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Trotz Mega-Bewertung: Das sind die drei großen Baustellen bei Revolut

Regulatorische Hürden, zu wenig Einlagen, ein langfristiges Geschäftsmodell: Revolut muss noch einige Probleme lösen, um sich langfristig zu etablieren. Eine schnelle Analyse. 

Trotz Mega-Bewertung: Das sind die drei großen Baustellen bei Revolut

Jetzt ist es auch offiziell, was die Spatzen bei der Financial Times schon vor einigen Monaten von den Dächern zwitscherten: Das britische Fintech Revolut hat sich in einer neuen Finanzierungsrunde eine Bewertung von 115 Milliarden US-Dollar gesichert. Damit ist es fast so viel wert wie die Deutsche Bank und Commerzbank zusammen und übertrumpft britische High-Street-Banken wie Barclays um mehrere Milliarden Euro. Der Siegeszug der Tech-Banker aus Großbritannien geht also unvermittelt weiter, in nicht allzu weiter Ferne dürfte ab frühestens 2028 ein Börsengang den Aufstieg der Neobank komplettieren. 

Doch was in all dieser Euphorie gerne untergeht: So ganz einwandfrei läuft dieser Siegeszug von Revolut nicht, noch immer sind einige Fragen offen. Schafft Revolut es beispielsweise, neben den Transaction Fees eine weitere Einnahmequelle zu erschließen? Wie sieht es mit den regulatorischen Hürden aus? Und wenn man all das bedenkt: Sind 115 Milliarden US-Dollar dann eigentlich eine Bewertung, die sich auch langfristig halten lässt? Anlässlich der neuen Finanzierungsrunde hat Payment & Banking sich deshalb die drei größten Baustellen von Revolut angeschaut – und wie wahrscheinlich es ist, dass Gründer Nikolay (Nik) Storonsky und sein Team die auch in den Griff bekommen. 

Baustelle 1: Die ewige Zweitbank 

Revolut will mehr sein als nur eine weitere Bank und gibt sich eher als Super-App. Menschen können über Revolut-Abos beispielsweise auch Zeitungen lesen oder in Fitnessstudios gehen. Neben einem reinen Konto und einer Karte bietet das Fintech zudem einen Krypto-Dienst, ein Depot und seit drei Wochen auch einen eigenen Mobilfunktarif in Deutschland und wächst damit stark. Laut einer neuen Umfrage von YouGov zu den meist empfohlenen Marken in Deutschland ist das Institut aktuell sogar die Bank mit der höchsten Weiterempfehklungsquote in ganz Deutschland. 84 Prozent der Menschen gaben demnach an, die App auch einem Freund oder Kollegen zu empfehlen. Die Neukundenakquise also läuft bestens. 

Trotzdem schafft es Revolut es bei den bestehenden Kunden nicht, das Image der „Zweitbank” abzulegen. Das jedenfalls legen zwei Zahlen aus dem Geschäftsbericht von 2025 nahe. In dem heißt es, Revolut habe zwar fast 70 Millionen Kunden und damit 30 Prozent mehr als noch ein Jahr zuvor. Die gesamten Assets betrugen aber auch gerade einmal 50,2 Milliarden Pfund. Heruntergerechnet auf den Einzelkunden sind das 735 Pfund je Kunde, also umgerechnet etwa 880 Euro. Zwar ist diese Zahl um 66 Prozent gestiegen, womit sie schneller gewachsen ist als die der Kunden. Trotzdem bleibt die geringe Einlagenquote eine Baustelle, die Revolut langfristig ändern muss. Schafft man das, würde das auch die Markenbindung erhöhen – und damit langfristig vielleicht zur Lösung von Baustelle 3 (siehe unten) beitragen.

Zuletzt gab es aber einen Rückschlag, für den Revolut nicht viel konnte. Gangster hatten eine italienische Behörde infiltriert und über deren offizielle Accounts diverse Informationen von rund 700 Revolut-Kunden abgefragt. Eine direkte Schuld trifft Revolut nicht, weil das Fintech den Behörden verpflichtet ist und die Anfragen wohl von offiziellen Adressen kamen. Trotzdem geriet Revolut damit unfreiwillig in die Schlagzeilen, was dem Vertrauen des durchschnittlichen Kunden, sein gesamtes Geld dort zu parken, eher geschadet haben dürfte. 

Baustelle 2: Die vertrackte Regulatorik einer Bank 

Als junges Fintech scheint es oft so, als würde einem die Welt zu Füßen liegen und als hätte man das Banken-Game einfach viel besser verstanden als die ganzen alten Hasen. Die Kunden fliegen einem nur so zu, die Presse verkündet Erfolgsmeldung um Erfolgsmeldung und als Gründer darf man sich fragen, was einen denn noch bremsen soll. Wäre da nicht die Regulatorik. Denn während es bei Fintechs am Anfang um schnelles Wachstum geht, vergessen viele, dass zu einer Bank eben auch gehört, dass die regulatorischen Anforderungen entsprechend schnell mitwachsen müssen. Junge Neobanken und Fintech wie Solaris oder N26 mussten das in Deutschland auf die harte Tour lernen und sich wahlweise mit Wachstumsbeschränkungen oder einem Sonderbeauftragten der Finanzaufsicht herumschlagen. 

Revolut sind solche drakonischen Maßnahmen bisher erspart geblieben. Trotzdem zeigen sich auch bei dem britischen Überflieger-Fintech schon seit längerer Zeit Wachstumsschmerzen. Die britische Aufsicht beispielsweise verweigerte dem Start-up jahrelang eine vollwertige Banklizenz und räumte 2024 nur eine mit Einschränkungen ein. Das änderte sich erst im März 2026. Etwas weniger knifflig, aber nicht ohne Hürden war auch die Beantragung einer zweiten Banklizenz in Frankreich. Dort musste Revolut nach Recherchen von NDR, WDR und SZ und Les Echos hunderte Feststellungen aus dem Weg räumen, um die beliebte Lizenz zu erhalten. Diese gilt auch ohne Einschränkungen. Trotzdem darf die Onlinebank den Recherchen zufolge auch weiterhin nicht in das Geschäft mit Immobilienkrediten einsteigen, weil noch einige Probleme abzuarbeiten sind. Neue Recherchen von unter anderem WDR und NDR haben zuletzt angebliche Probleme beim Thema Glücksspiel aufgedeckt, Revolut widersprach. Zum jetzigen Zeitpunkt kann man all das als Wachstumsschmerzen betrachten, die sich auch über die Jahre legen können. Revolut sollte aber ein Auge darauf haben.

Baustelle 3: Die Identitätsfrage – und die Frage der Bewertung

Ein Blick in den Geschäftsbericht von Revolut für das Jahr 2025 offenbart einige sehr erfreuliche Werte – und einen sehr erstaunlichen. Zu den durchaus erfreulichen gehört etwa, dass Revolut die Zahl seiner Retail-Kunden auf über 68 Millionen schrauben konnte und so seinem Ziel von 100 Millionen Kunden weltweit ein ganzes Stück näher kam. Zu den ebenfalls erfreulichen Zahlen zählt, dass das Fintech es erneut geschafft hat, einen Vorsteuer-Gewinn von nunmehr 1,7 Milliarden Pfund einzufahren (2024 waren es noch 1,1 Milliarden Pfund), netto lag er bei 1,3 Milliarden Pfund. Und als wäre das nicht genug, konnte Revolut den Umsatz auf 4,5 Milliarden Pfund steigern. Das sind alles gute Zahlen, sie stehen aber bisher kaum in einem Verhältnis zu einer Bewertung von 115 Milliarden US-Dollar. Denn selbst wenn Revolut sein Wachstum hält, dürfte 2026 ein Gewinn vor Steuern von etwa 2,6 bis drei Milliarden Pfund rauskommen. Das wäre dann eine Ratio von 40, nimmt man den Nettogewinn zu Grunde und rechnet noch US-Dollar und Pfund um sind es eher über 60 – und damit ein Vielfaches von anderen UK-Banken wie Barclays oder NatWest. 

Was also rechtfertigt so ein Multiple? Erklären lässt sich diese Bewertung eigentlich nur über eine andere Zahl: 76 Prozent. Das war der Anteil, den Revolut im vergangenen Jahr mit Fee-based-Services gemacht hat. Dazu zählen etwa Einnahmen daraus, dass viele der Kunden oft mit der Revolu-Karte bezahlen und sie so die Interchange-Gebühr einsacken konnten oder Abonnements. Damit ist klar, dass die Investoren Revolut eher als Tech-Unternehmen mit angeschlossenen Bankgeschäft sehen, dass eben über Zahlungen, Abos und allerlei die Umsätze reinspielt – im besten Fall recht konstant, als wären sie ARR. Dividende oder Eigenkapital spielen bei diesen Überlegungen wohl nur einen kleinen Part. Zinserträge machten passend dazu – obwohl sie bei herkömmlichen Banken der größte Treiber der Umsätze und Gewinne sind – nur 22 Prozent des Umsatzes aus. Damit ist Revolut zum einen recht unabhängig von der weiteren Zinsentwicklung und hat in diesem Bereich noch viel Potenzial, eine Menge Geld zu verdienen zum anderen aber ist das UK-Fintech darauf angewiesen, dass die Kundinnen und Kunden die Revolut-Services immer und immer wieder nutzen.

Für Revolut würde es sich also anbieten, auch in andere Bereiche wie beispielsweise Business-Banking oder Lending stärker vorzudringen. Gegenüber der Financial Times hatte Gründer Nik Storonsky genau das auch im September in Aussicht gestellt und davon gesprochen, eine Millionen Businesskunden bis 2027 zu gewinnen. Auf den ersten Blick ist das auch eine gute Idee, weil es die eigene Einnahmebasis erhöht und die Abhängigkeit von Gebühren verringert. Genau da liegt aber auch das Dilemma. Denn mehr Geschäftskunden zu gewinnen, würde Revolut zu einer klassischen Bank machen und könnte ganz womöglich die Bewertungsfantasien der Investoren und später auch Anleger an der Börse untergraben – genau das also, was Revolut eigentlich vermeiden will. Diese Dilemma zu lösen wird deshalb wohl die größte Baustelle bis zu einem möglichen Börsengang 2028. Es gibt, das muss man mal ganz ehrlich sagen, Banken mit schlimmeren Problemen. 

Autor

Nils Heck
Nils Heck

Nils Heck ist Gründer des Journalistenbüros dreimaldrei, Buchautor und seit März 2024 Redaktionsleiter bei Payment and Banking. In seiner Kolumne „Nils nörgelt“ kommentiert er kritisch die Branche. Nebenbei jongliert er professionell.