Quo vadis Security Token: Warum der Hype bislang ausblieb

Wer den Begriff Blockchain Token hört, denkt wahrscheinlich zunächst an Kryptowährungen wie Bitcoin. Dabei ist das neue Medium Token vielseitig einsetzbar. Sei es für digitales Zentralbankgeld oder eben Wertpapiere. Längst haben sich zahlreiche neue Unternehmen aufgemacht, die urkundliche Wertpapierverbriefung zu digitalisieren und durch sogenannte Security Token abzubilden. Was es mit den digitalen Wertpapieren auf sich hat und warum ihr Erfolg noch auf sich warten lässt.

Gastbeitrag von Sven Wagenknecht, Chefredakteur und Mitgründer von BTC-Echo, Medienkooperationspartner der CryptX

Alte Welt vs. Neue Welt

Mithilfe der Blockchain-Technologie lassen sich digitale Platzhalter, sprich Token, generieren. Dies ermöglicht nicht nur das Schaffen neuer Anlageklassen, siehe Kryptowährungen, sondern auch ein Optimieren bestehender Vermögenswerte. Aktien oder Anleihe können dadurch genauso abgebildet werden Bitcoin. Ein großer Vorteil der digitalen Verkörperung von Wertpapieren ist, dass man diese aus den tradierten und teils ineffizienten Infrastrukturen herauslösen kann. Die urkundliche Wertpapierverbriefung kann dadurch perspektivisch genauso obsolet werden, wie die Verwahrung durch einen Zentralverwahrer. Schlankere, schnellere und vor allem programmierbare Finanzinfrastrukturen versprechen einen Finanzsektor 2.0, der vor allem Investoren zugutekommen soll.

Die Entmaterialisierung von Wertpapieren stellt dabei die bestehenden Prozesse infrage. Warum dauert eine Wertpapierübertragung mehrere Tage? Warum sind viele Vorgänge im Hintergrund noch immer recht manuell respektive nicht stärker automatisiert? Traditionelle Finanzdienstleister, vom Wertpapierabwickler bis hin zur Vermögensverwaltung, arbeiten daher bereits heute an der neuen Umgebung für digitale Wertpapiere. Angefangen bei der Emission von digitalen Wertpapieren durch sogenannte Security Token Offerings (STOs), bis hin zur Digital-Asset-Verwahrung (Custody) – alles muss auf den Prüfstand gestellt werden.

Gut gemeint, aber …

Geringere Transaktionskosten, schnellere Abwicklung und gänzlich neue Geschäftsmodelle: Man müsste denken, dass die digitalen Wertpapiere bereits zum Hit unter Investoren geworden sind. Dem ist aber nicht so. Seit dem ersten öffentlichen Security Token Offering in Deutschland, im März 2019 durch das Start-up Bitbond, hat sich in puncto Angebot nicht viel getan. Wenn digitale Wertpapiere herausgegeben wurden, dann vor allem zur Finanzierung von Immobilienprojekten und weniger zur Unternehmensfinanzierung. Die Nachfrage von Kleinanlegern und institutionellen Investoren hält sich gegenwärtig noch in Grenzen, auch wenn hin und wieder ein kleiner Erfolg verkündet werden kann. Hier wäre zum Beispiel das tokenbasierte Crowdfunding von der Tomorrow Bank im Oktober 2020 zu erwähnen, das via digitalem Genussrecht bereits am ersten Tag überzeichnet war.

Handelbarkeit hält sich in Grenzen

Dass Wertpapiere in tokenisierter Form zum Standard werden, steht außer Frage. Doch scheint es bis dahin noch ein etwas längerer Weg zu sein. Denn im Gegensatz zu Bitcoin und anderen Kryptowährungen bewegen sich Wertpapiere in einem stark regulierten und institutionalisierten Marktumfeld. Die Vorteile der Blockhain-Technologie durch beispielsweise in Programmcode gegossene Verträge, sogenannte Smart Contracts, können bislang nur eingeschränkt genutzt werden. Entsprechend fehlt es auch an Argumenten für Investoren, warum sie jetzt überhaupt auf die digitalen Wertpapiere setzen sollten. Eine große Stärke der Token liegt in deren effizienter Handelbarkeit. Genau hier gehen Anleger aber noch leer aus. Es gibt gegenwärtig noch keinen Sekundärhandel im Sinne einer liquiden Börse. Neue Börsensegmente, an denen man die Anteile von KMUs und Start-ups handeln kann, sind zwar in der Mache, aber lassen noch auf sich warten.

Bieten digitale Wertpapiere nur Pseudovorteile?

Der große Hemmschuh liegt dabei weniger in der technologischen Umsetzbarkeit als in der Regulierung. Zwar hat man mit dem im Mai 2021 erlassenen Gesetz für elektronische Wertpapiere (eWpG) in Deutschland einen ersten Rechtsrahmen geschaffen, der speziell auf Token eingeht, doch ist dies noch zu wenig. Dieser regelt nämlich nur den Eigentumsübertrag von tokenisierten Schuldverschreibungen, nicht aber den von Eigenkapital. Tokenisierte Aktien sind daher in Deutschland noch Wunschdenken – es fehlt an der rechtlichen Grundlage.

Nimmt man das Beispiel der Start-ups, die sich via Token finanzieren, dann sind wir mit dem Problem konfrontiert, dass man nicht die gleichen Investorenrechte wahrnehmen kann, die Gesellschafter respektive Aktionäre genießen. Der Wunsch, mit 100 Euro Wagniskapitalgeber spielen zu können, wie es sonst institutionellen Investoren vorbehalten ist, bleibt damit unerfüllt. Stattdessen müssen komplizierte Umwege über Schuldverschreibungen gegangen werden, die versuchen, Eigenkapitaleigenschaften nachzuahmen. Genuss- oder Partizipationsrechte können so auch als Schuldverschreibung oder Mezzaninkapital einen Kompromiss darstellen. Durch ihre komplexe Struktur sind diese aber zu Teilen recht ungünstig für die Investoren ausgestaltet. Wirklich attraktiv ist anders.

Auch sieht das Gesetz vor, dass die neu geschaffene Sonderform der Kryptowertpapiere von einem registrierten Zentralverwahrer geführt werden. Indem man digitale Wertpapiere in die bestehenden zentralisierten Strukturen zurückdrängt, ist es alles andere als leicht, eine offensichtliche Überlegenheit gegenüber klassischen Verbriefungen auszumachen.

Wann werden Security Token bei Wertpapieren zum Marktstandard?

Entsprechend hält sich das Angebot an digitalen Wertpapier-Emissionen noch zurück. Viele Unternehmen scheuen den damit verbundenen Aufwand. Schließlich fehlt es an Standardisierungen und Prozesssicherheit. Beispielsweise kann das Erstellen eines Wertpapierprospektes, da regulatorisches Neuland, schnell mal höhere Kosten verursachen als beim traditionellen Pendant. Angesichts ausufernder Transaktionskosten bei der Ethereum Blockchain stellt sich auch immer die Frage, auf welche Blockchain man setzen soll. Entsprechend braucht es gegenwärtig noch mutige Pioniere, die bereit sind, die Extrameile in Kauf zu nehmen. Dies gilt für Emittenten, Token-Dienstleister und Investoren gleichermaßen.

Bei aller Kritik muss aber auch klar sein: Noch in diesem Jahrzehnt dürften Wertpapier-Token zum dominierenden Anlagestandard werden. Die Blockchain-Technologie und mit ihr die rein digitale Verbriefung von diversen Vermögenswerten stellt genauso wenig einen vorübergehenden Trend dar, wie das Internet in den 90er Jahren. Noch nicht jeder professionelle Finanzmarktakteur scheint dies verstanden zu haben. Wer nicht nur an das Jetzt, sondern auch an die Zukunft denkt, kann also gut beraten sein, die Extrameile auf sich zu nehmen.

Über den Autor:
Sven Wagenknecht ist Chefredakteur und Mitgründer von BTC-Echo, dem reichweitenstarken Online-Magazin zu den Themenfeldern Blockchain und Kryptowährungen.

BTC-Echo ist ausgewählter Medienpartner der bevorstehenden CryptX, das neue Event-Format von Payment and Banking. Am 18.11. treffen sich nationale und internationale Stars aus dem Digital-Business und geben einen Ausblick auf zukunftsweisende Entwicklungen bei Bitcoin & Co. Die CryptX baut Brücken zwischen der alten (Payment- und Banken-)Welt und der neuen (Crypto-)Welt. Jetzt Tickets sichern, live in 2G oder remote.

Headerbild, iStock: Bildnachweis: matejmo

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Die studierte Soziologin und Medienwissenschaftlerin beobachtet, analysiert und schreibt als Journalistin seit vielen Jahren über die Startup- und Fintechszene. In der Vergangenheit arbeitete sie für führende on- und offline für Gründer- und Wirtschaftsmedien im In- und Ausland, moderiert, schrieb mit... mehr
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