Die zerpflückte Bank – Das Fintech Ratpack zum Unbundling

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In den letzten Jahren gab es ein großes Unbundling der Banken, dem Herauslösen von bankenbezogenen Diensten in neue singuläre Produkte. Getrieben von Fintechs wurden die Dienste der Banken in Ihre Einzelteile zerlegt und für jedes Feature oder Dienstleistung ein neues Startup gegründet.

Der Grundgedanke: statt der Eier-legenden-Wollmilch-Sau bietet man dem Kunden auf den Anwendungsfall bezogenen Produkte, die am Ende nicht nur zielgerichteter sondern auch anwenderfreundlicher sind. Diese Vorgehensweise war so richtig wie sie auch falsch war, denn nicht jedes Feature oder Dienst macht auch als eigenständiges Produkt Sinn. Und so wundert es nicht, dass beispielsweise P2P Payment in Deutschland nicht an Fahrt gewinnt und selbst Wunderkinder wie das Fintech Cookies sich geschlagen geben müssen. Ein kritischer Blick auf das Unbundling der Banken.

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Das Unbundling in seiner finalen Dimension ist nicht vorbei, sondern steht weiterhin erst am Anfang. In der Tat klappt nicht jeder Dienst sofort, aber der Trend Use-Case für Use-Case gut und effizient wie möglich zu lösen, ist nicht zu stoppen. Der Anfang wurde vor allem im Privatkundengeschäft gemacht, aber nun geht es vermehrt in die anderen Bereiche: Geschäfts- und Firmenkunden. Bereiche in denen die Möglichkeit Geld zu verdienen auch sehr viel schneller sichtbar ist. Factoring, Währungsgeschäfte oder alternative Finanzierungsformen werden gerade erwachsen und forcieren das Unbundling in Dimensionen die ggf. nicht so sexy, aber viel lukrativer sind. Zudem erfinden neue Player gerade Produkte die Banken ihren Kunden in der Form nie angeboten haben oder anbieten wollten.

 

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Maik
Bestehendes zu hinterfragen ist richtig und wichtig und der damit verbundene Drang von Fintechs neue und bessere Lösungen zu entwickeln hat schlußendlich die gesamte Branche nach vorne gebracht. Ohne N26 hätten die Sparkassen niemals YOMO gestartet, ohne PayPal gäbe es kein Paydirekt. Man kann von den Lösungen am Ende halten was man will, aber es sind eben die Einflüsse von außen die dazu geführt haben, das bestehende Lösungen überdacht werden. Auch wenn durch das Unbundling der Banken nicht immer sofort zu den gewünschten Ergebnissen geführt hat, war es nicht minder wichtig. Natürlich funktioniert nicht jeder Dienst sofort, manche gar nicht, aber der Anspruch, Dinge zu vereinfachen ist der richtige Weg. Und auch wenn einige Fintechs gescheitert sind, sie hatten immerhin den Mut etwas anzugehen und zu bewegen. Einen Mut, den man sich immer wieder von den traditionellen Playern wünscht. Trotzdem darf es nicht zum Selbstzweck werden, aus jedem einzelnen Feature ein Startup zu Gründen. Dieser Selbstzweck ist zum Glück die Ausnahme.

 

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Hat das Unbundling überhaupt schon begonnen? OK, wir haben ca. 400 aktive FinTechs in Deutschland, die sich daran “versuchen”. Aber mit Ausnahme von Payment-Anbietern die vor dem aktuellen FinTech-Hype groß wurden (z.B. PayPal, Wirecard etc.) hat keines wirklich bislang an Relevanz gewonnen. Wir haben daher vielmehr Unbundling-Versuche und z.T. erfolgreiche Proof-of-Concepts mit mehreren 100.000 Kunden, aber haben wir Massenmarkt…? Noch nicht wirklich… noch nicht…!
Was machen die Banken? Nutzen Sie ihre zeitliche Chance so lange das “richtige” Unbundling noch gar nicht begonnen hat? Sie machen mehr Digitalisierungs-Marketing denn tatsächliche operative Digitalisierung. Sie investieren lieber in Fintechs, machen Hackatons, schaffen neue Chief Digital Officer-Silo-Organisationen statt “digital” gänzlich in der ganzen Organisation zu leben und klassifizieren ohnehin geplante Aktivitäten wie Filial-Modernisierung mal schnell als “Digitalisierungsaktivitäten”. Gehen Sie aber dahin wo es “dreckig“ ist und „stinkt”? Also gehen sie in den Maschinenraum und passen ihre angestaubte IT, Produkte und Prozesse an die neue digitale und mobile Wirklichkeit ihrer Kunden an? Digitalisierung bedeutet für Banken, dass man die eigenen Produkte und Prozesse signifikant ändern, also verbessern muss, auch über Produkt-Partnerschaften mit Fintechs. Nur eine absolute Minderheit der Banken “lebt” genau dies bislang. So lange die Fintechs mit dem Unbundling noch nicht im Massenmarkt erfolgreich sind, funktioniert diese Placebo-Strategie… noch…!

 

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Kilian
Das Unbundling war ein richtiger und wichtiger Prozess. Er hat dazu geführt, dass oft bereits bestehende Produkte in anderer Art und Weise auf- und umgesetzt wurden. Man konnte viel Legacy von Bord werfen und auch neue Wege hinsichtlich Vertrieb & Marketing ausprobieren. Nicht jedes Produkt reicht, um eine Firma alleine zu tragen (sogesehen stimme ich dem nicht zu, dass nur weil man sich mit einem etablierten Player zusammentut aus einem Produkt ein Feature wird). Die interessante Frage ist, wie nun ein schlaues Rebundling funktioniert und wer hier die treibende Kraft sein wird. Sind es die alten Banken, neue FinTech Player oder “Externe”. Rebundling kann genauso wie Unbundling über unterschiedliche Wege fungieren, von loser Kooperation bis hin zu M&A Aktivitäten. Für mich ist beides ein logischer Prozess in einem sich wandelnden Markt. Das der Kunde Financial Services Produkte mehr und mehr kontextbasierend angeboten haben will, ist ein genereller Trend, der Unbundling Tendenzen fördert, daher ist dieser Prozess auch nicht “zu Ende”, sondern ein laufender, der auch in angrenzende Branchen (Versicherungen…) überschwappen wird.

 

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Ein Fintech hat realistisch gesehen gar keine Alternative außer sich einzelne Use Cases einer Vollbank heraus zu picken. Der Prozess des Unbundling zeigt dann sehr deutlich den Vorteil der Fokussierung auf genau einen Teilbereich. Fintechs können viel zielgenauer Kunden für dieses eine Produkt identifizieren und mit moderneren Marketingmethoden auch jüngere Kunden ansprechen. Hinzu kommt der Vorteil, dass diese jungen Unternehmen nicht die Systeme und “Schulden” etlicher Dekaden mitschleppen müssen und daher viel schlankere Systeme und Prozesse aufbauen können, die im Umkehrschluss die Banken “alt” aussehen lassen.
Das nicht jeder x-beliebiger Use Case einer Vollbank auch wirtschaftlich ein Fintech rechtfertigt, sieht man an einigen einzelnen Beispielen. Dies widerspricht aber nicht dem kreativen “Zerstörungsprozess” des Unbundling sondern zeigt nur manch falsche unternehmerische Entscheidung (oder Selbstüberschätzung respektive Naivität an den Glauben einer 45˚ Wachstumskurve).
Es bleibt interessant zu beobachten, wann die ersten “Rebundling” Angebote von Fintechs auf den Markt kommen (erste Anzeichen sehen wir bei einigen Anbietern ja bereits) und wie diese jungen Unternehmen dann mit der Komplexität einer Multi-Produkt Organisation zurecht kommen und ob sie es verstehen die Agilität und Effektivität beizubehalten. Es würde mich nicht überraschen, wenn hier die bestehenden Banken noch ein Betätigungsfeld finden und Fintech Produkte in ihren “Bauchladen” mit aufnehmen und so ein “Rebundling” statt findet.

 

Sanded Out Body, „Chrome“ And Tinted Parts by Wbaiv via Attribution Engine. Licensed under CC BY-SA.
Rafael Otero

Rafael Otero

Rafael Otero ist Unternehmer, Business-Angel und Mentor im Startup- und FinTech-Umfeld. Rafael schaut zurück auf über 10 Jahre Erfahrung im Payment Bereich in denen er in Führungspositionen oder als Co-Founder aktiv war. Aktuell ist er Co-FounderAktuell ist er Co-Founder bei der Voice First einer Strategieberatung rund um innovative Voice Solutions.

Zuvor war er Co-Founder payleven, Co-Founder Payment Company, Program manager 1&1, VP ClickandBuy.
Rafael Otero

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