Decentralized Finance: Ein Tipping Point ist erreicht

Ein Gastbeitrag von Kevin Krüger

Die Digitalisierung hält die Finanzbranche seit Jahren auf Trab. Neue Kundengewohnheiten, Kundenschnittstellen und ambitionierte Wettbewerber drängen zunehmend ins Kerngeschäft der Institute vor. Mit Decentralized Finance steht jetzt die wohl größte Veränderung seit langem vor der Tür: Während der Fintech-Boom sie Marktanteile kostet, könnte DeFi die Institute gleich ganz überflüssig machen – wenn sie nicht reagieren.

Dass das Thema langsam, aber sicher aus seinen Kinderschuhen wächst, zeigt ein Blick auf die jüngsten Zahlen. 83,4 Milliarden US-Dollar (Stand: 20.08. laut DeFi Pulse) sind aktuell in Applikationen im Bereich Decentralized Finance (DeFi) gebunden. Vor einem Jahr waren es noch 4,29 Milliarden. Damit entspricht die Höhe des Kapitals heute in etwa der Marktkapitalisierung des Chemieriesen BASF. Laut Pitchbook wurden zudem im ersten Halbjahr 2021 mit 17,4 Milliarden US-Dollar so viel von Wagniskapitalgebern in Crypto- & DeFi-Unternehmen investiert wie insgesamt seit 2010 zusammen – auf Europa entfielen im ersten Halbjahr 2021 etwa 1,2 Milliarden Dollar.

Der Moment, in dem auch Banken beginnen sollten, Decentralized Finance strategisch zu berücksichtigen, ist also längst gekommen. Hinter dem Begriff verbirgt sich ein Ökosystem einzelner Finanzanwendungen zu Handel, Krediten, Einlagen oder Zahlungsdienstleistungen, die auf Basis von Blockchain-Technologie und ohne Intermediäre wie Banken operieren. Die Ethereum-Blockchain beispielsweise ermöglicht dabei – anders als Bitcoin -, die Abwicklung intelligenter Verträge (Smart Contracts). Das macht Transaktionen jeglicher Art zuverlässig, dezentral und deutlich effizienter, als wenn ein Intermediär dazwischengeschaltet ist.

Die Auswirkungen und Lehren der ersten Welle

DeFi ist die logische Weiterentwicklung des Fintech-Booms, der die Finanzinstitute in den vergangenen Jahren massiv unter Druck gesetzt hat. Beispiele wie das US-amerikanische Start-up Robin Hood – das bei seinem Börsengang Ende Juli mit 32 Milliarden Dollar knapp die Hälfte der Marktkapitalisierung der ING Gruppe erreichte – aber auch europäische Firmen wie der Zahlungsdienstleister Klarna und die Neo-Bank N26 haben die Banken in ihrem Kerngeschäft angegriffen und zum Umdenken gezwungen.

Decentralized Finance: Ein Tipping Point ist erreicht
Quelle: g-stockstudio (www.istockphoto.com)

Mit schwindelerregendem Wachstum und stetigem Innovationswillen haben sie die Aufmerksamkeit der Märkte und Investor*innen auf sich gelenkt, die in ihnen – nicht zu Unrecht – die nächsten Unicorns witterten. Der internationale Vergleich unterstreicht wie fortgeschritten der europäische Fintech Markt mittlerweile ist. Im ersten Halbjahr 2021 wurden dreimal mehr Unicorns geboren worden als in China zur gleichen Zeit. (Artikel von Sifted) Profitabilität und Stabilität im internationalen Wettbewerb werden sie allerdings in den kommenden Jahren noch beweisen müssen. Dass sie den Bankensektor nachhaltig verändert haben und weiter Marktanteile einnehmen werden, steht aber schon jetzt fest.

Heute sind die alten Platzhirsche im besten Fall einer von vielen, die um die Schnittstelle zu Kundinnen und Kunden wetteifern. Während die Neuverteilung im Privatkundengeschäft weit fortgeschritten ist, haben die neuen Namen längst auch das Geschäft mit den Firmenkunden entdeckt. Den Banken bleibt kaum etwas anderes übrig, als die Wettbewerber in die eigenen Angebote einzubinden oder sich selbst zu integrieren, wollen sie die Schnittstelle perspektivisch nicht ganz verlieren. Denn aus eigener Kraft die Kundenschnittstellen von morgen aufzubauen, ist für die großen Traditionsunternehmen aus unterschiedlichsten Gründen sehr viel schwieriger als für Innovatoren, die auf der grünen Wiese anfangen.

Die Banken tun gut daran, die Lehren aus der letzten Welle ernst zu nehmen, die sie zu lange nur vom Spielfeldrand beobachtet und oftmals als nicht relevant genug abgetan haben. In die Zukunft blickend braucht es Mut und Bescheidenheit zugleich, um die neue Welle zu bewerten und in Maßnahmen zu übersetzen.

Erste Anzeichen eines noch größeren Paradigmenwechsel?

Anders als viele klassische Fintechs ist DeFi keine bloße Ergänzung des Angebots der Banken, sondern im Kern seine Alternative. Wollen die Institute langfristig nicht überflüssig werden, dann müssen sie sich dem Thema jetzt strategisch widmen – und eigene Initiativen umsetzen, die sie in dem neuen Ökosystem positionieren. Die Geschwindigkeit, in der sich dieses Umfeld verändert und weiterentwickelt, nimmt stetig zu und stellt dabei vor allem stark regulierte Organisationen vor große Herausforderungen, mitzuhalten.

Inzwischen sind es nicht mehr nur die Wagniskapitalgeber, die in DeFi die Zukunft des Bankenwesens erkannt haben. Auch die Regulierer schaffen Schritt für Schritt die Rahmenbedingungen für einen Wachstumsmarkt. Wyoming, einer der wohl progressivsten US-Bundesstaaten, wenn es um Crypto und DeFi geht, nahm erst im Juni eine Gesetzesänderung vor, die es „Dezentralized Autonomous Organizations” ermöglicht, sich offiziell als legale Entitäten registrieren zu lassen. Wie bei der ersten Fintech-Welle wird die Regulierung in den nächsten Jahren eine große Rolle bei der Frage spielen, wie schnell diese Geschäftsmodelle an den Gatekeepern der heutigen Zeit vorbeiziehen werden.

Die größte Marketingrevolution seit Jahren?

Hält DeFi also, was Projekte wie Aave, Maker und Sushiswap versprechen und private – und zunehmend institutionelle – Investor*innen sich erhoffen? Die Vorteile hinsichtlich Governance, Effizienz, kundenzentrierter Produktinnovation und globaler Skalierung dieser Geschäftsmodelle liegen jedenfalls auf der Hand.

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Quelle: marchmeena29 (istockphoto.com)

Doch die dezentrale Natur von DeFi beinhaltet neben den rein finanziellen und technologischen Dimensionen auch spannende soziale Effekte, die neue Potentiale im Hinblick auf Vermarktungsstrategien und Retention-Taktiken für Unternehmen bereithalten. DeFi-Geschäftsmodelle beinhalten oft eine Art Tokenisierung, die die Finanzierung und Teilhabe an den darunterliegenden Assets oder Geschäftsmodellen ermöglicht.

Anders gesagt: Kundinnen einer Dienstleistung oder eines Produkts werden oft auch zu Anteilseignerinnen. So entsteht eine neue Art der Kundenbeziehung, bei der neue Anreize geschaffen werden das Unternehmen zu fördern, zu empfehlen und zu nutzen.

Der Community-Gedanke spielt dazu im DeFi Bereich eine große Rolle und ist tief in der technologischen Ausgestaltung verankert. Schon in den vergangenen Jahren hat sich gezeigt, wie entscheidend der „Community”-Aspekt ist, wenn es darum geht, nachhaltig Kundinnen an das eigene Produkt zu binden. Firmen verbauen zunehmend eigene soziale Plattformen oder Funktionen in ihre Produkte, weil sie verstanden haben, dass Kundinnen eher bleiben, wenn sie sich mit anderen Nutzer*innen austauschen können. Ein Beispiel ist das Social Trading, also die Möglichkeit, das Aktienportfolio – zum Teil bekannter – Nutzerinnen und Nutzern live zu verfolgen und nachzuahmen.

Banken & Versicherungen tun sich oft schwer damit, effektive Retention- und Engagement-Methoden zur Festigung der direkten Kundenbeziehung zu entwerfen – gerade angesichts der fortschreitenden Kommodifizierung ihrer Kernprodukte und der Tatsache, dass Finanzdienstleistungen zunehmend in den Kontext anderer Transaktionen integriert werden (Stichwort Contextual & Embedded Finance). Die Entwicklung im DeFi- und Crypto-Bereich hält viel Potential bereit, langfristig bessere Kundenbeziehungen zu schaffen und gleichzeitig Profitabilität oder andere Metriken wie Nachhaltigkeit zu maximieren.

Eintrittsmöglichkeiten für Banken

So sehr der DeFi-Markt in Bewegung ist: Er steckt in vielen Bereichen noch in den Kinderschuhen, und seine Schwachstellen halten Chancen für erfahrene Player bereit, sich zu positionieren. Der Fokus der DeFi-Industrie etwa lag in den vergangenen Monaten auf technologischer Innovation und der Weiterentwicklung bestehender Protokolle, um vor allem Stabilität und Interoperabilität zu fördern. Doch die Einstiegshürden in Bezug auf das nötige Fachwissen zur Anwendung dieser Applikationen sind aus Endkundensicht hoch – und die Benutzeroberflächen für eine breite Massenadaption noch nicht gegeben.

Banken können hier ihren bestehenden Kundenzugang nutzen und DeFi-Protokolle als Assetklasse für das Privatkundengeschäft, aber auch für das das Wealth Management, erschließen. Trade Republic hat vorgemacht, wie Crypto-Assets nativ in ein Broker-Angebot eingebunden werden können. Aufbauend auf diesem Zugang können neben den eigentlichen Token als Assetklasse auch DeFi-Protokolle wie „Lending” oder „Liquidity Pooling” integriert und für den Endkunden vereinfacht angeboten werden, um eine breite Adaption überhaupt zu ermöglichen.

Denn die wird in den nächsten Jahren maßgeblich von der Vereinfachung der Nutzeroberflächen getrieben sein. Coinbase beispielsweise ermöglicht neben dem klassischen Handel von Crypto-Token seit neustem auch eine Art Einlagengeschäft, wobei Kunden DeFi Protokollen Liquidität zur Verfügung stellen und im Gegenzug eine Art Verzinsung von bis zu 5% p.a. erhalten. Diesen Vorgang der Bereitstellung von Liquidität im DeFi Bereich gab es zuvor auch schon, die kundenfreundliche Einbindung in ein bestehendes Angebot macht hier den Unterschied.

Über die Dimension DeFi und Crypto als Anlage- und Einlageklasse hinaus entstehen aktuell weltweit Anbieter, die schwer zugängliche Assetklassen wie seltene Autos, Uhren, Kunst oder auch Immobilien tokenisieren und handelbar machen. Dies ermöglicht der breiten Masse erstmals Zugang zu bislang verschlossenen Investmentklassen – und bietet neben der allgemeinen Diversifizierung ihrer Anlageportfolien erstmals die Chance, an der zugrundeliegenden Wertentwicklung und Preisstabilität dieser Assets teilzuhaben.

„Bestimmte Anbieter ermöglichen der breiten Masse erstmals Zugang zu bislang verschlossenen Investmentklassen.“

Auch Banken sollten die Chance nutzen, diese neuen Anlageklassen für ihre Kundinnen und Kunden zu erschließen – und von den beschriebenen sozialen Effekten dieser Technologie zu partizipieren.

Die Herausforderung für traditionelle Banken wird neben der allgemeinen Erschließung dieser Technologie vor allem die intelligente Einbindung der neuen Investitions-/ Anlagemöglichkeiten in das bestehende Produktportfolio und die Einbettung in einen ganzheitlichen und digitalen Vertriebsansatz sein. Über diese Beispiele hinaus lassen sich viele weitere Einstiegsmöglichkeiten ableiten, wobei nicht nur Kundennutzen und Produktinnovation, sondern auch strategisch relevante Themen – wie die von vielen Banken angestrebte Einlagenkonversion oder Kosteneinsparungen – durch Effizienzsteigerung erreicht werden können.

Die Entwicklung von DeFi in diesem Jahr zeigt, wie schnell technologiegetriebene Innovationen in einen Ökosystem entstehen – und damit sowohl eine strategische Bedrohung darstellen, aber auch zum Chancenraum für Banken werden kann. Neben der grundsätzlichen Weiterentwicklung dieser Geschäftsmodelle hinsichtlich Stabilität und Sicherheit gilt es für Banken jetzt vor allem herauszufinden, wie tiefgreifend diese Entwicklung in die zukünftige Wertschöpfung eingreifen und das bestehende Geschäftsmodell verändern wird.

Quelle Headerbild: putilich (www.istockphoto.com)

Autor
Kevin Krüger ist Banken-Spezialist und Experte für Finanzdienstleistungen. Nach seinem wirtschaftswissenschaftlichen Studium und einer mehrjährigen Station als Analyst bei einer Frankfurter Investmentbank fand Kevin 2019 den Weg in die Digitalbranche. Zu seinen täglichen Aufgaben zählen die strategische und finanzielle Bewertung... mehr
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