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Kann KI den Steuerberater ersetzen? KI-Agents in fehlerintoleranten Feldern

KI übernimmt längst Aufgaben in der Buchhaltung und Steuerberatung. Doch wie zuverlässig sind die Systeme, wer haftet bei Fehlern und braucht es künftig überhaupt noch Steuerberater?

KEX26-Panel „KI in der Steuerberatung”: Nicole Nitsche (Payment & Banking) moderiert mit Agnieszka Walorska (mika), Moritz Kuder (AnyTax) und Markus Berger-de León (Taxfix)
KEX26-Panel: Nicole Nitsche (Payment & Banking) diskutiert mit Agnieszka Walorska (mika), Moritz Kuder (AnyTax) und Markus Berger-de León (Taxfix) über KI in der Steuerberatung, Haftung und Vertrauen.

Menschen machen Fehler. Auch bei der Steuererklärung. Doch wenn eine KI danebenliegt, wird schnell die gesamte Technologie infrage gestellt. Warum erwarten wir von Maschinen eigentlich mehr als von Menschen? Und wie zuverlässig muss KI sein, damit wir ihr unsere Steuern anvertrauen?

Diese Fragen standen im Mittelpunkt eines Panels auf der KI Exchange, das wir jetzt als Podcast veröffentlichen. Mit dabei waren Agnieszka Walorska, Gründerin von mika, Moritz Kuder, Gründer von AnyTax, und Markus Berger-de León, COO von Taxfix. Die drei Unternehmen verfolgen unterschiedliche Ansätze, haben aber ein gemeinsames Ziel: Steuerprozesse einfacher und zugänglicher zu machen.

Drei Unternehmen, drei Ansätze

Drei Gäste beantworten diese Frage jeden Tag in der Praxis, mit sehr unterschiedlichen Antworten. Agnieszka Walorska hat 2022 mika gegründet. Ihre KI-Agenten erledigen für Kleinstunternehmen große Teile der Buchhaltung und Steuerprozesse automatisiert und helfen dabei, Schreiben vom Finanzamt zu verstehen. Nach eigenen Angaben erreicht mika inzwischen eine durchschnittliche Automatisierungsquote von 97 Prozent. Die menschliche Expertenkontrolle bleibt dabei Teil des Systems. Die radikalste Position auf der Bühne. Moritz Gruder hat mit AnyTax eine Embedded-Tax-Infrastruktur gebaut, finanziert mit einer Million Euro Pre-Seed. Seine KI sitzt unsichtbar in Banken, Fintechs und Kanzleien, die Endkund bekommen sie nie zu Gesicht. Steuerfunktionen werden so direkt in bestehende Finanzanwendungen integriert, beispielsweise für Steuererklärungen, Prognosen oder die Auswertung von Transaktionen. Markus Berger-de Léon ist seit November COO bei Taxfix, dem Unicorn mit über neun Millionen eingereichten Steuererklärungen und mehr als viereinhalb Milliarden Euro Erstattungen. Taxfix setzt auf ein hybrides Modell, das automatisierte Prozesse mit menschlicher Steuerberatung verbindet.

Wenn KI sich sicher ist – und trotzdem falschliegt

Ein zentrales Thema der Diskussion war das Vertrauen in KI-Systeme. Denn gerade im Steuerrecht können Fehler teuer werden. Hinzu kommt, dass generative KI auch dann überzeugende Antworten liefert, wenn diese sachlich falsch sind.

Markus Berger-de León machte deutlich, dass allgemeine Sprachmodelle selbst bei vergleichsweise einfachen Steuerfragen noch halluzinieren können. Für spezialisierte Anbieter geht es deshalb nicht nur darum, KI einzusetzen, sondern ihre Ergebnisse zu überprüfen und in verlässliche Prozesse einzubetten.

Agnieszka Walorska sieht darin auch eine Chance. KI könne gerade kleinen Unternehmen helfen, steuerliche Pflichten selbstständiger zu erledigen und jederzeit einen Überblick über ihre Finanzen zu behalten. Statt einen großen Teil der Zeit mit Belegen und Buchhaltung zu verbringen, könnten sich Unternehmer stärker auf ihr eigentliches Geschäft konzentrieren.

Darf sich eine KI Steuerberater nennen?

Wie weit die Automatisierung gehen darf, ist nicht nur eine technische Frage. Das zeigt auch die Diskussion um den Begriff „KI-Steuerberater“. Im Panel ging es unter anderem um die Auseinandersetzung zwischen der Steuerberaterkammer Berlin und dem Fintech Accountable.

Während die einen darin eine notwendige Debatte über neue digitale Angebote sehen, warnen andere davor, geschützte Berufsbezeichnungen auf KI-Systeme zu übertragen. Denn mit dem Beruf des Steuerberaters sind Qualifikation, Verantwortung und Haftung verbunden.

Auch bei der Haftung selbst gibt es unterschiedliche Konstellationen. Wer trägt die Verantwortung, wenn eine KI einen Fehler macht? Der Softwareanbieter, der Steuerberater oder die Person, die ihre Erklärung einreicht? Die Diskussion zeigt, dass sich diese Frage nicht pauschal beantworten lässt. Entscheidend ist unter anderem, welche Leistung angeboten wird und wer die Angaben prüft.

Brauchen wir in Zukunft noch Steuerberater?

Zum Schluss wurde es grundsätzlich. Könnte KI in fünf oder zehn Jahren auch komplexe Steuerfälle vollständig bearbeiten? Oder wird es immer Situationen geben, in denen menschliche Erfahrung, Interpretation und Beratung unverzichtbar bleiben?

Hier gingen die Einschätzungen auseinander. Während Moritz Gruder davon ausgeht, dass KI künftig auch deutlich komplexere Fälle bewältigen kann, betonte Markus Berger-de León die Grenzen rein regelbasierter Entscheidungen. Gerade im Steuerrecht gebe es Interpretationsspielräume, die sich nicht einfach automatisieren lassen.

Einigkeit bestand zumindest darin, dass sich die Rolle der Steuerberatung verändert. Routineaufgaben lassen sich zunehmend automatisieren. Damit könnte mehr Zeit für die eigentliche Beratung entstehen – und steuerliche Unterstützung für mehr Menschen und Unternehmen zugänglich werden.

Ob KI eines Tages die gesamte Steuererklärung übernimmt oder der Mensch dauerhaft die letzte Entscheidung trifft, bleibt offen. Genau darüber diskutieren Agnieszka Walorska, Moritz Kuder und Markus Berger-de León in unserem Panel von der KI Exchange – jetzt als Podcast zum Nachhören.

Autor

Nicole Nitsche
Nicole Nitsche

Nicole Nitsche, studierte Theaterwissenschaftlerin, leitete Presse und Marketing eines Hamburger Musiklabels, bevor sie bei Payment & Banking die Kommunikation und Redaktion aufbaute. Seit August 2021 ist sie Geschäftsführerin.