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Agentic Payment: Brauchen wir mehr Mut statt mehr Regeln?

Agentic Payment ist rechtlich nicht so unmöglich, wie es manchmal klingt. Frank Müller von Annerton erklärt, warum Unternehmen vorhandene Spielräume stärker nutzen sollten und wo Vorsicht trotzdem richtig ist.

Frank Müller von Annerton über rechtliche Spielräume bei Agentic Payment und warum Unternehmen mehr Mut zeigen sollten
Frank Müller, Rechtsanwalt bei Annerton, erklärt in Folge 4 der Reihe zu Agentic Payments warum das bestehende Recht mehr Spielraum bietet als oft angenommen – und wie Unternehmen konkrete Leitplanken entwickeln können.

Drei Folgen lang haben wir uns angeschaut, welche rechtlichen Fragen entstehen, wenn KI-Agenten einkaufen, Verträge schließen und bezahlen. Diesmal drehen wir den Blick bewusst um: Was ist eigentlich heute schon möglich?

Denn für Frank Müller liegt die größte Bremse nicht unbedingt im bestehenden Recht. Vielmehr gehe es darum, Risiken richtig einzuordnen. Eine ungeklärte Rechtsfrage bedeute nicht automatisch, dass ein Produkt nicht umgesetzt werden kann. Entscheidend sei, echte Verbote von beherrschbaren Risiken zu unterscheiden und daraus klare Leitplanken für ein Produkt zu entwickeln.

Von rechtlichen Risiken zu konkreten Leitplanken

Viele Grundlagen für Agentic Commerce und Agentic Payment sind bereits vorhanden: Stellvertretung, Rahmenvereinbarungen, Limits oder der Einsatz technischer Dienstleister. Auch Agenten lassen sich technisch identifizieren und Mandate zeitlich oder finanziell begrenzen.

Statt auf eine perfekte Regulierung zu warten, könnten Unternehmen deshalb zunächst mit enger definierten Anwendungsfällen starten. Bei einem MVP wäre beispielsweise denkbar, einzelne Zahlungen noch einmal bestätigen zu lassen und dem Agenten erst später mehr Autonomie zu geben.

Eine offene Baustelle bleibt für Müller vor allem die Haftung. Wenn ein Agent trotz klaren Mandats anders handelt als vorgesehen, muss geklärt sein, wer dafür einsteht. Gerade für die breite Akzeptanz von Agentic Payment wird entscheidend sein, dass Nutzer:innen darauf vertrauen können, bei Fehlern nicht allein das Risiko zu tragen.

Wenn die Zahlung selbst zur Nebensache wird

Spannend wird der Blick über die reine Transaktion hinaus. Ein Agent kennt nicht nur, was Kund:innen gekauft haben, sondern möglicherweise schon vorher, was sie kaufen wollen. Damit wird der Intent selbst zu einem wertvollen Bestandteil neuer Geschäftsmodelle.

Das könnte auch bestehende Machtverhältnisse verändern. Wenn Agenten künftig Produkte auswählen, Preise vergleichen und Käufe ausführen, verlieren klassische Kundenschnittstellen möglicherweise an Bedeutung. Loyalty-Programme könnten sich verändern, Banken müssten ihre Kundenschnittstelle neu verteidigen und auch Händler:innen könnten profitieren, wenn ihre Produkte direkt für KI-Agenten auffindbar werden.

Franks These geht noch weiter: Die eigentliche Zahlungsart könnte bei Agentic Commerce irgendwann zur Commodity werden. Ob Karte, Lastschrift, SEPA Instant oder eine andere Zahlungsart genutzt wird, könnte der Agent danach entscheiden, welche Variante für die jeweilige Transaktion am sinnvollsten oder günstigsten ist.

Für Europa sieht Frank dabei keinen Grund, einfach auf neue Spezialregeln zu warten. Der bestehende regulatorische Rahmen bietet bereits viele Möglichkeiten. An einzelnen Stellen – etwa bei der starken Kundenauthentifizierung – könnten gezielte Anpassungen helfen, unnötige Friktion zu reduzieren.

Die Frage lautet damit weniger: Dürfen wir Agentic Payment überhaupt? Sondern zunehmend: Wie gestalten wir sie so, dass Risiken beherrschbar bleiben und Innovation trotzdem möglich wird?

Ein Stück dieser Diskussion führen wir am 4. November auf der Banking Exchange in Frankfurt weiter. Beim Panel zu Agentic Banking geht es darum, wie viel Autonomie Banken ihren Agenten heute tatsächlich schon geben – und wo zwischen Copilot und echtem Agenten die entscheidende Grenze verläuft.

Autor

Dana Wondra
Dana Wondra

Dana studierte BWL in Greifswald und war fast 20 Jahre Marketingleiterin bei TOP Sportmarketing Berlin, u. a. für den Olympiastützpunkt. Seit 2022 ist sie Beraterin bei GOLT Coaching, seit August 2023 Senior Manager Marketing bei Payment & Banking.