N26, Yomo und bunq – die Wegwerf-Konten

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Konto ade, scheiden tut weh…oder doch nicht?

Der Kunde kann in Deutschland zwischen fast 2.000 Kreditinstituten wählen und Dienstleistungen in einer der über 35.000 Filialen in Anspruch nehmen. Zwar haben sich die Retailbanken inzwischen alle das Thema Digitalisierung auf die Fahne geschrieben, kommen aber zum Teil nur schleppend voran. Gleichzeitig drängen neue Mitspieler auf den Markt, die das Girokonto zum Wegwerfprodukt machen.

Als GMX 1997 an den Start ging und Jedem eine Wunschemail-Adresse zur Verfügung stellte, glich das einer kleinen Revolution. Man war nicht mehr abhängig von der E-Mail Adresse seines Internetproviders, sondern konnte sich bei Diensten wie GMX völlig kostenlos seine persönlich gewünschte Adresse sichern. Diese neue Freiheit führte zu einer Trennung zwischen Internetprovider und E-Mail-Dienst. Inzwischen haben über 50% der Deutschen, mehr als zwei private E-Mail Adressen und das Anlegen einer neuen E-Mail dauert nur wenige Minuten.

Die Wegwerf Konten

Das Girokonto wird zum Wegwerfartikel

Im Retailbanking passiert etwas sehr ähnliches. Das Produkt Girokonto wird zu einem Wegwerfartikel. Durch Lösungen, wie sie von N26, YOMO oder bunq angeboten werden, verliert das Girokonto an Bedeutung. Die Sinnhaftigkeit geht verloren, weil man innerhalb von Minuten, mithilfe einer App, ein Konto anlegen kann, ähnlich wie das Anlegen einer E-Mail Adresse. Ob das Konto dann genutzt wird, steht auf einem anderen Blatt. Das Konto ist Commodity geworden, fast schon belanglos. Damit unterscheidet sich das Bankkonto sogar bereits von der E-Mail. Während eine E-Mail Adressen auch ein Statement sein kann, ist ein Konto nichts anderes als eine 34-stellige Zahl. Es mag dahingestellt sein ob eine GMail oder iCloud Adresse cooler ist, als eine Web.de oder T-Online Adresse, sicher ist jedoch, dass sich niemand über seine IBAN definiert. Dem nicht genug , wird doch durch die bevorstehende PSD2 Reform und demeinhergehend XS2A (Access to Account) ohnehin Banking von der Bank getrennt. Dann können die Nutzer mit jedem beliebigen Dienst oder Frontend auf das eigene Konto zugreifen und die Sicht von ebendiesem wird getrennt, vom Konto selbst und somit rückt das Konto immer weiter in den Hintergrund.

Das Girokonto als persönliches Statement

Anbieter wie N26 versuchen das zu kompensieren, indem sie das Girokonto als Statement positionieren. Ein Girokonto als Aushängeschild? Ob das funktioniert, wird sich in Zukunft zeigen. Was N26 aber gezeigt hat ist, dass seit 2015 über 300.000 Kunden zumindest ein Konto angelegt haben. Ob das alles Nutzer sind, daran darf gezweifelt werden. Aber nur durch die Vereinfachung des Prozesses, hat N26 überhaupt ein solches Wachstum hinlegen können. Nach dem Motto: Das Konto so einfach wie eine E-Mail. Mit Yomo versuchen die Sparkassen ein Abwandern der Kunden zu stoppen und schlagen in die gleiche Kerbe wie der Konkurrent, N26. Banking soll nicht nur einfacher werden, sondern auch ein Ausdruck der Identität. Das Knax-Konto für Millenials. Auch hier wird sich in Zukunft zeigen, ob daraus ein Schuh wird.

Wie belanglos ein Girokonto sein kann, zeigt das holländische bunq, ein für mobile Nutzer konzipiertes Girokonto, welches seit kurzem auch in Deutschland verfügbar ist. Ins Leben gerufen wurde bunq von Ali Niknam, der auch transip, einem holländischen Webhoster gegründet hat. Kunden von bunq sind durch das DGS (Deposit Guarantee Scheme der Dutch National Bank) geschützt und bunq hat darüber hinaus eine niederländische Banklizenz. Bei bunq handelt es sich um eine mobiles Girokonto, welches einzig über die bunq-App angelegt und genutzt werden kann. Innerhalb der App können Nutzer bis zu zehn verschiedene Konten anlegen, sozusagen für jeden Zweck. Das Konto als Wegwerf-Bankverbindung.

Die Wegwerf Konten

Die Kundenschnittstelle als Erfolgsfaktor

Das Girokonto wie wir es heute noch kennen, durchläuft einen von außen getriebenen Wandel. Das Produkt wird über die Kundenschnittstelle definiert. Lösungen wie N26, YOMO oder bunq definieren Banking über die Benutzererfahrung und nicht über Gebührenstrukturen oder Filialnetz. Dazu braucht es nicht mal eine Banklizenz sondern einfach nur eine Partnerbank die im Hintergrund werkelt. N26 ist anfänglich ohne eigene Banklizenz mit Wirecard gestartet. Die eigentliche Bank agiert im Hintergrund während die Kundenschnittstelle Andere liefern. Durch die bevorstehende PSD2-Reform und der Trennung von Banking (den Kontodaten des Nutzers) und der Bank, wird diese Entwicklung noch weiter voran getrieben. Dann können Bankdaten standardisiert und in jede beliebige Anwendung integriert werden und die Kundenschnittstelle wird sich weiter vom eigentlichen Konto entfernen. Am Ende bleibt dann nur noch die IBAN und die Girocard, die den Rückschluss auf das eigentliche Konto zulässt.

Die Wegwerf Konten

Fazit

Retailbanken werden immer wieder mit vielen neuen Entwicklungen konfrontiert. Sie müssen sich mit der digitalen Transformation beschäftigen und Antworten und Lösungen finden, um den inzwischen digitalisierten Kunden überhaupt noch zielgerichtet zu erreichen. Auch bieten immer mehr FinTechs kundenzentrierte Lösungen an und selbst die großen Plattformen wie Amazon, Google, Facebook oder Apple bieten Lösungen, die thematisch der Payment-und Banking Branche vorenthalten waren und nicht gesehen wurden. Gleichzeitig wird das Kernprodukt Girokonto immer beliebiger und die Kundenschnittstelle immer wichtiger – eine Herausforderung, an der die meisten Retailbanken immer noch scheitern. Zu guter Letzt, führt die PSD II Reform zur weiteren Abspaltung des Onlinebankings von der Bank.

Die Vorzeichen stehen schlecht für die Retailbanken und die Uhren ticken immer lauter. Doch ein Patentrezept die Herausforderung zu lösen, gibt es bisweilen nicht. Kundenfokussierung oder agile Produktentwicklung sind aber schonmal wichtige Schritte in die richtige Richtung. Zeit also, sich dieser Themen anzunehmen.

Edit: Im Text hatte sich ein Fehler eingeschlichen und wurde entsprechend nach freundlichen Hinweis von bunq korrigiert.

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Maik Klotz

Senior Consultant bei KI finance
Maik Klotz ist Berater, Sprecher und Autor zu den Themen Banking, Payment und Retail. Seit vielen Jahren berät Maik Unternehmen zu kundenzentrierten Innovationsmethoden und der Fokussierung auf den Nutzer. Aktuell ist er als als Senior Consultant bei der KI finance GmbH aktiv.
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7 Comments

  1. Hi Maik, danke erstmal für den guten Artikel!!

    Durch die weiter sinkenden Investitionskosten für digitale Services (inkl. Mobile Banking Services) und den niedrigeren operativen Kosten (u.a. kein Filialnetz) und der insbesondere durch PSD2 induzierten geringen vertikalen Integration bekommen wir das, was wir im Retail schon haben, Longtail („niches in the tail“)

    Somit werden wir immer mehr Angebote im Banking sehen, die sich auf bestimmte Zielgruppen fokussieren (Nischen) und durch die Bündelung (dank PSD2) von Services für diese Zielsegment die „ideale“ Kombination an Dienstleistungen, Produkte, etc. anbieten werden. Dann haben wir den Anbieter von Banking+ für den kleinen Handwerker, für den Selbstständigen, für Hundeliebhaber, etc.

    Ein spannende Entwicklung, bei der aber immer noch die Frage bleibt, werden die Anbieter damit Geld verdienen? Und welche Größe können Sie denn erreichen? Den Beweis sind leider bis jetzt noch viele schuldig geblieben! Davon mal abgesehen, zeigen Zahlen aus den UK das die Challenger Banks bis dato keinen signifikanten Marktanteil gewinnen konnten. Stellt sich die Frage, wie wichtig ist das Thema Banking denn überhaupt für die Konsumenten? Vermutlich nicht so relevant, wie WLAN, Batterie, Spiele, Videostreaming, und Co..

    Und wie werden die Banken reagieren? Spezialangebote bauen wie Yomo, … oder sich mittelfristig doch auf das Konto selber fokussieren und die Kundenschnittstelle anderen überlassen? Also zu reinen Produktspezialisten werden?

    Also viele Fragen, die aus meiner Sicht offen sind. Und damit noch viele Möglichkeiten hier gute Artikel zu lesen! 😉

  2. Wenn ich das richtig verstanden habe, ist bunq direkt mit einer eigenen Banklizenz gestartet, also eine IT-Firma mit Banklizenz. Die DNB scheint mir das Äquivalent zur deutschen Bundesbank zu sein? Oder habe ich das falsch verstanden?

    Quelle: Kapitel1: „Willst du mehr über unsere Banklizenz erfahren? Sieh dir das Bankregister der Dutch Central Bank (De Nederlandsche Bank) an. Das Register findest du auf http://www.dnb.nl.“
    https://www.bunq.com/files/media/legal/de/20170303_Bedingungen_bunq_basic_DE.pdf

  3. Interessante Blickrichtung. Der Vergleich zwischen E-Mail-Adresse und Bankkonto hinkt aber und das nicht nur, weil für die Eröffnung eines Bankkontos immer noch ein paar rechtliche Schritte mehr notwendig sind.
    Schon vor Number26 gab es mehr Girokonten in Deutschland als Einwohner über 18, insofern ist auch der Trend zum Mehrfachbanking nicht neu.
    Was den neuen 0-Euro-Anbietern zu fehlen scheint, ist eine klare Strategie, wie sie mit den Kunden Geld verdienen wollen. Es fehlt am Geschäftsmodell.
    Die etablierten Institute haben eines und nicht nur deshalb, sondern auch, weil das Konsumentenverhalten sich (noch) nicht wirklich ändert, werden sie auf absehbare Zeit weiter die Kundenverbindung halten. Ob sie das daraus machen, was möglich wäre, ist eine ganz andere Frage,

    Beste Grüße
    Hansjörg Leichsenring
    https://www.der-bank-blog.de

  4. […] Durch Banking-Apps zum Wegwerfprodukt:  Mit den Angeboten von N26, Yomo und andere Smartphone-Banken ist das Anlegen eines Girokontos mit wenigen Klicks erledigt. Seit 2015 haben Kunden über N26 allein 300.000 neue Konten eröffnet. Mobile-Payment-Experte Maik Klotz hat allerdings seine Zweifel, ob die auch tatsächlich genutzt werden. Im Artikel geht er dem Erfolgspotential von Strategien nach, mit denen Banking-Apps ihren Kunden neben Einfachheit auch Identität – also eine Art Knax-Konto für Millenials – bieten. paymentandbanking.com […]

  5. Wird sicherlich interessant zu sehen seien, ob perspektivisch das Girokontogeschäftsmodell wie Facebook & Co. funktioniert. Facebook-Konto ist auch kostenlos, trotzdem scheinen die Herrschaften mit Daten und Werbung Geld zu verdienen. Girokontoinhaber ist somit nicht der Kunde, sondern das Produkt. Regulierung & Datenschutz vs. Geschäftsmodell.

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