Us versus Them bringt nichts: Warum wir ein starkes Ökosystem brauchen

Wie wir Dinge verbalisieren und gedanklich kontextualisieren nimmt starken Einfluss darauf, wie wir die Welt wahrnehmen, interpretieren und Handlungen ableiten. Dabei bedient man sich gerne modellhafter, binärer Denkmuster: schwarz oder weiß, alt oder jung oder Hertha oder Union. Was das mit dem Finanzstandort in Deutschland und Europa zu tun hat? Denn wer kennt es nicht: FinTechs gegen Banken oder Startups gegen Incumbents. Mit einem starken Ökosystem hat das jedoch nichts zu tun.

Klischeehafte Kategorien bringen Innovationen nicht voran

Solche Kategorisierungen machen uns das Leben vielleicht einfach, sie liefern uns allerdings keine Antworten auf die drängende Frage, wie wir den europäischen Innovationsstandort weiterentwickeln und – global betrachtet – konkurrenzfähig halten. Denn diese Art der Kategorisierung verkennt drei essenzielle Punkte:

  1. FinTechs sind längst angekommen und nichts „Exotisches“ oder „Anderes“. Ja, sie sind „etabliert“. Das Konto bei einer Neo-Bank und finanzielle Vorsorge mithilfe eines Neo-Brokers? Längst keine Ausnahme mehr.
  2. Innovation ist agnostisch: dem iPhone wäre es herzlich egal gewesen, ob es im Silicon Valley, Südkorea oder einem Berliner Hinterhof entwickelt worden wäre.
  3. Konsumentinnen und Konsumenten zählen bei Finanzprodukten auf Vertrauen, Sicherheit und Innovation – nicht notwendigerweise auf traditionelle Player und bekannte Namen. Diese Erkenntnis ziehen wir zumindest aus unserer jährlichen Digital Finance Studie (in Kürze kommt die neueste Auflage).

Innovation ist verbindendes Element

Daher ist es uns im Bitkom wichtig, das Verbindende ins Zentrum zu rücken und den Blick nach vorne zu richten. Für Deutschland bedeutet das weniger Besitzstandswahrung und mehr Bekenntnis zu Innovation entlang der Wertschöpfungskette. Ein Beispiel: Deutschland hat mitunter die niedrigste Akzeptanzinfrastruktur für digitales Bezahlen.

Mit 12,6 PoS Terminals pro 1000 Einwohnerinnen und Einwohnern liegt man weit hinter dem OECD-Schnitt von 26,6. Griechenland kommt auf einen Wert von 50,6. Dennoch führen wir Scheindebatten über die Abschaffung des Bargelds, wohlwissend, dass eine zeitgemäße, flächendeckende Bezahlinfrastruktur Basis für die Weiterentwicklung des Zahlungsverkehrs ist (Bitkom-Thesen zur Wahlfreiheit beim Bezahlen).

black leather wallet on blue denim jeans

In einer Welt, in der Bankgeschäfte zunehmend über eine App und seltener in einer Filiale abgewickelt werden, in der eine Wallet immer häufiger am Smartphone als in der Gesäß- oder Handtasche zu finden ist, stehen wir an einer wichtigen Weggabelung. Begreifen Politik, Wirtschaft und Gesellschaft Digitalisierung als Möglichkeit, ganz vorne mit dabei zu sein, oder schauen Deutschland und Europa letztlich nur von der Seitenlinie aus zu?

Finanzdienstleistung und das Potenzial der European Champions

Für einen Abgesang ist es allerdings viel zu früh, denn gerade im Bereich Financial Services hat Deutschland und Europa ein immenses Potenzial, die herbeigesehnten European Champions hervorzubringen. Die Zahl der europäischen FinTech-Unicorns wächst und sie arbeiten zusehend an einem globalen Roll-Out. Und ja: als Wiener freue ich mich, dass mit Bitpanda nun auch ein österreichisches FinTech dabei ist. Das ist aber eigentlich sekundär, denn der Erfolg liegt im grenzüberschreitenden Geschäft, weshalb die Bedingungen des Finanzstandorts europäisch gedacht  werden müssen: Die Vertiefung des Binnenmarkts, die Reduktion von nationalem Gold-Plating und damit die Verstärkung von Netzwerk- und Skaleneffekten.

Das ist auch aus gesellschaftlicher Perspektive wichtig, denn Finanzinnovationen erhöhen Transparenz und Teilhabe: Digitale Bezahllösungen sind bspw. Basis für innovative Mobilitätslösungen, FinTechs machen finanzielle Altersvorsorge zugänglicher und mit Decentralized Finance steht die nächste Innovationswelle in Richtung Demokratisierung des Finanzwesens vor der Tür.

…zurück zum Ökosystem und was das mit Innovation zu tun hat

Ein heterogenes Ökosystem hilft dabei, Innovationen zu realisieren. Dafür steht auch der Bitkom als Deutschlands Digitalverband. In der Heterogenität sehen wir unsere Stärke – bei uns diskutieren Banken, FinTechs, Big Techs, Versicherer, Third Party Providers und „you name it-as-a-Service“ auf Augenhöhe, immer mit dem einen Ziel vor Augen: Den Innovationsstandort Deutschland und Europa voranzutreiben.  

Für positive Disruption muss das Rad nicht immer neu erfunden werden. Oftmals ist es ausreichend, einzelne Räder zu einem neuen Vehikel zusammenzubauen. Damit sind die Ideen der Kooperation, der Öffnung des Finanzmarkts und der Plattform-Ökonomie gemeint. Es entstehen Partnerschaften zwischen neuen und eingesessenen Playern. Eine zunehmende Spezialisierung erlaubt es, Innovationen skalierbar und schnell auf den Markt zu bringen.

Europäische Regulierungen (z.B. PSD2) und Bestrebungen in Richtung Open Banking und Open Insurance, hin zu einer Open Finance-Architektur sind hierfür wichtige Bestandteile. Angebote von Infrastructure-as-a-Service bis hin zu Banking-as-a Service ermöglichen es, Ideen rasch zu realisieren und dabei Kernaufgaben einer Bank auszulagern. Für die eigene IT müssen keine stationären Rechenzentren mehr aufgebaut werden – globale Dienstleister ebnen den Weg in die Cloud.

red and white open neon signage

Das partnerschaftliche Prinzip als Idealtypus eines Ökosytems

Weitere Technologiedienstleiser treten beispielsweise an, um die Lücke zwischen Kreditgebern und Händlern zu schließen, und im B2B2C Segment tummeln sich Spezialisten, welche die wichtige Schnittstelle zu Konsumentinnen und Konsumenten (XS2A) herstellen und managen. Was kryptisch klingt, hilft am Ende des Tages bspw. das eigene Management der Finanzen zu erleichtern. ID-Dienstleister wiederum übernehmen für viele Finanzdienstleister das Identifikationsverfahren beim Onboarding neuer Kundinnen und Kunden. Selbst Versicherungen können heutzutage jeder Brand als Service vor die Türe gestellt werden.

Das partnerschaftliche Prinzip, basierend auf dem Grundsatz des Level-Playing-Fields, ist der Idealtypus eines Ökosystems, das wir im Bitkom weiter vorantreiben wollen. Denn so werden Financial Services zielgerichtet weiterentwickelt: Kreditvergabe am PoS? Klar! Bezahlen mit der Smart-Watch? Sowieso! Den lokalen Mittelstand durch Finanztechnologie an den globalen E-Commerce andocken? Natürlich!      

**********************

Digital Finance Conference 2021 on June 09/10 – for a diverse, sustainable, and cooperative finance ecosystem  

Teilt ihr unsere Vision? Wenn nicht, freuen wir uns umso mehr mit Euch ins Gespräch zu kommen. Eine gute Gelegenheit bietet sich auf der Digital Finance Conference, der #digifin21: 100% English and 100% remote. Holt Euch Euer Ticket und begebt Euch in die gute Gesellschaft von +1500 Teilnehmenden und 50+ Speaker, u.a.: Paolo Gentiloni (EU-Kommissar für Wirtschaft), Dr. Jörg Kukies (Staatssekretär im Bundesministerium für Finanzen), Burkhard Balz (Vorstandsmitglied der Deutschen Bundesbank), Miriam Wohlfarth (Founder and Managing Director, Ratepay / Co-Founder, Banxware), Kristina Walcker-Mayer (CEO, Bitwala), Ramin Niroumand (Founder und CEO, finleap), Martina Weimert (CEO, European Payments Inititative Interim Company), Nazim Cetin (CEO, Allianz X), Vilve Vene (CEO und Co-Founder, Modularbank), Michael Schweikart (Co-Founder, Tomorrow), u.v.m.

Autor
Short Bio: Kevin Hackl (Referent Digital Banking & Financial Services) verantwortet die Themen rund um Banking, FinTechs und Payment beim Digitalverband Bitkom. Dabei fokussiert er den Dialog mit Politik und Aufsichtsbehörden auf nationaler und EU-Ebene, um die digitale Transformation des... mehr
Newsletter
open close

Der beste Newsletter ever.

Wir versorgen dich wöchentlich mit News, ausgewählten Artikeln und Kommentaren zu aktuellen Themen, die die Finanz-Branche bewegen. Jetzt anmelden!