„Sparen ist bei jungen Menschen ein großes Thema“

Kinder und Jugendliche und ihr Geld? Da bleibt doch bestimmt gar nichts übrig, weil diese Generation doch eh nur Konsum im Kopf hat: neue Spielekonsole statt Sparbuch, Handy statt Hedgefonds, coole Klamotten statt Kredit und angesagte Sneaker statt solider Verzinsung. Aber stimmt das eigentlich wirklich? Sind Kinder und Jugendliche tatsächlich so unbedarft, was ihre Finanzen anbelangt?

Wer es genauer wissen will, was die Altersgruppe der Jugendlichen und jungen Erwachsenen im Alter zwischen 16 Jahren und 25 Jahren in puncto „Geld und Geldanlagen“ umtreibt, der findet Antworten in der Jugendstudie der Comdirect. Sie zeigt, dass das Durchschnittseinkommen der 16- bis 18-Jährigen mit 239 Euro pro Monat deutlich unter dem der 22- bis 25-Jährigen mit 418 Euro monatlich liegt. Interessant dabei ist: Gegenüber 2016 ist das verfügbare Einkommen insbesondere bei den Jüngeren signifikant gestiegen. 

Doch weit weniger als vielleicht gedacht, verballert diese Altersgruppe nicht einfach sinnfrei ihre Ersparnisse, sondern versucht – wenn auch auf geringem Niveau – für schlechte Zeiten Geld zurücklegen. Was sie auch eint: 40 Prozent der Befragten geben der schulischen Finanzbildung die Note 5 oder 6. „Die Verantwortung für die finanzielle Bildung sollte allerdings nicht alleine bei den Schulen liegen.

„Sparen ist bei jungen Menschen ein großes Thema“

Hier ist die gesamte Gesellschaft gefragt – denn wenn die Heran-wachsenden nicht ausreichend für ihr Alter vorsorgen, trifft uns das alle“, sagt Arno Walter, Vorstandsvorsitzender Comdirect und Stiftung Rechnen, mit dem wir über die Studienergebnisse sprachen. Er verrät auch, warum gerade YouTube Videos ein guter Kanal sind, Jugendlichen und jungen Erwachsenen das Thema Geld und Finanzen zu erklären. Für Banken und Versicherungen ist das eine große Chance, diese Zielgruppe künftig zu erreichen!

Sprechen wir über das gute alte Taschengeld: Wie viel Geld haben junge Menschen heute zur Verfügung?

Im Schnitt haben junge Menschen laut unserer aktuellen Jugendstudie 362 Euro monatlich zur Verfügung. Das klingt erst einmal viel – wir haben aber Jugendliche im Alter von 16 bis 25 Jahren befragt, von denen naturgemäß viele bereits arbeiten. So beziehen von den 16- bis 18-Jährigen 58 Prozent Taschengeld, von den 22- bis 25-Jährigen jedoch nur noch 17 Prozent. Insgesamt ist Taschengeld nur für jeden dritten Jugendlichen die Haupteinnahmequelle – an der Spitze steht ein eigener, regelmäßiger Verdienst.

Wie gut sind Jugendliche mit dem Thema „Sparen“ vertraut?

Tatsächlich wird laut comdirect Jugendstudie durchschnittlich jeder dritte Euro gespart. Sparen ist also ein großes Thema bei jungen Menschen. Wie viel beiseitegelegt wird, hängt auch vom Alter ab: bei den 16- bis 18-Jährigen sind es im Schnitt 80 Euro im Monat, bei den 22- bis 25-Jährigen 140 Euro. Einen großen Unterscheid beobachten wir auch bei den Geschlechtern: Junge Männer sparen durchschnittlich 138 Euro monatlich, junge Frauen nur 102 Euro. Das hängt vermutlich auch damit zusammen, dass jungen Männern mit im Schnitt 393 Euro pro Monat mehr Geld zur Verfügung steht als jungen Frauen mit 328 Euro.

Haben Jugendliche im Jahr 2019 feste Sparziele, bzw. wie groß ist das Bewusstsein, schon in die Zukunft zu sparen, z.B. für das Studium, Auslandsaufenthalt etc.?

„Sparen ist bei jungen Menschen ein großes Thema“

Jede/r Zweite möchte sich laut unserer Studie ein finanzielles Polster aufbauen. Fast jeder Vierte hat ein festes Sparziel, auf das er/sie spart. Auf unsere Frage, was junge Menschen tun würden, wenn sie 1.000 Euro geschenkt bekämen, antwortete jede/r Dritte, diese für eine größere Anschaffung beiseitelegen zu wollen. 31 Prozent, also beinahe genauso viele, würden das Geld ganz allgemein für schlechte Zeiten zurücklegen.

2016 gaben dies nur 25 Prozent an. Hier scheint sich ein Bewusstsein für mehr Vorsorge entwickelt zu haben.

Halten Sie das Thema „Finanzen und Geldanlage“ in Schulen für ausreichend etabliert?

Leider wird finanzielle Bildung an Schulen weiterhin viel zu wenig vermittelt. Das sehen übrigens auch unsere Befragten so: Vier von zehn Jugendlichen geben ihren Schulen die Noten „Mangelhaft“ oder „Ungenügend“ für die Finanzbildung. Die Verantwortung für die finanzielle Bildung sollte allerdings nicht alleine bei den Schulen liegen. Hier ist die gesamte Gesellschaft gefragt – denn wenn die Heranwachsenden nicht ausreichend für ihr Alter vorsorgen, trifft uns das alle.

Wie viele Jugendliche besitzen in Zeiten von niedrigen bis Nullzinsen noch ein Sparbuch?

Das Spar- oder Festgeldkonto besitzen immer noch 43 Prozent aller befragten Jugendlichen – und das, obwohl sie damit real ihr Vermögen vernichten. Im zweiten Quartal 2019 betrug der durchschnittliche Einlagenzins laut Comdirect-Realzins-Radar gerade einmal 0,16 Prozent; die Inflation lag im selben Zeitraum bei 1,71 Prozent. Daraus ergibt sich ein Realzins von minus 1,55 Prozent.

Welche Alternativen bieten sich dieser Gruppe, um Geld anzulegen?

Das hängt natürlich von der individuellen Situation eines jeden Einzelnen ab, von Risikoneigung, Sparziel und Zeithorizont. Grundsätzlich kann aber über Wertpapiersparpläne bereits mit kleinen Summen gespart werden. Laut unserer Jugendstudie verfügt aber nur jeder Zehnte über ein Wertpapierdepot. Diese Quote hat sich gegenüber 2016, trotz anhaltendem Niedrigzinsumfeld, nicht erhöht.

Wie häufig sprechen junge Menschen mit ihren Eltern über das Thema Geldanlage?

Die Familie ist nach wie vor eine stark genutzte Informationsquelle in Sachen Geldanlage – fast jeder dritte Jugendliche oder junge Erwachsene informiert sich innerhalb seiner Familie über Finanzen.

„Die Familie ist eine sehr stark genutzte Informations-quelle.“

Wie häufig sprechen Jugendliche innerhalb ihrer Peer-Group über ihre Finanzen und gibt es diesbezüglich Geschlechterunterschiede?

Im Freundeskreis spricht nicht einmal jede/r Zweite gerne über Finanzen. 55 Prozent reden nur ungern oder sogar sehr ungern mit den Freunden über Geld. Von den jungen Frauen tauscht sich nur etwa jede Dritte mit ihren Freunden gern über ihre Finanzen aus – bei den jungen Männern ist es immerhin jeder Zweite.

Wie sehr sind Jugendliche in „Gelddingen“ nach wie vor von ihren Eltern geprägt?

Sicherlich stark. In dem Alter fängt man ja meist gerade erst an, sich eigenständig um ein Thema wie Finanzen zu kümmern. Da kommen ganz klar noch viele Verhaltensmuster zum Tragen, die vom Elternhaus her gewohnt sind.

Nutzen Jugendliche digitale Angebote, um sich mit dem Thema auseinanderzusetzen und wenn ja, wie sehr und welche?

Ja, Jugendliche nutzen viele unterschiedliche digitale Formate, um sich in Sachen Finanzen weiterzubilden. Jede/r Dritte sieht sich dafür zum Beispiel Tutorials auf Youtube an, was damit der am häufigsten genutzte digitale Kanal in Sachen Finanzbildung ist. Webinare im Internet besuchen 15 Prozent der Befragten, Lern-Apps immerhin 13 Prozent. Auch über Online-Akademien erwerben sechs Prozent der Jugendlichen finanzielles Wissen.

Mit welchen Angeboten können etablierte Banken in dieser Gruppe stattfinden?

„Sparen ist bei jungen Menschen ein großes Thema“

Offensichtlich kommen Tutorials auf Youtube gut an. Hier können viele Banken, comdirect eingeschlossen, noch besser werden. comdirect engagiert sich auf vielfältige Weise für die finanzielle Bildung junger Menschen: So fördern wir beispielsweise über die Stiftung Rechnen die Rechenkompetenz von Schülern und jungen Erwachsenen.

Mit verschiedenen Initiativen schaffen wir hier positive Rechenerlebnisse, u.a. mit dem Programm Mathe.Forscher für Schülerinnen und Schüler oder Mathe4Job für Jugendliche in der Berufsorientierung.Zudem geben wir Impulse, wie wir den Alltag mit Mathematik erfolgreich gestalten. Wir sind überzeugt davon, dass das Land noch mehr gute Rechner braucht.

Wie hoch ist innerhalb der Zielgruppe der Zuspruch für alternative Währungen, z.B. Bitcoin, Libra etc., im Vergleich zum Bargeld?

Kryptowährungen besitzen laut unserer Umfrage bereits sechs Prozent der Jugendlichen, vor allem die männlichen. Es können sich aber 15 Prozent vorstellen, zukünftig darin zu investieren. An die Zukunft des Bargelds glaubt mehr als die Hälfte der Befragten, 47 Prozent gehen jedoch davon aus, dass das Bargeld in Deutschland in zehn Jahren weitestgehend abgeschafft sein wird.

Autor
Christina Cassala ist freie Wirtschaftsjournalistin aus Berlin und treibt sich dort seit vielen Jahren in der Gründerszene rum. Sie schreibt vor allem über Themen aus den Bereichen Private Equity, Finanzierungen, Start-ups und Fintech-Themen. mehr

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