösungen parat haben.

„In Puncto Aufklärung und Produktangebot besteht erheblicher Nachholbedarf.“

Deutsche kaufen ungern auf Pump oder Kreditkarte. Was bedeutet das für die Payment-Anbieter, die an Transaktionsvolumina verdienen?

Das bedeutet zunächst, dass hierzulande großes Potenzial und ein gewisser Nachholbedarf bestehen, da sich das Zahlungsverhalten mit der Zeit und dem sich vollziehenden Generationenwechsel verändert. Dies ist bereits an vielen Statistiken ablesbar – seien es Zahlen der Deutschen Kreditwirtschaft zur Steigerung von Konsumentenkreditvolumina oder auch vom Verband elektronischer Zahlungsverkehr zu Transaktionen und Mengen von Kreditkartenzahlungen. Aufgrund der insgesamt hohen Volumina sowie dem beschriebenen Potenzial ist und bleibt Deutschland ein attraktiver Markt für Payment-Anbieter.

Welches Verhältnis haben die Deutschen zu Geld?

Das Verhältnis ist ambivalent. Einerseits geben viele Deutsche gerne Geld aus und befassen sich intensiv mit Konsumentscheidungen wie zum Beispiel die Planung der nächsten Urlaubsreise oder dem Kauf eines neuen Großbildfernsehers. Andererseits investieren sie relativ wenig Zeit und Geld in ihre eigene finanzielle Bildung und demensprechende Anlage- oder Kreditentscheidungen. Daher wird es für Finanzdienstleister entscheidend sein, nicht nur die Wichtigkeit des Themas zu betonen, sondern die Bedürfnisse der Menschen in entsprechenden Lösungen zu adressieren.

Die höchsten Ersparnisse (mehr als das 12fache des Nettoeinkommens) haben laut Studie die Briten, gefolgt von den Franzosen. Welche Erklärung haben Sie dafür?

Die naheliegende Erklärung ist eine ungleichere Vermögens-verteilung in UK und Frankreich im Verhältnis zu Deutschland, wenngleich die Studienergebnisse in den Einkommens-segmenten der drei Länder relativ ähnlich und in keinem Segment signifikante Unterschiede auszumachen sind. Im Segment des 7- bis 12-fachen Nettoeinkommens liegt beispielsweise Deutschland eher vorn.

Deutschland nicht mehr Sparweltmeister, ist aber (statistisch) so vermögend wie nie

Zu den Größenverhältnissen: Deutschland ist die größte Volkswirtschaft Europas mit ca. 2,4 Billionen Euro, die nahezu unverzinst auf Bankkonten herumliegen, gefolgt von UK mit 1,6 Billionen Euro und Frankreich mit 1,3 Billionen Euro.

Der Deutschen liebstes Zahlungsmittel ist nach wie das Bargeld. Wie erklären Sie sich das und was muss getan werden, um bargeldloses Zahlen auch hierzulande so populär zu machen wie in UK, Skandinavien oder USA?

Zum einen mit einer hohen Überliquidität der reichen, älteren Kriegs- und Nachkriegsgenerationen, die es gewohnt sind, Bargeld zu horten und zu verwenden. Zum anderen mit der generellen Risikoaversion und Angst der Deutschen, Opfer von Cyberkriminalität und Datenklau zu werden, was Phänomene bargeldloser Zahlungen sind. Helfen werden neben dem Generations-wechsel hin zu den „Digital Natives“ sicherlich auch weitere Investitionen in die Zahlungsinfrastruktur (zum Beispiel Einführung von Convenience-Funktionen wie ApplePay), aber auch Zahlungssicherheit, um Sorgen und Ängste der Nutzer rund um Cyberkriminalität zu reduzieren.


Autor

Christina Cassala ist freie Wirtschaftsjournalistin aus Berlin und treibt sich dort seit vielen Jahren in der Gründerszene rum. Sie schreibt vor allem über Themen aus den Bereichen Private Equity, Finanzierungen, Start-ups und Fintech-Themen. mehr

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