Exklusiv: Die wichtigsten Erkenntnisse aus dem Jahresabschluss von Raisin
Das milliardenschwere Fintech hat soeben seinen Geschäftsbericht für 2024 veröffentlicht. Payment & Banking hat den Bericht analysiert und ordnet die wichtigsten Kennzahlen ein.
Das milliardenschwere Fintech hat soeben seinen Geschäftsbericht für 2024 veröffentlicht. Payment & Banking hat den Bericht analysiert und ordnet die wichtigsten Kennzahlen ein. Eine Zahl überrascht besonders.
Das Berliner Fintech Raisin, das viele unter seinem alten Markennamen „Weltsparen” kennen, ist ein Star in der deutschen Fintech-Szene, auch ein Börsengang ist eines Tages möglich. Doch wie steht es eigentlich um Umsatzwachstum, Ertragslage und all die anderen schnöden Finanzkennzahlen? Payment & Banking hat sich durch die vielen Seiten des Jahresabschluss 2024 gewühlt und die Zahlen einer Sofortanalyse unterzogen. Was wirklich wichtig ist, lest Ihr hier.
Erkenntnis 1: Der Umsatz macht einen fetten Sprung
Das Positive vorneweg: Raisin steigerte die Umsatzerlöse im Geschäftsjahr 2024 auf knapp 237,16 Millionen Euro (Vorjahr: 158,5 Millionen), was ein beachtliches Plus von fast 50 Prozent bedeutet. Das klassische Vermittlungsgeschäft ist dabei das Rückgrat, während Zinserträge, die etwa durch das Halten und kurzfristige Investieren von Kundengeldern anfallen, nur Beiwerk sind. Besonders auffällig ist das Umsatzwachstum im Plattformgeschäft, insbesondere durch die Expansion in Europa und die gesteigerten Volumina im Bereich Einlagenprodukte, Bankdienstleistungen und Zahlungslösungen. Die Bank steuert immerhin noch 53,3 Millionen Euro an Umsatz bei. Alles in allem: ein ziemlich ordentliches Wachstum.
Erkenntnis 2: Die verwalteten Assets bleiben hinter den Erwartungen zurück
Die Assets-on-Plattform, also das von Raisin verwaltete Vermögen, steigt 2024 kräftig an und das könnte eigentlich ein Grund zur Freude in Berlin sein. Immerhin standen Ende 2024 rund 76 Milliarden Euro unterm Strich, im Jahr zuvor waren es noch 57,4 Milliarden Euro. Doch so stark das Wachstum im ersten Moment aussieht, muss man auch sagen: Die eigenen Ziele hat Raisin in diesem Segment nicht nur knapp, sondern gleich um zwölf Prozent verpasst. Da hilft es auch nicht, dass die USA als neuer Markt kräftig zugelegt haben (siehe unten) oder dass Kundinnen und Kunden offenbar gerne bei Raisin bleiben. Die Quote an Menschen, die Raisin treu geblieben sind (sogenannte „Retentionrate), lag 2024 nämlich bei ziemlich guten 92,7 Prozent. Doch das kann kaum darüber hinwegtäuschen, dass das Wachstum im aktuellen Marktumfeld zumindest schwächer ausfällt als gedacht – und das trotz des Marketing-Turbos (siehe nächste Erkenntnis).
Erkenntnis 3: Raisin schaltet den Marketing-Turbo an
Die Vertriebsaufwendungen klettern deutlich und machen mit 125,1 Millionen Euro mehr als die Hälfte aller operativen Ausgaben aus (Vorjahr: 91,7 Millionen. Euro). 77,5 Millionen Euro entfallen direkt auf Marketing- und Werbemaßnahmen. Der Personalaufwand im Vertrieb (30,1 Millionen. Euro) und Kundenservice (10,9 Millionen Euro) sind weitere große Blöcke. Dieser hohe Aufwand zeigt ziemlich deutlich, wie gerne Raisin wachsen würde und dass das Scale-up von Chef Tamaz Georgadze dafür auch extra den Marketing-Turbo eingeschaltet hat. Doch setzt man diese starke Ausgabensteigerung ins Verhältnis zum Umsatzwachstum und auch dem Wachstum der Assets-on-Plattform, darf man sich durchaus fragen, wie nachhaltig das Ganze sich gestaltet.
Erkenntnis 4: Wachstum in den USA ist gut – doch reicht das?
Die schöne Nachricht auch hier vorne weg: Raisin ist in den USA angekommen und kann dort tatsächlich Traktion gewinnen, was für ein europäisches Fintech sicherlich keine Selbstverständlichkeit ist. Zu sehen ist das unter anderem beim starken Wachstum der Assets-on-Platform. Von zuletzt 6,2 Milliarden Euro stiegen die Einlagen im Jahr 2024 auf immerhin 8,2 Milliarden Euro, was ein Wachstum von knapp einem Drittel bedeutet. Doch wo Licht ist, ist auch Schatten und wo Wachstum ist – da fehlt es nicht selten an ein bisschen Marge. Das ist auch im US-Geschäft von Raisin ein wenig zu beobachten. Immerhin machen die Umsätze zwar rund elf Prozent der Gesamtumsätze aus, die Zinserträge aber steuern nur sieben Prozent des Ergebnisses bei. Gleichzeitig kamen 21 Millionen Euro Umsatz auf 8,2 Milliarden Euro Assets-on-Plattform, was eine Quote von 0,26 Prozent wäre. In Kontinentaleuropa lag sie mit 0,27 Prozent leicht höher. Exakt vergleichen lassen sich die Zahlen zwar nicht. Es schadet aber nicht, die Margenfrage im Blick zu behalten.
Erkenntnis 5: Ein Steuertrick treibt das Ergebnis
Das Jahr 2024 hätte für Raisin trotz der offensichtlichen Schwächen noch ein gutes werden können. Doch das EBIT, also das Ergebnis vor Zinsen und Steuern, lag bei gerade einmal 643.000 Euro. Und nein, wir haben da keine Null vergessen, auch wenn es im Vorjahresvergleich so aussehen mag. Denn 2023 noch verzeichnete Raisin immerhin ein EBIT von 7,2 Millionen Euro. Was also ist passiert? Die einfache Antwort: Factoring ist passiert. Oder besser gesagt: Factoring passiert nicht mehr. Denn die Raisin Bank zieht sich (unter anderem nach Problemen mit der Bafin in diesem Bereich) vollständig aus diesem Segment zurück, konzentriert sich künftig auf das Geschäft mit Raisin selbst und schreibt mit einem Mal 20,2 Millionen Euro ab. Das und weitere planmäßige Abschreibungen führen dazu, dass aus einem eigentlich schönen EBITDA von 34,4 Millionen Euro am Ende nur 0,64 Millionen Euro an EBIT übrig bleiben.
Aber Raisin wäre kein gutes Berliner Fintech, wenn man nicht eine Möglichkeit fände, das Ergebnis etwas hübscher zu gestalten. Dies geschieht durch die Aktivierung latenter Steuern: Vereinfacht gesagt, hat Raisin in den vergangenen Jahren viele Verluste erwirtschaftet, erwartet nun Gewinne und kann diese alten Verluste anrechnen. Der daraus resultierende Steuerertrag von 30,7 Millionen Euro verwandelt den operativen Vorsteuerverlust von 1,3 Millionen Euro in einen Konzerngewinn von 29,4 Millionen Euro.