Der digitale Euro ist Zukunft – Stablecoins sind längst Gegenwart

Kolumne Peter Großkopf kettenbrief

Europa redet über den digitalen Euro, während andere längst Fakten schaffen.

Europa diskutiert über digitale Souveränität, währenddessen wird weiterhin unser digitaler Zahlungsverkehr von nicht-europäischen Akteuren kontrolliert. Visa, Mastercard, PayPal, ApplePay und neuerdings auch US-Dollar-Stablecoins dominieren unseren Alltag. Wer glaubt, digitale Währungen seien ein Zukunftsthema, hat die Gegenwart verpasst. Stablecoins sind heute schon globales Zahlungsmittel, Infrastrukturbestandteil für Handel, DeFi, Kapitalmärkte und Tokenisierung. Nur eines sind sie nicht: europäisch.

Der digitale Euro kommt, aber spät

Ja, der digitale Euro ist wichtig. Er ist politisch gewollt, im Kern ein sinnvolles Projekt, groß gedacht. Aber er ist langsam. Selbst optimistische Szenarien sprechen von 2028 oder später. Bis dahin wird der Markt nicht warten. Standards entstehen nicht in Konferenzen, sondern durch Nutzung. Wer heute skaliert, prägt morgen die Regeln.

Und genau hier liegt Europas unterschätzte Chance: Mit MiCAR verfügt die EU als erste Region der Welt über einen verbindlichen, klaren Rechtsrahmen für digitale Vermögenswerte, inklusive Stablecoins. MiCAR schafft, was der Markt braucht: Rechtssicherheit, Reserveanforderungen, Aufsicht und Verbraucherschutz. Während die USA zwischen SEC, CFTC, Lobbydruck und Stillstand schwanken, könnte Europa das Spielfeld definieren.

Stablecoins als Brückentechnologie

Stablecoins sind nicht das Gegenmodell zum digitalen Euro. Sie sind seine Vorhut, sein Testlabor und seine Brücke. Sie liefern Antworten auf aktuelle Bedürfnisse: Echtzeittransaktionen, automatisierbare Zahlungen, grenzüberschreitende Effizienz, Liquidität ohne Bürokratie. Sie ermöglichen tokenisierte Kapitalmärkte, IoT-Payments und neue Geschäftsmodelle. Vor allem aber ermöglichen sie Unabhängigkeit, nicht irgendwann, sondern heute. 

Doch noch ist Europas Rolle unklar: Zuschauer oder Spieler? Konsument oder Gestalter? Andere Regionen skalieren nicht, weil sie bessere Ideen haben, sondern weil sie handeln, während Europa abwägt.

Die Frage ist nicht, ob man den digitalen Euro ODER Stablecoins braucht. Es braucht beide Formen von digitalen Geld, weil sie sich auch langfristig in unterschiedlichen Nutzungsmodellen etablieren werden. Der digitale Euro als digitales Bargeld und Stablecoins als programmierbares “Internet Money”. 

Schnelligkeit gewinnt

Die Wahrheit ist unbequem: Souveränität entsteht nicht durch strategische Absicht, sondern durch operative Geschwindigkeit. Wer heute keine eigenen Stablecoin-Infrastrukturen baut, zahlt morgen digitale Maut an andere. Und wer glaubt, man könne erst auf die CBDC warten, irrt. 

Europa hat alles, was es braucht: Regulierung, Finanzinstitutionen, Technologie, Kapital und Legitimität. Was fehlt, ist der Schulterschluss zwischen allen staatlichen, politischen und privaten Akteuren sowie der Wille zur Umsetzung.

Stablecoins sind nicht das Ziel. Sie sind das Werkzeug. Die erste Schicht einer Infrastruktur, die Europa seit Jahren beschwört, aber noch nicht baut. Die Zukunft des Geldes ist längst digital. Die Frage ist nur, ob sie europäisch sein wird.

Autor

  • Peter Grosskopf ist von Hause aus Softwareentwickler und hat ein Faible für Gründung und Aufbau von regulierten Unternehmen. Solaris, Börse Stuttgart Digital Exchange, Unstoppable Finance / Ultimate, Iron und heute AllUnity sind die letzten Projekte, an denen er maßgeblich als Gründer oder leitender Angestellter mitgewirkt hat. Seit einigen Jahren beschäftigt er sich mit den Themen Blockchain, Banking, Web3, FinTech, Regulierung und übt sich als C3PO – Dolmetscher – zwischen Realwelt, Politik und Krypto Bubble. Seine Reise von Bank (TradFi) über Digital Asset Exchange (CeFi) über Wallet (DeFi) hin zu Stablecoins hat maßgeblichen Einfluss auf seine Kolumne „Kettenbrief“, die er seit 2025 exklusiv auf Payment & Banking veröffentlicht. Die kritische Auseinandersetzung damit, was in seiner Branche tagtäglich passiert, hält ihn „an der Kette“.

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