Wunsch an die neue Regierung: Finanzbildung muss in der Politik stärker in den Fokus rücken

Die Bundestagswahl steht unmittelbar bevor, der Wahlkampf der Parteien befindet sich im Endspurt. Viele Wähler sind sich noch unsicher, wo sie am Sonntag ihr Kreuzchen setzen sollen. Wir haben unterdessen Akteure der Branche gefragt: „Was wünscht ihr euch in der kommenden Legislaturperiode von der neuen Bundesregierung?“ Welche Rolle spielt Bargeld dabei? Die Wunschliste an die kommende Regierung veröffentlichen wir täglich an dieser Stelle. Heute: Finanzbildung muss von der Politik stärker in den Fokus rücken

Gastbeitrag von Susanne Krehl, Gründerin von Fabit

Die Finanzbildung in Deutschland ist grottenschlecht. Und daraus resultieren Folgeprobleme. Laut Schuldneratlas gibt ein Viertel der Bevölkerung an, nicht über ausreichendes Wissen in den Bereichen Schulden, Ratenzahlung und Haushaltsbudget zu verfügen. Als Konsequenz sind rund 10 Prozent der Erwachsenen überschuldet. Zehn Prozent! Jeder Zehnte Erwachsene kann Forderungen über einen längeren Zeitraum nicht begleichen. Für die nächste Bundesregierung gibt es zahlreiche Möglichkeiten, die Situation in Zukunft zu verbessern.

Schulden sind nicht zwingend das Resultat von zu geringem Einkommen oder Arbeitslosigkeit. Vor allem junge Menschen haben oft Schwierigkeiten beim Start in die finanzielle Selbstständigkeit, machen Konsumschulden und sind unsicher, wie sie ihr Geld langfristig managen können.

Drei Viertel der Schüler wünschen sich Finanzbildung in der Schule

In den Lehrplänen der Schulen kommt Finanzbildung mit Ausnahme von zwei Bundesländern nicht vor. 68 Prozent der Jugendlichen und jungen Erwachsenen sagen, dass sie in der Schule „nicht so viel“ bis „so gut wie nichts“ über Wirtschaft und Finanzen lernen oder gelernt haben. Drei Viertel aller Befragten der Jugendstudie des Bankenverbandes wünschen sich mehr Informationen. 

Dabei geht es um alltagsrelevante Fragen: Wie sieht eigentlich eine Gehaltsabrechnung aus? Wie mache ich eine Steuererklärung? Wie viel sollte ich für eine Wohnung ausgeben? Wie funktioniert Altersvorsorge? Was ist Bonität? Wie bekomme ich einen Kredit und was muss ich dabei beachten? Oder ganz banal: Wie viel darf ich eigentlich monatlich ausgeben, um nicht in Schieflage zu geraten. Viele Absolventen haben keine Antworten auf diese Fragen.

Es zeigt: Dieses alltagsnahe, für jeden relevante Wissen wird an den Schulen nicht gelehrt. Die überwiegende Mehrheit übernimmt finanzielles Agieren von ihren Eltern. Und die wissen es oft selbst nicht. Oder ihr Wissen ist vollkommen veraltet. Unsere Eltern hatten Sparbücher mit 7% Zinsen von der Sparkassen-Beraterin, die sie noch persönlich kannten. Die Zinsen kamen also beim Sparen von ganz allein. Die wenigsten haben privat fürs Alter vorgesorgt, in ETF oder Aktien investiert. Ihr Finanzwissen ist in der aktuellen Niedrigzinsphase nutzlos.

photography of school room

Lücken in der Finanzbildung führen zu finanziellen Fehlentscheidungen

Was wir in unserer FinTech-Welt gern vergessen: Wir haben in Deutschland mindestens zwei Generationen, die in Sachen Finanzbildung nicht über das nötige Grundwissen verfügen. Ihnen wird der Zugang zu komplexen Finanzprodukten immer weiter erleichtert, aber die Wissenslücke in Finanzfragen führt häufig zu wenig überlegten Entscheidungen. Die Branche hat eine Verantwortung hinsichtlich Aufklärung und Bildung, egal ob der Kunde mit einem Klick Aktien oder Bitcoin kauft. Verkauf und Vermittlung von Finanzprodukten sind umfassend reguliert. Es ist bestens festgelegt, wo Beratung und Aufklärung stattfinden müssen. Wenn allerdings das finanzielle Grundwissen fehlt, werden die Menschen oft nicht an der Stelle abgeholt, an der sie abgeholt werden müssten.

Einer der aktuellen Branchentrends ist Buy now, pay later. Seinem Konsumbedürfnis jetzt nachkommen zu können, erst später zahlen zu müssen und dabei noch nicht einmal Zinsen zu zahlen, klingt einfach zu verlockend. Hinsichtlich der Risiken versteift sich die Branche darauf, dass bei all der „Digitalisierung das Mitdenken nicht abgeschaltet werden” sollte. Zu Recht: Jeder sollte „mitdenken“ und seine finanziellen Entscheidungen verstehen.

Für Konsumenten mit unzureichender finanzieller Bildung birgt der BNPL-Trend jedoch Risiken: Sie überschätzen ihre finanziellen Möglichkeiten, lassen sich trotz fehlender Mittel zu einem Kauf hinreißen. Oft fehlt schlicht der Überblick, BNPL-Einkäufe entsprechend zu managen und letztlich alle Raten pünktlich zu bedienen. So kann der Ratenkauf schnell der erste Schritt in Schulden und Überschuldung sein.

Anlauf- und Beratungsstellen für Schuldner staatlich chronisch unterfinanziert

Deutschland bietet umfangreiche, sehr kostengünstige und oft sogar kostenfreie Möglichkeiten, sich bei finanziellen Problemen beraten zu lassen. Soziale Träger wie Diakonie, AWO oder Caritas haben entsprechende Angebote. Allerdings dauert es lange, bis Menschen den Weg in die Beratung finden. Termine sind oft nur mit wochen- bzw. monatelangem Vorlauf zu bekommen. Dies liegt oft an fehlenden Ressourcen der Beratungsstellen, die über Zuschüsse der Städte und Gemeinden finanziert werden.

Der Besuch der Schuldnerberatung ist zudem mit Scham behaftet und bedarf Vorbereitung. Die hilfesuchende Person muss für den ersten Termin einiges an Vorarbeit leisten. Die Übersicht über Einnahmen, Ausgaben, Schulden und Gläubiger muss vor dem ersten Termin erstellt und mitgebracht werden. Viele Menschen sind damit überfordert und warten daher mit dem ersten Besuch so lange bis es nicht mehr geht. Der verbleibende Ausweg aus den Schulden ist dann häufig die Privatinsolvenz. Dadurch wird der durch die Briefe im Briefkasten symbolisierten, sprichwörtlichen Schuldenberg abgetragen. Die dreijährige Privatinsolvenz löst jedoch nicht das zu Grunde liegende Problem: Jeder Mensch muss in der Lage sein, sein Geld zu managen und sich ein gesundes finanzielles Verhalten aneignen.

Finanzbildung durch kommerzielle Anbieter

Egal ob Bankenverband, BDIU oder die finlit Stiftung der EOS-Gruppe: Viele Unternehmen unserer Branche, Verbände und Verbraucherzentralen bieten umfangreiche Lernmaterialien aus allen Bereichen der finanziellen Bildung für unterschiedlichste Altersgruppen an. Der Materialkompass des Verbraucherzentrale Bundesverbands bewertet diese Materialien nach Neutralität, Richtigkeit des Inhalts und auch eventuell enthaltener kommerzieller Werbung des jeweiligen Herausgebers. Wissen und Materialen sind also vorhanden.

Und auch viele FinTechs haben sich der Finanzbildung verschrieben. Von Madame Moneypenny bis Beyond Saving: Überall kann man Videokurse zum Umgang mit Geld machen. Leider ist die intrinsische Motivation der meisten Menschen, sich ohne Anlass mit ihren Finanzen zu beschäftigen eher gering. Meist passiert dies erst, wenn erste Probleme aufkommen und der Weg entsprechend mühsamer ist.

Und trotz der Qualität der Angebote: Allgemeine Finanzbildung kann nicht allein Aufgabe von kommerziell orientierten Unternehmen sein. Wir als Finanzbranche haben diese Aufgabe übernommen, weil das Angebot in den Schulen nicht vorhanden war. Wir holen die Finanzbildung und das Etablieren von gesunden finanziellen Gewohnheiten nun bei den Generationen nach, die jetzt erwachsen sind. Das entlässt die Politik jedoch nicht aus ihrer Verantwortung.

Wünsche an die nächste Bundesregierung

Es ist ein bisschen wie mit dem Klimaschutz: Wir müssen jetzt anfangen! Für die nächste Generation.

Der Zugang zu Schuldnerberatungen sollte erleichtert werden: Das geht nur mit besserer finanzieller und personeller Ausstattung. Außerdem müssen die Angebote digitaler werden und besser auf die Lebensrealität der Menschen zugeschnitten sein. Fast jeder hat heute ein Smartphone. Warum nicht digitale Lernangebote entwickeln und tägliche Begleitung übers Smartphone anbieten? Die Finanzübersicht in einer App haben, statt in Excel oder auf Papier? Aktuelle Informationen zu Branchentrends wie Neobrokern oder Kryptowährungen, damit die erste Anlage nicht zum Glücksspiel wird? Neben der öffentlichen Finanzierung von Beratungen als letzter Anlaufstelle, sollte unsere Gesellschaft viel mehr in frühzeitige Finanzbildung investieren.

Während es großartige Freiwilligenorganisationen, Verbraucherzentralen und privatwirtschaftliche Unternehmen gibt, deren Mitarbeiter:innen schon heute Finanzwissen in engagierte Schulen bringen, kann Finanzbildung nicht allein Aufgabe von kommerziell orientierten Unternehmen sein. Vor allem nicht für die nächsten Generationen. Wir FinTechs kümmern uns gern um diejenigen, die heute schon die Schule verlassen haben und Wissen nachholen müssen. Aber das praxisorientierte Wissen zu Geld muss in die Schulen. Wir müssen unseren Kindern einen gut informierten Start ins Erwachsenenleben ermöglichen.

Daher mein Wunsch an die nächste Bundesregierung: Wir brauchen deutschlandweit einheitliche Anforderungen an das Niveau des Finanzwissens, mit dem alle Kinder die Schule verlassen. Damit einher geht der Wunsch nach gut ausgebildeten Lerhrer:innen, die auch selbst moderne Finanzprodukte nutzen und dieses Wissen vermitteln können. Neben digitaler Bildung und Medienkompetenz, muss ein vor allem praxisorientiertes und lebensnahes Finanzwissen an den Schulen gelehrt werden.

Über die Autorin:

Susanne Krehl ist Gründerin und Geschäftsführerin von Fabit. Mit einer verhaltensoptimierenden App setzt sich Fabit.app dafür ein, dass Menschen gesunde finanzielle Gewohnheiten entwickeln und ihre Finanzen aktiv in Fabit managen. Als Managing Director Austria and Switzerland war sie für die Internationalisierung des Berliner FinTech Unternehmens viafintech verantwortlich und wurde 2018 mit dem Digital Female Leader Award geehrt. Susanne ist zudem Gründerin und Gastgeberin der Eventreihe FinTech Stammtisch Berlin und Botschafterin der FinTech Ladies.


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Autor
Die studierte Soziologin und Medienwissenschaftlerin beobachtet, analysiert und schreibt als Journalistin seit vielen Jahren über die Startup- und Fintechszene. In der Vergangenheit arbeitete sie für führende on- und offline für Gründer- und Wirtschaftsmedien im In- und Ausland, moderiert, schrieb mit... mehr
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