AI in Finance: Anthropic geht an die Börse, KI hackt PHP und Agenten räumen Bankkonten leer
In dieser Folge von AI in Finance, dem Podcast von Payment & Banking, sprechen Sascha und Maik über eine Woche, die zeigt, wie weit KI bereits in kritische Infrastruktur eingedrungen ist: vom Börsenprospekt eines der größten KI-Labs bis zu selbstständig agierenden Systemen in US-Bankkonten.
Anthropic und OpenAI: Was die Zahlen hinter den Börsenplänen verraten
Anthropic hat das lang erwartete S1-Filing bei der US-Börsenaufsicht SEC eingereicht. Die Zahlen sind eindrucksvoll und erschreckend zugleich. Allein im ersten Halbjahr 2026 hat Anthropic 16 Milliarden Dollar Umsatz gemacht, eine Verzehnfachung gegenüber dem Vorjahreszeitraum. Gleichzeitig steht ein Nettoverlust von 80 Milliarden Dollar in sechs Monaten in den Büchern, wobei der Großteil auf buchhalterische Neubewertungen entfällt. Die Bewertung am Markt: 1,5 bis 2 Billionen Dollar.
Was das Prospekt besonders bemerkenswert macht, sind die Risikohinweise auf über 80 Seiten. Anthropic warnt offen vor KI-gestützten Cyberangriffen, biologischen Bedrohungen und autonomen Systemen, die sich menschlicher Kontrolle entziehen könnten. Der Satz, dass mögliche Haftungsansprüche die eigene Versicherungsdeckung übersteigen könnten, sagt viel darüber aus, wie weit das Regulierungsfeld hinter der technologischen Realität zurückliegt. Gleichzeitig hat Anthropic der US-Regierung einen Gesetzentwurf vorgelegt: Ein Bundesrichter soll KI-Modelle stoppen dürfen, wenn mehr als eine Milliarde Dollar Schaden oder der Tod von mehr als 50 Menschen droht. Die Schwelle ist hoch, der Gedanke aber richtig.
OpenAI steckt derweil in der Finanzierungsklemme. Geplant waren 30 Milliarden Dollar als Bridge-Finanzierung vor dem eigenen Börsengang 2027, eingesammelt wurden bisher rund elf. Das liegt auch an einem schwierigen Börsenklima, in dem die Magnificent Seven allein an einem Tag 850 Milliarden Dollar Börsenwert verloren. Sam Altman tourt durch Saudi-Arabien und Familienoffices. Der Druck steigt.
Reverse Engineering, PHP und die neue Dimension von Sicherheitslücken
Parallel zum Börsengeschehen zeigt ein GitHub-Projekt, wie schnell KI bestehende Software unterhöhlt. Hunderttausende Nutzer haben begonnen, mit Claude-basierten Skills kommerzielle Software zu reverse-engineeren, darunter Adobe Photoshop, Microsoft Office und inzwischen auch die Nintendo Switch 2, deren Spiele nun nativ auf Mac und PC laufen. Anthropic hat daraufhin die Notbremse gezogen und bestimmte Reverse-Engineering-Anwendungen eingeschränkt. Der Effekt ist absehbar: Wer das nicht mehr über Claude machen kann, wechselt zu Deepseek oder anderen Modellen ohne solche Beschränkungen.
Noch konkreter wird es bei der PHP-Sicherheitslücke, die GPT 5.6 und ein Gemini-Modell innerhalb kürzester Zeit aufgespürt und mit funktionierenden Angriffsketten verknüpft haben. PHP ist Grundlage von 70 bis 75 Prozent aller Websites weltweit. Die Schwachstellen waren bekannt, galten aber jahrzehntelang als für Menschen nicht praktisch ausnutzbar, weil sie zu tief und zu komplex lagen. Das BSI hat die Lage auf die zweithöchste Warnstufe Orange gesetzt, eine Einstufung, die selten vorkommt. Was das für regulierte Branchen bedeutet: KI schläft nicht, braucht keine Pizza und kein Red Bull. Die angreifbare Fläche wächst schneller, als Unternehmen patchen können.
Agenten auf Bankkonten, Europa und die Frage nach der Haftung
JP Morgan und andere große US-Banken haben festgestellt, dass KI-Agenten eigenständig auf Kundenkonten zugreifen, Transaktionen ausführen, Geld verschieben und Investitionen tätigen. In vielen Fällen haben Nutzerinnen und Nutzer dem Agenten ihre Zugangsdaten freiwillig gegeben, aber das macht die Frage nach der Haftung nicht einfacher. Der Agent identifiziert sich nicht als solcher. Für Banken entsteht damit ein grundsätzliches Problem: Wie unterscheide ich künftig Mensch von Maschine? Know Your Agent ist keine Zukunftsfrage mehr.
Auf europäischer Ebene bleibt die Lage ernüchternd. Die Kooperation zwischen der Bundesregierung und Nvidia zur Physical AI ist ein richtiger Schritt, aber Jensen Wang hat nach dem Investitionsgipfel in Berlin kaum ein gutes Haar an Europas Innovationsfähigkeit gelassen. Mistral ist die einzige verbliebene europäische KI-Hoffnung und liegt in den relevanten Benchmarks weit abgeschlagen hinter den US- und chinesischen Modellen. Regulatorik und Finanzierungslücke sind reale Probleme, und solange Meta oder Google ihre Open-Source-Modelle nicht mehr zur Verfügung stellen, wäre Europa schlicht ohne Alternative.
Shownotes
- Anthropics Börsenprospekt verrät rasantes Wachstum und große Risiken
- OpenAI sammelt weniger als die Hälfte des 30-Milliarden-Ziels ein
- Bundesregierung will mit Nvidia Industrie-KI fördern
Anthropic und die KI-Sicherheit
- OpenAI-Chef findet RAM im Heim-PC ziemlich furchtbar
- Survival LLM: Eine KI, die auch ohne Internet funktioniert
- KI-Agenten greifen unautorisiert auf Bankkonten zu
- Elon Musks groß angekündigter KI-Kinofilm dauert 7 Minuten
- PHP2Shell: KI findet kritische Sicherheitslücken, die 70 % des Internets betreffenElon Musk: Geld wird bedeutungslos, KI übernimmt die Kontrolle
- Deutschland will bei industrieller KI weltweit führend werden: So hilft NVIDIA dabei
Disclaimer
Was ihr hier hört, sind unsere Gedanken und Meinungen, nicht die unserer Arbeitgeber, Zimmerpflanzen oder Haustiere. Als Enthusiasten versuchen wir, euch Einblicke in die Welt von künstlicher Intelligenz in Finance zu geben, aber wir sind nur AI-Enthusiasten, keine Hellseher. Unsere Einschätzungen könnten genauso gut aus einem Horoskop stammen. Also, macht's euch gemütlich und genießt die Show!